Urner Migrationstheater schickt Zuschauer auf eine «Reise zum Mond»

18 Theaterschaffende aus Einheimischen und Migrationskreisen proben mit Lory Schranz für drei Aufführungen am Flüchtlingstag.

Claudia Naujoks
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In Altdorf probt die Theatergruppe für drei Aufführungen am Flüchtlingstag vom 21. und 22. August.

In Altdorf probt die Theatergruppe für drei Aufführungen am Flüchtlingstag vom 21. und 22. August.

Bild: Claudia Naujoks, Altdorf, 29. Juni 2020

Eine bunte Truppe aus Eritrea, Sri Lanka, Kurdistan, Tibet, Brasilien, der Türkei und der Schweiz hat Lory Schranz da in einem Keller-Probenraum in Altdorf um sich geschart, um mit ihnen anlässlich des Flüchtlingstages am 21. und 22. August das Theaterstück «Eine Reise zum Mond» einzuüben. Das Besondere daran: Sie spielen keine fremden Rollen, sie erzählen von sich. Awad Aman aus Eritrea betrachtet ein Bild seiner Familie: «Ich habe meine Familie seit fünf Jahren nicht mehr gesehen.» Lory Schranz lobt und sagt: «Es tut dir weh im Herzen, es soll auch den Zuschauern weh machen – was es heisst, seine Familie so lange nicht zu sehen.» So leitet sie die allesamt Laienschauspieler an, damit sie die szenische Darstellung der Geschichte noch deutlicher umsetzen.

Den Rahmen bildet das Porträt einer älteren Dame, verkörpert von Regula Waldmeier, deren Leben von der täglichen Routine bestimmt wird: Aufstehen, Besuch im Park, Kreuzworträtsel lösen, um 11.45 Uhr nach Hause, Mittagessen. In der Monotonie ihres Alltags fühlt sie sich oft einsam. Da lernt sie eine junge Türkin aus Kurdistan, Asmin (Asmin Tekdemir), kennen und während ihrer regelmässigen Treffen und Gespräche über Themen wie Migration, das Älterwerden, Nachbarschaft und Mentalitäten freunden sich die beiden an.

Mit Tipps und Tricks von Lory Schranz (ganz rechts) üben die Laienschauspieler ihre Rollen ein.

Mit Tipps und Tricks von Lory Schranz (ganz rechts) üben die Laienschauspieler ihre Rollen ein.

Bild: Claudia Naujoks, Altdorf, 29. Juni 2020D

Darsteller vor sprachlicher Herausforderung

Voller Freude und sehr authentisch stellt sich die Gruppe vor allem auch der sprachlichen Herausforderung. Einzelne sind erst seit kurzer Zeit in der Schweiz, wie die tibetanische Nomadin Dolkar Ngawang. Die 22-Jährige kam erst vor knapp anderthalb Jahren hierher, musste die Familie Hals über Kopf verlassen, weil sie im Heimatland am falschen Ort zum falschen Zeitpunkt etwas gesagt hat, was sie nicht hätte sagen dürfen, und deshalb in Gefahr war, von der örtlichen Staatsgewalt lebensbedrohend verfolgt zu werden. Aus ihrem Lied, das sie während einer Picknickszene im Park singt, kann man den Schmerz und die Trauer hören, die die Erlebnisse in ihr ausgelöst haben müssen. Nicht auszudenken, wie es erst wirkt, wenn sie auf der Bühne dazu dann noch ihr traditionelles tibetanisches Kleid trägt.

Alle Mitmachenden hängen an den Lippen der erfahrenen Regisseurin, saugen ihre Hinweise auf und setzen sie von Mal zu Mal eindrücklicher um. Jeder in der Gruppe entfaltet seine Fähigkeiten und bei allen ist der Geist zu spüren, das Beste aus sich herauszuholen oder sogar über sich hinauszuwachsen, damit das Projekt gelingt. Mit viel Einfühlungsvermögen agiert Lory Schranz, denn niemand soll frustriert sein, auch wenn es beim ersten Versuch noch nicht so klappt. Wer schon einmal selbst Theater gespielt hat, weiss, wie viel Mut es erfordert, vor Publikum zu sprechen; hier geschieht es unter erschwerten Umständen, denn fast alle treten ja in der Fremdsprache auf.

Gängige Vorurteile sollen ausgeräumt werden

«Macht coronamässig!», tönt es durch den Probenraum und immer wieder scheucht Lory Schranz die völlig in ihr Spiel vertiefte Truppe auseinander, um die Abstandsregeln zu wahren. Es solle durch ihr Spiel deutlich werden, dass «sie nicht nur mit dem Handy in der Gegend herumlaufen, sie nicht freiwillig hier sind; sie sind hier, weil sie geflohen sind», leitet Lory Schranz die Schauspielerinnen und Schauspieler an. Aber auch die Lebensfreude soll rüberschwappen zum Publikum, die trotz allem in ihnen steckt und in jeder Kultur ein wenig anders zum Ausdruck kommt. Allerdings prallen da die Ansichten aufeinander, wenn im Park die Musik laut und fröhlich gesungen und getanzt wird. Einer Einheimischen, dargestellt von Susanne Eigenheer, gefällt der «Lärm» gar nicht und sie beschwert sich, sodass die Gruppe gleich in ihre Schranken gewiesen wird.

Insgesamt sind es 18 Theaterschaffende aus Einheimischen und Migrationskreisen, die beim Theaterprojekt mitwirken.

Insgesamt sind es 18 Theaterschaffende aus Einheimischen und Migrationskreisen, die beim Theaterprojekt mitwirken.

Bild: Claudia Naujoks, Altdorf, 29. Juni 2020

Aber auch innerhalb der Flüchtlingsgruppe prallen verschiedene Kulturen, Religionen und Sprachen aufeinander. «Das, was uns verbindet, ist, dass wir Flüchtlinge sind», stellt der Eritreer Tesfalem Yehdego fest, der seit fünf Jahren in der Schweiz lebt und zum allerersten Mal auf einer Bühne stehen wird.

Sich aufeinander einlassen

In der Rahmengeschichte, der Freundschaft zwischen der alten Dame und der jungen Kurdin passiert im Verlauf eine überraschende Wende, weswegen die Verbindung zwischen ihnen einen Bruch erfährt. Werden die beiden wieder zusammenfinden?

Das Theaterprojekt thematisiert und lebt gleichzeitig seine Intention: Bereits in den Vorbereitungen ermöglicht es Begegnungen zwischen Schweizer und Menschen mit Migrationshintergrund, Vorurteile werden abgebaut und neue Bekanntschaften und Freundschaften entstehen. Dass das funktioniert, das kann man schon während der Proben sehen: Alle strahlen und Tesfalem spricht ihnen sicher aus der Seele, wenn er sagt: «Theaterspielen macht immer Spass!»

Die drei Aufführungen im Mehrzweckgebäude Winkel in Altdorf finden wie folgt statt: Freitag, 21. August, 20 Uhr; Samstag, 22. August, 11 Uhr und 16.30 Uhr.