Magische Kräfte und Überlebenstechniken: Ein Blick zurück auf die Bettler im Kanton Uri

Betteln war früher besonders auf dem Land verbreitet – so auch in den Dörfern des Reuss- und Urserntals. Ein Blick in das Werk «Sagen aus Uri» beleuchtet eine vergangene Zeit von Armut und den Umgang mit bettelnden Menschen.

Martin Schaffner
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Ein Bettler auf dem Rathausplatz in Altdorf.

Ein Bettler auf dem Rathausplatz in Altdorf.

Bild: Richard Aschwanden, Staatsarchiv Uri

Zurzeit trifft man in der Schweiz häufig auf bettelnde Männer und Frauen aus Südosteuropa. Sie sitzen mit trotziger oder abgelöschter Miene am Rand öffentlicher Plätze auf dem Boden, streifen durch Strassen und bitten – manchmal aufdringlich – um Geld. Ganze Gruppen von ihnen übernachten in öffentlichen Parks, zum Ärger von Anwohnern und Passanten. Darüber ist in Städten wie Basel eine heftige Diskussion entbrannt. Soll man das Betteln verbieten, die Bettelnden wegweisen und ausschaffen? Sie einfach übersehen? Oder sie dulden, ihnen sogar ein paar Münzen in den Plastikbecher werfen?

Solche Fragen stellten sich schon unsere Vorfahren. Betteln war noch im 19. Jahrhundert in der Schweiz und – anders als heute – besonders auf dem Land weit verbreitet. Mündlich überlieferte Geschichten, die in der Bevölkerung zirkulierten, berichteten darüber. So auch in den Dörfern des Reuss- und des Urserntals. Sie drehten sich um die Frage, wie mit bettelnden Männern, Frauen und Kindern, mit Nichtsesshaften überhaupt, zu verfahren sei.

Bis auf das Haus des Bettlers brannte ganz Andermatt nieder

Ein typisches Beispiel ist der Bericht über eine Episode, die der 80-jährige Baptist Regli dem Spitalpfarrer Josef Müller erzählte. Müller (1870–1929) war kulturgeschichtlich interessiert und sammelte neben seiner Tätigkeit im Spital in Altdorf 1600 mündlich überlieferte «Sagen» aus dem ganzen Kanton (publiziert 1926 bis 1945 in drei Bänden als «Sagen aus Uri»). Betteln ist in vielen von ihnen ein Thema, so auch in der Sage «Der geheimnisvolle Bettler in Andermatt». Ein dankbarer Bettler, der aufgenommen worden sei, habe beim Abschied zu seinen Gastgebern gesagt: «I will ich ä Segä hinderloh», und habe dann eine Anzahl Buchstaben in den Türsturz geschnitzt. Regli fuhr fort: «Durch Sorglosigkeit zweier Stromer brannte später das ganze Dorf Andermatt nieder bis auf das Haus im Höfli, in dem der Bettler so freundlich aufgenommen wurde.»

Eine ähnliche Geschichte mit dem Titel «Der geheimnisvolle Bettler» erzählten J. Huber aus Erstfeld und J. J. Simmen aus Andermatt dem Spitalpfarrer («Sagen aus Uri»). Ein «fremder, unbekannter Bettler» sei spät abends «bei abscheulichem Wetter» nach Andermatt gekommen und habe in mehreren Häusern um ein Nachtlager gebeten. Dieses sei ihm von «harten Reichen» verweigert, dann aber von «freundlichen Armen» gewährt worden: «Wenn du zufrieden bist, auf dem Ofenbänkli zu schlafen, kannst du bei uns übernachten und mit uns essen und trinken.» Drei Tage lang, während denen «der eisige Nordwind graue Nebelfetzen und Regenströme durch das enge Tal hinauf peitschte», hätten die Leute den Fremden beherbergt. Am vierten habe er sich verabschiedet, indem er zum Dank «am Türsturz eine ganze Reihe von Buchstaben einschnitt». Dazu habe er gesagt:

«Diese Wohnung wird in grosse Gefahr kommen, aber es wird ihr nichts geschehen.»

Später, so erzählten die beiden Informanten dem Sagensammler, sei die eine Hälfte des Hauses abgebrannt, die andere aber – wo der Bettler aufgenommen worden war – verschont geblieben. Die Zeichen seien noch immer zu sehen, nur könne sie niemand entziffern.

Wohltäter belohnen, Egoisten bestrafen

Die Botschaft dieser Geschichten aus früheren Zeiten ist eindeutig: Man soll herumziehenden Bettlern beistehen und sie aufnehmen. Doch die Zeichen, welche die dankbaren Gäste am Türschaft einritzen, sagen auch etwas Erstaunliches über die Bettler aus. Nämlich, dass sie über magische Kräfte und damit über Macht verfügen. So können sie ihre Wohltäter belohnen und diejenigen strafen, die ihnen nichts geben.

Das sollen einst auch die Älpler auf der Alp Aue erfahren haben, die einem «fremden Bettelmandli», das im Brunnital unterwegs war, die Butter verweigerten, die es verlangt hatte. Zunächst sei nichts geschehen. «Da kam aber am dritten oder vierten Tag über Laue und Umgebung ein unerhörtes Hagelwetter, vernichtete alles Gras und schlug sogar die Tannen in den Wäldern kahl» («Sagen aus Uri»).

Ein wirksames Armenwesen fehlte

Bettelnde Männer, Frauen und auch Kinder waren im 19. Jahrhundert in Uri eine alltägliche Erscheinung. Die meisten von ihnen waren verarmte Einheimische, die sich, weil ein wirksames Armenwesen fehlte, so durchzuschlagen hofften. Ihr Betteln muss darum als «irreguläre Überlebenstechnik» gelten (P. Arnold, «Almosen und Allmenden. Verarmung und Rückständigkeit in der Urner Markgenossenschaft»). Die Behörden von Gemeinden und Kanton kämpften erfolglos dagegen an. So erliess zum Beispiel die Armenpflege von Schattdorf wie andere Gemeinden auch ein Reglement gegen das Betteln und gab dem Dorfpolizisten den «ausdrücklichen Befehl, den Gassenbettel besonders an der Landstrasse zu hindern» («J. Bielmann, Die Lebensverhältnisse im Urnerland während des 18. und zu Beginn des 19. Jahrhunderts»).

In den Geschichten, die Spitalpfarrer Müller viele Jahrzehnte später aufschrieb, waren Aufnahme und Verpflegung von bettelnden Menschen ein Gebot von Barmherzigkeit. In Zeiten, da es keine sozialstaatlichen Auffangnetze für Menschen in Not gab, war das für die Betroffenen, aber auch für die Dorfgemeinschaft eine Notwendigkeit. Daran wollten die Geschichten erinnern. Sie stellten ausserdem klar, dass für die Bettelnden mit der Annahme der Gabe eine Gegengabe der Bettler fällig wurde, auch wenn diese bloss in einem Segenswunsch bestand.

Für ein paar Münzen den Segen geben

In Gebieten, wo sozialstaatliche Leistungen fehlen, kann man das Betteln als Überlebenstechnik, die von der Gemeinschaft akzeptiert ist, heute noch beobachten. Der Autor dieses Artikels, Martin Schaffner, erinnert sich an einen behinderten Bettler, den er in einer Stadt in Chiapas (Mexiko) beobachtete. Jeden Morgen bewegte er sich zur gleichen Zeit auf dem immer gleichen Parcours durch die Gassen, wo er in den Cafés ohne viel Worte von Einheimischen und Touristen ein paar Münzen erhielt, die er mit einem Segenswunsch quittierte. So sicherte er sein Überleben.

Die Männer und Frauen aus Südosteuropa, die heute die Passanten anbetteln, gleichen den Bettlern früherer Zeiten, weil ihnen Armut und soziale Rückständigkeit in ihrem Land das Leben schwer machen. Aber sie unterscheiden sich auch von den Armen von damals. Sie sind organisiert und verständigen sich unter einander mittels Mobiltelefon. Magische Kräfte schreibt ihnen niemand zu, und «Gegengaben» sind von ihnen auch nicht zu erwarten. Doch wie auch immer wir auf sie reagieren: Sie erinnern daran, dass vor nicht allzu langer Zeit auch bei uns bettelnde Männer und Frauen herumzogen, um überleben zu können.

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