Exil-Urner hat mit seinem Oldtimer «Lizzy» Geschichte geschrieben

Bernhard Brägger ist mit einem Ford T an die entferntesten Ecken Europas gefahren. Als Produkt dieser Reise hat er am vergangenen Freitag in Altdorf ein Buch mit vielen spannenden Geschichten und eindrücklichen Fotos präsentiert.

Bruno Arnold
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Die Reise in die Vergangenheit führte auch über Brücken und Wege abseits des grossen Verkehrs. (Bild: PD)
19 Bilder
Unterwegs in der Unendlichkeit des hohen Nordens. (Bild: PD)
Bernhard Brägger kurvt mit seinem auch «Tin Lizzy» genannten  Ford T durch die engen Kurven in La Clue d’Aiglun in den französischen Seealpen. (Bild: PD)
Bernhard Brägger aus Oberwil ZG legte mit diesem Ford T (Baujahr 1926)  rund 25'000 Kilometer an die entferntesten Punkte Europas zurück. (Bild: PD)
Der Ford T, auch «Blechliesel» genannt, unterwegs auf der ehemaligen Reichsstrasse im heutigen Polen.
Pannendienst in Serbien. (Bild: PD)
Auf dem Marktplatz in Leoben in der Steiermark. (Bild: PD)
Die Reise führte auch an Häusern vorbei, die noch heute an den Krieg im ehemaligen Jugoslawien erinnern. (Bild: PD)
Die Räder der «Tin Lizzy» passen haargenau auf das Geleise einer eingestellten Bahnlinie in der Nähe von Prag.  (Bild: PD)
Bundesstrasse 1 heisst sie heute in Deutschland, DK 22 in Polen. Zwischen 1934 und 1945 wurde sie zur Reichsstrasse 1. Von Aachen führt sie durch das Ruhrgebiet nach Berlin, ins ostpreussische Königsberg und von dort nach Eydtkuhnen (Eydtkau) an der Grenze zu Litauen.
Bernhard Brägger hat in Cabo da Roca den westlichsten Punkt seiner Reise erreicht. (Bild: PD)
Montieren der Winterreifen vor der stellenweise schneebedeckten DK22 in Polen. (Bild: PD)
Vor dem historischen Bahnhof in Brindisi. (Bild: PD)
Auch Kinder interessierten sich für das fast 100-jährige Fahrzeug. (Bild: PD)
Der Ford T (Baujahr 1926) war überall ein beliebtes Fotosujet für die Einheimischen. (Bild: PD)
Auch im Schneegestöber bewährte sich die Tin Lizzy. (Bild: PD)
Ein Spinnennetz zwischen Rücksitz und Dachgestänge als blinder Passagier. (Bild: PD)
Kurz vor der Barentssee in Norwegen fielen die Temperaturen erstmals in den Bereich von minus 20 Grad. (Bild: PD)
Das Titelbild von Bernhard Bräggers Buch.  (Bild: PD)

Die Reise in die Vergangenheit führte auch über Brücken und Wege abseits des grossen Verkehrs. (Bild: PD)

9. April 2015: Bernhard Brägger aus Oberwil macht sich auf zu einer fast zwölfmonatigen Reise an die vier entferntesten Ecken des europäischen Festlands. Unterwegs ist er nicht etwa in einem bequemen und mit modernster Technik ausgerüsteten Auto. Brägger wagt das Abenteuer in einem 22 PS «starken» und ungeheizten Ford T (Baujahr 1926), auch «Tin Lizzy» oder «Blechliesel» genannt. Dieses Fahrzeug hat Kultstatus und ist spätestens mit jener Szene eines Laurel-und-Hardy-Films weltberühmt geworden, als es auf offener Strasse auseinanderfällt.

Bernhard Brägger, der ehemalige Rallyefahrer mit Berner Wurzeln sowie beruflicher und familiärer Vergangenheit in Uri, verzichtet bewusst auf GPS oder andere elektronische Hilfsmittel. Er vertraut allein auf Karte und Kompass, übernachtet nicht in warmen Hotelbetten, sondern vorwiegend im mitgeführten Zelt, dann und wann bei Verwandten und Bekannten. Nur im hohen Norden ist er nicht allein unterwegs – aus Sicherheitsgründen. «Ich weiss nicht, wie die alte Mechanik bei minus 25 bis 30 Grad reagiert», begründet er dies im Vorfeld. «Wenn ich 60 oder 70 Kilometer vom nächsten bewohnten Dorf entfernt stecken bleibe, muss mich jemand in die nächste Ortschaft abschleppen, sonst könnte das unter Umständen tödlich enden.»

Technik und Tücken bestimmen Reisezeit

«Ich will eine Reise zurück an die Quelle der Motorisierung unternehmen und erleben, wie es vor bald 100 Jahren gewesen sein muss, mit einem derart langsamen Vehikel unterwegs zu sein», sagt Brägger im März 2015. Und er betont: «Gut 400 Kilometer habe ich schon gebraucht, bis ich meine ‹Lizzy› stresslos fahren konnte.» Das ist nachvollziehbar, wenn man weiss, dass der Ford T kein konventionelles Getriebe mit Kupplung hat, sondern einfach zwei Gangstufen, die mit den Füssen bedient werden müssen. Die rudimentäre Technik und die Tücken des fast 90-jährigen Autos bestimmen in der Folge die Reisegeschwindigkeit. Brägger wählt die Routen so aus, dass er die geplanten Ziele auf seiner Reise in die Vergangenheit auch erreichen kann. Steile Passstrassen und Städte werden deshalb möglichst umfahren.

Eindrückliches Filmdokument

Am 28. März 2016 kehrt Brägger zurück. Im Kopf hat er viele Erinnerungen, im Gepäck unzählige Fotos und Filmsequenzen, aber vor allem auch spannende Geschichten und Gedanken, die er auf seiner aussergewöhnlichen Fahrt über rund 25 000 Kilometer aufgeschnappt und notiert hat. In geschichtsträchtigen Gegenden wurde er auf der Suche nach Zeugen und Spuren vergangener Zeiten fündig. In Zusammenarbeit mit Teammedia-Inhaber Raini Sicher ist aus dem Rohmaterial das 144 Seiten und rund 150 Bilder umfassende Buch «Mit der Tin Lizzy an die entferntesten Ecken Europas» entstanden. Es enthält 48 Geschichten zum Staunen, zum Geniessen, zum Nachdenken, zum Verabscheuen – teilweise mit überraschendem Schluss. Am Samstag konnte man an der Vernissage in Altdorf nicht nur in Bräggers neustem Buch blättern, sondern auch einen eindrücklichen Kurzfilm von Thomas Horat geniessen. Der Schwyzer Filmemacher hat Brägger im hohen Norden begleitet und dabei ebenfalls ein eindrückliches Dokument geschaffen.


Hinweis

Das Buch «Mit der Tin Lizzy an die entferntesten Ecken Europas» kann im Buchhandel gekauft oder online für 30 Franken bestellt werden.