Mit dieser Reise-App wird einem im Urnerland nicht langweilig

Zwei Zuger Start-up-Gründer nehmen mit einer neuen Reise-App die Transitroute durch den Gotthard in den Fokus. Unterwegs mit Matthias Stadler und Rony Speck.

Christian Tschümperlin
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Gerade nach Sisikon in Fahrtrichtung Süden an der Felswand beim Uristier-Wappen fand zuletzt im August 2018 der Felssprung-Event Redbull Cliff Diving statt. Normalerweise fährt man an dem unscheinbaren Ort einfach vorbei. Doch im Auto von Matthias Stadler und Rony Speck erklingt eine angenehme Stimme, die einiges zu erzählen weiss: «Unterhalb des Wappens hat man einen Absprung montiert und Frauen sprangen von 21 Metern und Männer von 27 Metern ins Wasser. Ein bisschen Physik: Bei einem Sprung von 27 Metern erreicht man eine Fallgeschwindigkeit von 85 Stundenkilometern und hat einen freien Fall von etwa drei Sekunden.»

Matthias Stadler (links) und Rony Speck haben mit Spiri Voyage eine lokale Reisebegleiterin als App entwickelt. Mit diesem Betonauto in Flüelen kann man die Fahrt allerdings nicht antreten.

Matthias Stadler (links) und Rony Speck haben mit Spiri Voyage eine lokale Reisebegleiterin als App entwickelt. Mit diesem Betonauto in Flüelen kann man die Fahrt allerdings nicht antreten.

Bild: Christian Tschümperlin (Flüelen, 6. November 2020)

Die App, die diese Geschichte erzählt, heisst Spiri. Auf der wichtigen Transitroute von Zug nach Lugano hat diese App 21 Geschichten zur Region parat, die jeweils zirka 1,5 Minuten dauern. «Es ist keine App, welche die zwischenmenschliche Kommunikation unterdrückt, im Gegenteil. Spiri soll die zwischenmenschliche Kommunikation fördern», sagt Matthias Stadler, der Grafiker des Start-ups. So können die Geschichten beispielsweise neue Gesprächsthemen anregen. «Weil es zwischen den Erzählungen immer auch Pausen von zirka 5 Minuten gibt, wird das natürliche Gespräch dadurch kaum unterbrochen.»

Plötzlich erklingt Carlo Schenker

Matthias Stadler und sein Programmierer-Kollege Rony Speck fahren an Flüelen vorbei. Plötzlich erklingt Schlager-Musik auf der App. Diese unterbricht die elektronische Musik aus dem Streaming-Dienst Spotify. Es handelt sich um den Seedorfer Schlagersänger Carlo Schenker. «Seit über 30 Jahren ist er in der Schlagerbranche zu Hause. Der Schweizer Carlo Schenker, der unter dem Künstlernamen Leonard bekannt ist, hat nämlich da in Seedorf das Licht der Welt erblickt», kommentiert Spiri dann und skizziert seinen Lebenslauf. «Künftig stellen wir einen Link bereit, um mögliche Produkte verknüpfen zu können – beispielsweise das Album von Leonard auf dem Online-Store Exlibris», sagt Matthias Stadler. Die beiden Start-up-Gründer haben noch viele Visionen und überlegen derzeit, wie sie diese priorisieren wollen.

Doch weshalb braucht die Tourismus-Branche überhaupt eine weitere App? «Wir wollen ein Weg-unabhängiges Angebot anbieten und nicht wie bestehende Apps – als Beispiel ist Grand Tour of Switzerland zu nennen – das Angebot auf eine vordefinierte Route beschränken», sagt Matthias Stadler, «die Reise selber kann so zur Unterhaltung werden, dadurch werden die Ferien länger.» Zu den weiteren Ausbau-Zielen sagt Rony Speck: «Wir wollen keine vereinzelten, isolierten Geschichten kreieren. Es muss sich wie ein Netz ausbreiten. Unser Fokus liegt auf der Alpenregion.» Regionen, wo Gelder von Stiftungen fliessen, wolle man priorisieren.

Ein Sprung ins kalte Wasser

Matthias Stadler und Rony Speck haben sich im Ausgang in Zug kennen gelernt und kamen ins Gespräch. So entstand die Zusammenarbeit. Für Matthias Stadler war die Entwicklung von Spiri vorerst ein Sprung ins kalte Wasser: «Mein Leben war eigentlich geregelt und ich wusste, in welche Richtung es geht. Doch irgendwann war ich an einem Punkt, wo ich mich entscheiden musste.» Er wusste, wenn er auf Spiri setzen will, muss er seinen Job aufgeben. «Ich stieg aus und begann einen befristeten Job bei einem Bootsbauer, damit ich mehr Kapazitäten habe für Spiri. Nach 5 Monaten widmete ich mich zu 100 Prozent Spiri. Es hiess: Jetzt oder nie.» ETH-Programmierer Rony Speck seinerseits hat schon immer davon geträumt, etwas eigenes zu entwickeln. «Mut hat es mich irgendwie gar nicht gekostet. Ich hatte ein gewisses finanzielles Polster auf der Seite und die familiären Verhältnisse liessen es zu.» Mit dem Programmieren wurde im März 2020 begonnen und bereit zum Download war die App im September 2020.

Die beiden nähern sich der Rega-Basis Erstfeld, wo eine weitere spannende Geschichte auf die Spiri-Voyage-Nutzer wartet. Und so bekommt man den Eindruck: Der Weg ist das Ziel.

Die App Spiri kann derzeit heruntergeladen werden im Google Play Store für Android. Für Apple IOS muss erst noch eine Version entwickelt werden. Weitere Informationen unter: www.spiri.voyage