«Möchten zumindest abklären können»

In Erstfeld wächst der Widerstand gegen eine zentrale Schiessanlage. Jetzt verteidigen die Urner Schützen ihr Projekt.

Interview Bruno Arnold
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In Zukunft wollen die Urner Schützen gemeinsam in Erstfeld trainieren. (Archivbild Urs Hanhart)

In Zukunft wollen die Urner Schützen gemeinsam in Erstfeld trainieren. (Archivbild Urs Hanhart)

Christian Simmen, braucht es heute noch eine zentrale Schiessanlage?

Christian Simmen: Heute befinden sich mehrere Schiessstände in Uri am falschen Ort respektive zu nahe bei einem Dorfkern oder bei Wohngebieten. Zudem wollen diverse Vereine ihre Anlagen bis Ende 2018 den neusten umweltrechtlichen Vorgaben anpassen, gerade im Bereich der Kugelfänge. Der Grund: Wer nach 2018 saniert, erhält keine Förderbeiträge von Bund und Kanton mehr. Aus Sicht des Verbands macht es deshalb nicht Sinn, dass zum Beispiel eine Sektion, die auf einer Anlage mit sechs Scheiben schiesst, eine halbe Million oder mehr investiert und in zwei Jahren den Stand trotzdem schliessen muss. Wir wollen die Investitionen bündeln und eine Anlage bauen, die sämtlichen Anforderungen entspricht.

Aber Hand aufs Herz: Die Urner Sektionen sind grösstenteils überaltert. Lohnen sich da Millioneninvestitionen überhaupt noch?

Simmen: Eine Antwort auf diese Frage ist schwierig, das ist wie Kaffeesatzlesen. Mit dem Projekt Kantonalschützenverband Uri 2020 haben wir verschiedene Ziele ins Auge gefasst. Unter anderem möchten wir aktive Nachwuchsförderung auf allen Ebenen – vom Armbrust- über das Pistolen- und Kleinkaliber- bis hin zum 300-Meter-Schiessen – betreiben. Unser Ziel ist es gleichzeitig, das Schiessen als Breiten- wie als Spitzensport vermehrt zu fördern und attraktiver zu machen. Im Nachwuchssektor sind wir bereits sehr erfolgreich. Das zeigen die Teilnehmerzahlen und die Ergebnisse der Jungen.

Hat man den Zug nicht vor bald dreissig Jahren verpasst, als die Diskussion um eine regionale Anlage ebenfalls geführt wurde und sich gerade die Schützen selber wehrten?

Simmen: Gegen eine regionale Schiessanlage gab es bereits damals Widerstand, nicht nur von einigen Sektionen, sondern auch auf politischer Ebene und in der Bevölkerung. Der Verband hat dies akzeptiert, die Idee aber nie ganz fallen gelassen. Schon Anfang der 2000er-Jahre wurde unsererseits im Zusammenhang mit der Festlegung des Standorts des Neat-Nordportals in Erstfeld der Wunsch geäussert, dort den Bau einer bergseitigen 300-Meter-Schiessanlage in die Planung miteinzubeziehen. Bereits damals haben wir diesen Standort als ideal erachtet.

Wieso ist Erstfeld der ideale Standort?

Simmen: Allein schon von der zentralen Lage im Talboden und von den natürlichen Gegebenheiten her. Erstfeld kommt mir vor wie ein aufgelegter Steilpass. Bessere respektive umweltschonendere Bedingungen gibt es nur noch in einer unterirdischen Anlage.

Also nichts von Sankt-Florians-Prinzip oder «Überall, nur nicht bei uns!»?

Simmen: Nein, ganz und gar nicht. Nur so nebenbei: Die Gemeinden sind verpflichtet, dafür zu sorgen, dass Schiesspflichtige das Obligatorische schiessen können. Ich kann mich des Anscheins nicht erwehren, dass gewisse Gemeinden ohne eigenen Schiessstand diesbezüglich ebenfalls nach dem Motto «Überall, nur nicht bei uns!» leben und ihren offiziellen Auftrag nicht unbedingt offensiv wahrnehmen. Aber zurück zu Ihrer Frage: Wo geschossen wird, gibt es Lärm. Und niemand will Lärm. Unabhängig vom Standort muss es unser prioritäres Ziel sein, den Lärm einer Anlage optimal zu minimieren. Gelingt uns das nicht, hat eine zentrale Anlage nirgendwo eine Chance. Ich bin überzeugt, dass wir in Erstfeld in der Lage wären, die Emissionen und Immissionen mit einer bergseits des Portals angelegten 300-Meter-Anlage derart gering zu halten, dass sie für die Umgebung keine störende Wirkung hätte.

Wurden überhaupt Alternativen zu Erstfeld geprüft?

Simmen: Ja, aber nicht mehr weiterverfolgt. Wir möchten in der aktuellen Planungsphase auf Erstfeld setzen.

Welches waren die Alternativen?

Simmen: Ich möchte an dieser Stelle keine schlafenden Hunde wecken (lacht). Dass sich keine Gemeinde um eine zentrale Schiessanlage reisst, ist mir klar. Nenne ich einen anderen Namen, so ist der Widerstand bereits programmiert.

Gegner kritisieren, dass der KSVU ohne Einbezug der Bevölkerung plane, um vollendete Tatsachen zu schaffen. Was sagen Sie zu diesem Vorwurf?

Simmen: Das weise ich mit aller Vehemenz zurück. Im allerersten Schritt hat die KSVU-Arbeitsgruppe Kontakt mit der Gemeinde und danach mit dem Kanton aufgenommen. Wir wollten nie etwas verheimlichen und haben auch niemandem einen Maulkorb auferlegt. Der KSVU möchte zuerst einmal wissen, was der Kanton sagt. In dieser Phase müssen Fragen zum Richt- und Nutzungsplan, zu Natur- und Landschaftsschutz sowie zum Immissionsschutz geklärt werden. Sagt der Kanton grundsätzlich Nein, müssen wir über die Bücher.

Und wenn er Ja sagt?

Simmen: Dann könnten wir die konkrete Planung angehen. Wir müssten und möchten dann auf die diversen Fragen, die momentan noch im Raum stehen, fundierte Antworten geben. Der KSVU würde in diesem Fall beispielsweise Simulationen in Auftrag geben, um bezüglich Lärm genau aufzeigen zu können, wie es in der unmittelbareren Umgebung der Anlage, in den Wohnquartieren, bei Föhn oder bei Bise et cetera aussehen würde. Auch möchten wir dann konkret erläutern, was bezüglich Steinschlaggefahr oder Erschliessung der Anlage notwendig wäre. Ich hoffe einfach, dass man nicht jetzt schon abblockt und uns zumindest die Gelegenheit gibt, Antworten zu liefern. Wenn diese vorliegen, kann man im Rahmen der üblichen Verfahren immer noch Nein sagen. Aber es wäre nicht fair, uns nicht einmal die Chance zu geben, die Fragen zu klären und unsere Ideen und Vorstellungen offiziell und öffentlich zu kommunizieren. Fakt ist: Momentan können wir nicht mehr sagen. Es macht zurzeit auch nicht Sinn, viel Geld in detailliertere Abklärungen zu investieren. Zuerst muss der Kanton den Grundsatzentscheid fällen, ob Erstfeld aus raumplanerischer Sicht überhaupt in Frage kommt oder nicht. Als KSVU-Präsident hoffe ich natürlich auf grünes Licht für die weiteren Schritte. Gleichzeitig kann ich versprechen, dass wir wirklich alles sauber abklären und die Befürchtungen und Ängste der Bevölkerung berücksichtigen werden. Das haben wir auch den Behörden von Erstfeld im ersten Gespräch im Dezember 2013 klar kommuniziert. Dass der Gemeinderat Erstfeld auf unser Vorhaben nicht gerade euphorisch reagiert und Bedenken geäussert hat, kann ich nachvollziehen. Aber er hat damals zumindest nicht kategorisch Nein gesagt.