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Gehörloser Urner fühlt sich manchmal isoliert

Viktor Kempf ist seit seinem 3. Lebensjahr gehörlos. Er und sein Bruder Kari geben einen Einblick in eine Welt, in der Gestik und Augenkontakt essenziell sind.
Maria Schilter*
Kari Kempf (links) mit seinem gehörlosen Bruder Viktor im Gespräch mit Autorin Maria Schilter.

Kari Kempf (links) mit seinem gehörlosen Bruder Viktor im Gespräch mit Autorin Maria Schilter.

*Maria Schilter ist Gastautorin bei der Urner Zeitung. Sie selber verfügt über Grundkenntnisse der deutschschweizerischen Gebärdensprache.

Zum internationalen Tag der Gehörlosen, der anfangs dieser Woche stattfand, hat die Autorin dieses Artikels den gebürtigen Urner Viktor Kempf und dessen Bruder Kari interviewt. Viktor Kempf gehört zu den 10000 gehörlosen Menschen, die in der Schweiz leben, weltweit sind es rund 70 Millionen. Auf eine Gebärdendolmetscherin konnte beim Interview verzichtet werden. Neben Händen (Gebärden) und Füssen waren Mimik, Intuition und vor allem direkter Blickkontakt wichtig, damit Viktor Kempf die schriftdeutsch formulierten Fragen von den Lippen ablesen konnte. Seine Antworten gab er in Lautsprache, die gut verständlich ist. Das beweist: Gehörlos bedeutet nicht gleich stumm.

Wie alt waren Sie, als Sie merkten, dass Ihr vier Jahre älterer Bruder gehörlos ist?

Kari Kempf: Ich war etwa vier oder fünf Jahre alt. Meine Geschwister und ich erlebten jeweils am Sonntagabend, dass unser Bruder weinte, weil er nach einem Wochenende oder nach den Ferien wieder in die damalige Gehörlosenschule in Hohenrain in Luzern abreisen musste. Dort verbrachte er seine Kinder- und Jugendzeit von 1962 bis 1975.

Wie haben Sie sich, Ihre Eltern und Ihre Geschwister früher mit ihm verständigt?

Unsere Mutter lebte uns vor, dass mit Viktor in Schriftdeutsch, mit einfachen Sätzen und mit viel Mimik, Gestik und Berührung gesprochen werden musste.

Was war für Sie früher der grösste Unterschied im Umgang mit ihm im Vergleich mit Ihren anderen Geschwistern?

Erinnerungen an gemeinsame Kindheitserlebnisse mit Viktor habe ich keine, nur an die mit den anderen Geschwistern, die auch zu Hause aufwuchsen. Ich lernte meinen Bruder erst näher kennen, nachdem er mit 16 Jahren die Schule in Hohenrain beendet hatte und für ein paar Jahre in unserem Elternhaus wohnte. Wir haben oft gejasst.

Wie ist das Verhältnis zwischen Ihnen und Viktor jetzt, als erwachsene Brüder?

Sehr gut. Auch unter allen Geschwistern. Er gehört dazu und er ist immer bei den regelmässigen Familientreffen dabei.

Wie verständigen Sie sich? In Gebärdensprache?

Niemand aus unserer Familie hat die Gebärdensprache gelernt. Wir verständigen uns mit ihm, wie es uns unsere Mutter gelehrt hat. Heute vereinfachen E-Mails, SMS und Whatsapp die schriftliche Kommunikation. Dabei gilt zu beachten, dass wir in Schriftsprache schreiben und kurze Sätze machen. Sonst versteht uns Viktor nicht.

Was wünschen Sie sich für Gehörlose von Hörenden?

Toleranz, Geduld und Offenheit, von Privatpersonen und Unternehmen. Und mehr Arbeitsstellen für Gehörlose und Hörbehinderte.

Was wünschen Sie sich als Hörender von Menschen mit einer Hörbehinderung?

Dass sie sich zeigen, auf uns zukommen. Denn wir sehen ihnen ja nicht an, dass sie nichts hören.

Viktor Kempf, zu Ihren Hobbys zählt das Reisen. Tun Sie dies alleine oder in der Gruppe?

Viktor Kempf: Beides ist möglich, mit und ohne andere Gehörlose. Auf der ganzen Welt.

Ist das Reisen mit Schwierigkeiten verbunden?

Nichts ist besonders schwierig, ich muss mich aber gut vorbereiten, alles aufschreiben, auf die Leute zugehen und nachfragen.

Was zählt sonst zu Ihren Lieblingsbeschäftigungen?

Früher Fussball, jetzt Klettern, Gletscher- und Bergtouren, Wandern. Der Rophaien ist mein Lieblingsberg. Zudem liebe ich Skifahren, Kegeln, Tanzen und Jassen.

Sie sind seit einer Mittelohrenentzündung im Alter von drei Jahren gehörlos. Haben Sie je ein Hörgerät getragen?

Ja, von 6 bis 22. Bei der Arbeit in der Carrosserie wurde das mit dem Arbeitslärm zu kompliziert und unangenehm. Seither trage ich nichts mehr.

Wo haben Sie nach der Schule in Hohenrain gearbeitet?

1975 machte ich eine Lehre als Möbelpolier bei der Firma Dauwalder in Altdorf. Dort arbeitete ich viele Jahre und danach noch ein paar Jahre in der MFA im Schächenwald. Seit 2000 arbeite ich in einer Carrosserie in Luzern und wohne in Reussbühl.

Gehörlose haben die Möglichkeit, einen Gebärdendolmetscher zu bestellen. Für welche Gelegenheiten nutzen Sie dies?

Meistens für einen Arztbesuch. Manchmal werden auch Dolmetscherinnen für Hochzeiten, Beerdigungen, Messen, Versammlungen oder für Gespräche mit Vorgesetzten bestellt.

Wann ist es für Sie schwierig, nichts zu hören?

Nicht telefonieren zu können, vor allem, wenn ich unterwegs bin und eine Reservation oder Annullation in einer SAC-Hütte machen möchte.

Fühlen Sie sich manchmal ausgeschlossen und isoliert?

Ja, wenn ich keine Chance habe, etwas zu verstehen, weil zu schnell oder nur Schweizerdeutsch gesprochen wird. Das kann bei einem Fest oder an einer Teamsitzung passieren.

Wie unterhalten Sie sich mit Ihren Freunden und Kollegen?

Mit Hörenden spreche ich wie mit den Geschwistern: Lautsprache, Gestik, Mimik. Mit anderen Gehörlosen vor allem in Gebärdensprache. Auch Videoanrufe sind für uns Gehörlose eine gute Sache.

Welche Sendungen gefallen Ihnen am Fernsehen?

Sport, Nachrichten und die «Arena». Wenn es noch weitere Sendungen mit Gebärdenübersetzung geben würde, wäre das auch schön.

Was wünschen Sie sich von hörenden Menschen?

Dass sie langsam sprechen, auf Hochdeutsch und mit Blickkontakt, sonst kann ich gar nichts ablesen. Notfalls sollten wichtige Sachen für mich aufgeschrieben werden.

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