MUSIK: Der Soundtrack für einsame Highways

Singer-Songwriter Mario Schelbert hat in den USA sowohl den Zerfall als auch das pulsierende Leben gesehen. Sein neues Album ist inspiriert davon.

Sven Aregger
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Der Altdorfer Mario Schelbert alias Moe (rechts): «Ich reite auf einer guten Welle.» (Bild: PD)

Der Altdorfer Mario Schelbert alias Moe (rechts): «Ich reite auf einer guten Welle.» (Bild: PD)

Sven Aregger

Mario Schelbert alias Moe hatte viel über Detroit gelesen. Vom Zerfall der ehemals wohlhabenden Autostadt, von der Armut, der Kriminalität und den Drogen. Die Geschichten liessen ihn nicht los. Er wollte wissen, wie es wirklich ist. Also zog er für einen Monat in die US-Metropole. «Ich traf eine leere Stadt an, in der niemand auf mich wartete», erzählt der Altdorfer Singer-Songwriter. «Aber es ist auch eine Stadt, die um ihre Würde kämpft und neu aufblühen will. Davor habe ich grossen Respekt.»

Als er Wochen später nach Nashville in den tropisch-feuchten Süden reiste, hätten die Gegensätze nicht grösser sein können. In der Country- und Bluegrass-Hochburg pulsierte das Leben. «Es ist urchig und hip gleichzeitig. Die Menschen grüssen sich auf der Strasse, wie in einem grösseren Altdorf», sagt Schelbert. Er lernte interessante Leute kennen, knüpfte Kontakte – und machte Musik. Durch spontane Anfragen und Hartnäckigkeit ergatterte er sich kleine Auftritte in Bars, Restaurants und Clubs.

Politischer Unterton

Beim halbjährigen Aufenthalt 2014 in den USA sind auch die Songs für das neue Album seiner Band Moes Anthill entstanden, das heute Freitag erscheint. «Oddities after the Heydays» heisst das Werk, zu Deutsch in etwa: «Kuriositäten nach der Blütezeit». Der Titel ist eine Anspielung auf den tief greifenden Wandel in Detroit. Die Platte hat denn auch einen politischen Unterton. «Dass eine der reichsten US-Städte, die jahrzehntelang von der Autoindustrie getragen wurde, so zerfallen kann, sehe ich als Mahnung. Wir müssen in der Schweiz dafür Sorge tragen, dass wir nicht bloss auf Erfolg, Fortschritt und Industrie setzen. Es kann nicht stetig nach oben gehen», sagt Schelbert und betont insbesondere mit Blick auf die Flüchtlingskrise: «Uns Schweizern geht es gerade sehr gut. Wir murren nur, wenn etwas unser Bild trüben könnte.» Musikalisch bewegt sich Moes Anthill im amerikanischen Folk, mit einer Prise Bluegrass. Die Lieder sind sorgfältig arrangiert. Getragen werden sie von Schelberts eindringlicher Stimme und dem allgegenwärtigen Banjo. Manchmal klingt das verträumt, manchmal traurig, immer ehrlich und direkt. Der ideale Soundtrack für Autofahrten über einsame Highways, mit Sehnsucht und Fernweh im Gepäck.

Trennung vom Produzenten

Die Band hat für das Album einen Monat im Studio verbracht. Schelbert lud dafür eigens den charismatischen Tubaspieler Joe Hunter, mit dem er sich in Louisiana angefreundet hatte, in die Schweiz ein. Die Aufnahmen gestalteten sich zunächst aber als schwierig. Vom ersten Produzenten in Bern trennte sich die Band nach zwei Wochen. Es sei zu unsorgfältig gewesen. Ausserdem habe die Arbeitsmoral nicht gestimmt, sagt Schelbert. «Wenn es um Musik geht, muss alles im kreativen Fluss sein. Aber der Nährboden dazu hat gefehlt. Die Trennung war hart für uns alle.» Mit dem Zuger Produzenten Mario Baumann fanden die Aufnahmen dann aber doch noch zu einem guten Abschluss. Schelbert ist «sehr zufrieden mit dem Resultat. Das Album ist besser geworden, als ich es mir vorgestellt habe. Aber ich stelle mir grundsätzlich wenig vor und setze lieber gleich um.»

An der Plattentaufe am Mittwoch, 21. Oktober, im Theater Uri wird Moes Anthill das neue Material vorstellen. Am 7. November präsentiert Schelbert unter dem Namen Moe & Moni zudem ein Kontrastprogramm im Kellertheater im Vogelsang. Mit seiner Freundin Simone Baumann tritt er im Duo auf, er an der Lap-Steel-Gitarre, sie am Schlagzeug. Sie spielen Coverversionen und eigene Songs im Stil der White Stripes sowie Countryduette. Schelbert freut sich auf die Heimkonzerte. «Die Urner sind mein Lieblingspublikum, sind dankbar, treu und neugierig. Die Resonanz in der Heimat ist mir wichtig.»

Grenzen ausloten

Allein von seiner Band leben kann Mario Schelbert nicht. Er arbeitet als Gitarrenlehrer im Kanton Zürich. Zudem engagiert sich der kreative Wuschelkopf im Theaterprojekt «My Top Job», das in Schulen aufgeführt wird und Stereotypen bei der Berufswahl hinterfragt. Gegenwärtig probt er auch für die eigene Produktion «Durchs wilde Finstertal», zusammen mit Lukas Meili. Darin geht es um das Leben eines fiktiven Urner Schriftstellers anhand der Biografie von Karl May. Seine Band sieht er als Ausgleich, auch wenn sie eine wichtige Rolle einnimmt. «Musik ist meine Ergänzung zum Leben. Ich brauche sie, um alles verarbeiten und im Gleichgewicht bleiben zu können», sagt Schelbert. Er will seine musikalischen Grenzen ausloten, er will eine eigene Ästhetik finden und immer vorwärtsstreben. Das neue Album wird vorderhand nur in der Schweiz erscheinen. Aber die Vertrieb- und Promo-Agentur Irascible und Schelberts Management prüfen auch eine internationale Veröffentlichung. Für Mario Schelbert ist sogar eine US-Tour im kleinen Rahmen denkbar. So oder so wird er wieder in die USA reisen. Und auch die Entwicklung von Detroit wird er verfolgen: Kann die zerfallene Autostadt tatsächlich neu aufblühen? Moe erlebt derzeit jedenfalls seine persönliche Blütezeit. «Ich reite auf einer guten Welle und will es einfach geniessen.»

Hinweis

Das Album «Oddities after the Heydays» ist auf CD und digital erhältlich. Es kann per E-Mail an info@moesanthill.com oder über Online-Shops bestellt werden. Am Mittwoch, 21. Oktober, um 21 Uhr findet die Albumfeier im Altdorfer Theater Uri statt. Am Samstag, 7. November, ab 20.30 Uhr folgt im Kellertheater im Vogelsang ein Kontrastprogramm unter dem Namen Moe & Moni. Weitere Informationen: www.kiv.ch, www.moesanthill.com, www.theater-uri.ch.