NARRENBLATT: Inspektoren auf Wanzenjagd

Die Altdorfer Nächstenliebe macht die Abhörskandale zum Fasnachtsthema. Die Narren sind als Inspektor Gadget unterwegs. Nicht nur in der grossen weiten Welt, sondern auch im beschaulichen Uri ist das Sprücheklopfen schwieriger geworden.

Markus Zwyssig
Drucken
Teilen
Detektive auf der Suche nach undichten Stellen: Die Nächstenliebe Altdorf präsentiert ihr Narrenblatt. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)

Detektive auf der Suche nach undichten Stellen: Die Nächstenliebe Altdorf präsentiert ihr Narrenblatt. (Bild: Urs Hanhart / Neue UZ)


Satiriker und Narren haben es schwer. Berns Stadtpräsident Alexander Tschäppät hatte wegen seiner Italienerwitze eine Anzeige am Hals. Komiker Massimo Rocchi war wegen einer Äusserung über geldgierige Juden eingeklagt. Birgit Steinegger schockierte als schwarz angemalte Frau Mgubi US-Talkmasterin Oprah Winfrey. Auch im lokalen Bereich hat es Satire schwerer als früher. «Die Narrenfreiheit ist kleiner geworden», stellt Stephan Huber fest. Der 26-Jährige ist Präsident der Altdorfer Nächstenliebe und weiss, wovon er spricht. Sein Verein ist für das Altdorfer Narrenblatt verantwortlich. «Es ist auch schon vorgekommen, dass Humorverletzte uns mit einer Ehrverletzungsklage drohten», sagt Huber. Grundsätzlich wolle man im Blatt der Nächstenliebe auf Zustände und Missstände hinweisen – überspitzt, auf zynische und humorvolle Art. Zudem gibt Huber zu bedenken: «Wir sind mit unserem Narrenblatt nur kurz präsent. Und unsere Auflage liegt bei lediglich 1500 Exemplaren.»

Von Döner bis zu Chedi

«Wanzä» heisst das diesjährige Narrenblatt. Die Döner-Buden in Altdorf, die West-Ost-Verbindung sind da ebenso Thema wie das Luxushotel The Chedi in Andermatt. Aber auch die Weltpolitik fehlt nicht: Snowden, Obama und Merkel und damit die verschiedenen Ab­hörskandale. «Sie sind für uns ein dank­bares Thema», so Huber. Neben einigen Sprüchen für das Narrenblatt hätten die Skandale auch Ideen für den Umzugswagen der Nächstenliebe geliefert, die als Inspektor Gadget unterwegs ist.

Hauptverantwortlich für das Narrenblatt sind die 13 Leute der Aktivitas. Der Verein Nächstenliebe zählt insgesamt 75 Mitglieder. Aktivmitglied kann nur jemand sein, der unverheiratet ist. Verbunden bleibt man dem Verein trotzdem ein Leben lang: Bei einer Hochzeit wird man aber zum Ehrenmitglied «erniedrigt». Wer nicht heiratet, wird nach 20 Jahren Aktivitas zum Ehrenaktiven. Von November bis zum Ende der Fasnacht ist die Hauptzeit der Nächstenliebe. Der Verein hält auch seit über 100 Jahren die Samichlaus-Tradition am Leben.

Sprüche werden «entholpert»

Die Narrenblattschreiber nehmen ihre Arbeit nicht auf die leichte Schulter. Sie halten das ganze Jahr über die Ohren offen. «Wichtig ist, dass man aufschreibt, was man gehört hat, sonst vergisst man alles wieder», sagt Huber. So treffen sie sich zu einem Dichterwochenende. «Manchmal brauche ich aber auch Zeit für mich. Es fällt mir leichter, zu Hause allein zu dichten», sagt Huber. Und wenn die Sprüche geschrieben sind, trifft man sich wieder. «Die Texte müssen entholpert werden, und das Versmass muss stimmen.» Bei den Sprüchen in Dialekt nehmen die Narrenblattschreiber nicht für jedes Wort das Urner Mundartwörterbuch zur Hand. «Das Narrenblatt muss einfach zu lesen sein», sagt Huber. «Und das Wichtigste: Man muss auch lachen können.» Die Nächstenliebe legt bei ihrem Blatt auch grossen Wert auf das Erscheinungsbild. Die Karikaturen macht seit zwei Jahren wieder Tino Steinemann. Er kann auf langjährige Erfahrung zurückgreifen: Das verdiente Ehrenmitglied war schon früher 30 Jahre lang für die Karikaturen im Narrenblatt verantwortlich.

Grosser Wirbel um Fasnachtsthema

Wie viel Echo man mit einem Narrenblatt auslösen kann, erlebten die Altdorfer vor sechs Jahren. Investoren aus Russland wollen in Altdorf Hotels kaufen: So die frei erfundene, heisse Geschichte, die kurz vor der Fasnacht in Altdorf kursierte. Inszeniert worden war sie von der Nächstenliebe. Drei Liegenschaftsbesitzer, aber auch die Redaktion der Neuen UZ wurden bewusst hinters Licht geführt. «Dass das Ganze solche Dimensionen annehmen würde, haben wir nicht erwartet», erinnert sich Huber. Mehrere nationale Medien haben die Meldung weiterverbreitet. Die Nächstenliebe habe die Eigendynamik überrascht, welche die Geschichte entwickelte. «Noch heute denken wir an diesen gelungenen Fasnachtsgag zurück», sagt Huber mit einem Schmunzeln. Auch in diesem Jahr hat es wieder einige gepfef­ferte Sprüche im Altdorfer Narrenblatt. «Wir wollen erneut unseren Beitrag zur Fasnacht leisten», meint er, «und wir hof­fen, möglichst vielen Leuten damit eine Freude zu machen.»

Hinweis

Das Altdorfer Narrenblatt ist zum Preis von 7 Fran­ken in mehreren Altdorfer Geschäften und an ausgewählten Kiosken erhältlich.

Schicken Sie uns Ihre Fasnachts-Bilder!

Sind Sie auch an der Fasnacht? Haben Sie rüüdige Bilder geschossen? Dann laden Sie unter www.luzernerzeitung.ch/leserbilder oder gleich hier Ihr rüüdiges Fasnachts-Bild hoch, egal, ob es sich um einen Schnappschuss vom Umzug, einen besonders gelungenen Grend oder ein Bild von einer Fasnachtsparty handelt. Die Online-Redaktion veröffentlicht alle Leserbilder unter www.luzernerzeitung.ch/fasnacht, die Besten auch in der Neuen Luzerner Zeitung und ihren Regionalausgaben.

Faschinclub Gurtnellen (Bild: Philippe Steiger)
9 Bilder
Faschinclub Gurtnellen (Bild: Philippe Steiger)
Faschinclub Gurtnellen (Bild: Philippe Steiger)
Kultursmürfer (Bild: Philippe Steiger)
Kultursmürfer (Bild: Philippe Steiger)
Klutursmürfer (Bild: Philippe Steiger)
Eine Impression vom Fasnachtsumzug Erstfeld (Bild: Philippe Steiger)
Smürfer/Spätzinder (Bild: Philippe Steiger)
Bild: Philippe Steiger

Faschinclub Gurtnellen (Bild: Philippe Steiger)