NATIONALRAT: Die Kapitänin geht mit gutem Gefühl

Fraktionschefin Gabi Huber hat die FDP von stürmischen in ruhige Gewässer geführt. Im eidgenössischen Parlament erarbeitete sie sich den Ruf einer verlässlichen Partnerin – und blieb dabei immer sich selber.

Sven Aregger
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Gabi Huber: «Ich bin so, wie ich bin. Und ich glaube, die Leute haben sich daran gewöhnt.» (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Gabi Huber: «Ich bin so, wie ich bin. Und ich glaube, die Leute haben sich daran gewöhnt.» (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Sven Aregger

Gabi Huber war zunächst skeptisch. Nur nicht zu viele Verabschiedungen, nur nicht ein allzu grosses Tamtam. Sie wollte lieber leise von der politischen Bühne abtreten. Aber dann ist sie zum Schluss gekommen, «dass eine ­bewusste Verabschiedung zu einem guten Abgang gehört». So freute sie sich am Ende der letzten Session über die wohlwollenden Worte des Nationalratspräsidenten, der Fraktionskollegen und der Mitglieder der FDP Uri. «Es war schon speziell für mich, schliesslich habe ich viel Zeit und Energie in die Politik gesteckt», sagt Huber. «Das grosse Lob hat mich fast überwältigt. Es zeigt mir, dass ich nicht alles falsch gemacht habe. Ich gehe mit einem guten Gefühl.»

Mit Strenge auf Kurs gebracht

Zu den Gründen für ihren Rücktritt sagt Huber lapidar: «Es ist ein guter Zeitpunkt.» 31 Jahre lang hat sie sich in der Politik engagiert, zuerst als Vorstandsmitglied der FDP Altdorf, später als Landrätin und Finanzdirektorin und seit 2003 als Nationalrätin. 2008 übernahm sie das Präsidium der FDP-Fraktion. Sie trug massgeblich dazu bei, dass die kriselnde FDP zurück in die Spur fand. Mit Strenge hat sie die Freisinnigen wieder geeint, was ihr in den Medien die Übernamen «Eiserne Lady» und «Sphinx» einbrachte. Huber nimmt die zwiespältigen Bezeichnungen nüchtern zur Kenntnis. Gefühlsausbrüche sind nicht ihre Art. Und schon gar nicht stellt sie ihre Person ins Zentrum. Stattdessen erklärt sie den Erfolg der FDP als Gemeinschaftswerk. Gerade der innere Kern habe in guten wie in schlechten Zeiten zusammengehalten. Huber war aber zweifellos die Kapitänin, die das FDP-Boot von stürmischen in ruhige Gewässer führte. Im Bundeshaus wird sie über alle Parteien hinweg als verlässliche und kompromissbereite Partnerin mit fundierten Dossierkenntnissen geschätzt. Als sachliche, faire und ehrliche Knochenarbeiterin.

In den Ratings der einflussreichsten Politiker in der Schweiz belegte sie in den vergangenen Jahren stets einen Spitzenplatz. Huber misst dem aber kein grosses Gewicht bei. «Ich wache morgens nicht auf und denke, wie mächtig ich bin. Es wäre falsch, politische Arbeit allein anhand von Ratings und Medienberichten zu bewerten», sagt die 59-Jährige. Sie war nie eine Politikerin, die sich biegen liess, auch nicht bei negativen Stimmen. Kritiker sprachen ihr anfänglich die «Arena»-Tauglichkeit ab, weil sie im Fernsehen bisweilen spröde, emotionslos und distanziert wirkte. «Ich bin so, wie ich bin. Und ich glaube, die Leute haben sich daran gewöhnt», sagt Huber. «Wichtig ist, dass ich am Ende des Tages mit gutem Gewissen in den Spiegel schauen kann.» Sie betont zudem, dass es bei Auftritten wie in der «Arena» nicht um die Show gehe, sondern um die Argumentation. Huber mochte vielleicht kühl rüberkommen, Sachkenntnisse und Führungsstärke konnte ihr niemand absprechen.

Eine Lebensschule

Die zwölf Jahre im Nationalrat bleiben Gabi Huber in guter Erinnerung. Sie spricht von einer Lebensschule, von bereichernden Erfahrungen. Das Amt als Fraktionspräsidentin hat aber auch Kraft gekostet. Regelmässig arbeitete sie fast sieben Tage pro Woche – für die Politik und für ihre Anwalts- und Notariatskanzlei in Altdorf. «Politik und Beruf unter einen Hut zu bringen, ist anstrengend. Aber da ich mein berufliches Standbein immer gepflegt habe, kann ich mir die Freiheit zum Rückzug aus dem Nationalrat nehmen.» Neue politische Ziele schliesst sie aus, weil «ich jedes politische Amt ausgeübt habe, das ich ausüben wollte und durfte». Vielmehr freut sich Huber auf 5-Tage-Wochen und auf mehr Zeit für Ausflüge in die geliebten Berge. «Die Natur ist für mich ein Kraftort. Sie relativiert Probleme bei der Arbeit und sorgt dafür, dass ich auf dem Boden bleibe.»

Wahlen als Tüpfelchen auf dem i

Zuerst kommen aber noch die eigenössischen Wahlen am 18. Oktober. Laut Trendumfragen wird die FDP am meisten zulegen können. Huber will ihre Nationalratskarriere nicht am Ausgang der Wahlen festmachen. Sie sagt aber auch: «Ein erfolgreiches Abschneiden der FDP wäre das Tüpfelchen auf dem i.» So oder so: Gabi Huber wird am Ende des Tages in den Spiegel schauen, ganz mit sich im Reinen.

«Sicherheit ist kein Schutzargument»

Zweite Röhre Gabi Huber betont, dass sie sich in Bern immer auch für die Urner Anliegen eingesetzt habe. Als Beispiele nennt sie die Neat-Vorlagen, die Umsetzung der NFA, die Lex Koller oder das Schneesportzentrum. Allerdings steht sie hinter dem Bau einer zweiten Röhre – obwohl das Urner Volk zu entsprechenden Vorlagen bisher immer Nein sagte. Huber verweist darauf, dass es inhaltlich jeweils um Unterschiedliches ging und dass bei der letzten Abstimmung im Jahr 2011 noch nicht alle Projektdetails bekannt gewesen seien. So etwa habe man noch nicht gewusst, wie viel Land es für eine Verladestation benötige. Gabi Huber geht es vor allem um die Sicherheit. Sie verweist auf den verheerenden Brand 2001, bei dem elf Menschen ums Leben kamen. Damals war sie als Regierungsrätin im Tunnel. «Es hat ausgesehen wie in einer Geisterbahn», erinnert sie sich. «Niemand kann behaupten, dass die Sicherheit nur ein Schutzargument ist. Das ist fast eine Beleidigung.»

«Sie war meine politische Gotte»

Petra Gössi, Nationalrätin FDP, Schwyz:Gabi Huber war nicht einfach «unsere» Fraktionschefin. Für mich persönlich war sie meine politische Gotte. Sie war der Leuchtturm, der die umherirrenden liberalen Boote immer wieder auf Kurs brachte. Es ist ein Meisterstück, eine von links bis rechts breit gestreute FDP-Fraktion in eine Richtung zu steuern. Ich werde nie vergessen, wie ich unsere Fraktionschefin das erste Mal in Aktion sah: Ein Fraktionsmitglied hat bei einer wichtigen Abstimmung gegen die Partei gestimmt. Das musste Gabi sofort geklärt haben. Sie stellte sich vor dem erschrockenen Abweichler auf und wollte eine Erklärung.

Dieses unermüdliche Kämpfen für eine starke, geeinte Fraktion zeichnete Gabi Huber aus. Natürlich wäre es oft leichter gewesen, abweichende Meinungen einfach so zu akzeptieren. Aber Gabi Huber hat wohl nie den einfachen Weg gewählt. Es waren ihre Ehrlichkeit und ihre Aufrichtigkeit, verbunden mit ihrer hohen Intelligenz und einem unermüdlichen Fleiss, welche ihr meines Erachtens den Ruf als einflussreichste Politikerin Berns einbrachten. Übrigens völlig zu Recht!

Unvergesslich bleibt für mich auch der Augenblick, als ich bei meiner Vereidigung im Nationalrat am 5. Dezember 2011 das erste Mal auf das Bundeshaus zugegangen bin. Auf dem Bärenplatz habe ich Gabi Huber getroffen, und meine Nervosität war auf einen Schlag weg. Sie begrüsste mich herzlich und erklärte mir, was nun in den kommenden Tagen alles geschehen werde. Das ist eben auch Gabi Huber. Ein paar Worte, die von Herzen kommen und die alles ins richtige Licht rücken.

Es braucht sehr viel Kraft, sich so beherzt für seine Überzeugung und das Wohl der Liberalen einzusetzen. Diese Kraft holt sich Gabi Huber in den Bergen. Unser Parteipräsident Philipp Müller hat sie mit einem Bergkristall verglichen, als er über sie sprach. Klar, von rauer Eleganz und voller Energie. Fragen Sie Gabi Huber bei Gelegenheit über eine Bergtour aus, Sie werden angestrahlt werden.

Ich freue mich für Gabi Huber, dass sie nun mehr Zeit hat, sich den Bergen zu widmen. Und ich wünsche ihr viele unvergessliche Touren auf die Gipfel ihrer Urner und unserer wunderschönen Schweizer Berge.

«Gabi wird der FDP und mir fehlen»

Andy Tschümperlin, Nationalrat SP, Schwyz: Als ich 2007 in den Nationalrat nachrückte, kannte ich Gabi Huber nur aus den Medien. Ich hatte vorher als langjähriger Kantonsrat nie die Gelegenheit gehabt, die «Eiserne Lady aus dem Urnerland» – so wurde sie in meinen Kreisen genannt – kennen zu lernen. Ihre Medienauftritte in der «Arena» oder bei Tele 1 hatte ich in bester Erinnerung. Klar, ohne Emotionen und im für mich sympathischen Urner Dialekt, so habe ich sie in den Medien wahrgenommen. Heute, acht Jahre und einige Bürositzungen später, kenne und schätze ich Gabi als Menschen.

Klar ist sie immer noch. Im Büro des Nationalrats hatte sie mit ihren Voten und Anträgen Gewicht. Sie versteht das politische Handwerk – es geht ja in der parlamentarischen Arbeit vor allem darum, Mehrheiten zu schaffen. Natürlich waren wir im Büro nicht immer gleicher Meinung, ihre klare Kommunikation habe ich aber immer geschätzt. Sie hat das versprochen, was sie halten konnte, und hat das dann auch gehalten. Heute ist sie für mich keine «Eiserne Lady» mehr. Ich habe Gabi als charmante Frau kennen lernen dürfen. Sie hat Humor, ist eine gesellige Person und hatte die Fähigkeit, ihre liberale FDP auf einen sichtbaren Kurs zu bringen. Ich habe oft beobachten können, dass sie mit ihren Fraktionskollegen sehr konsequent und streng umgegangen ist. Das war in der FDP auch nötig. Sollte die FDP tatsächlich bei den Wahlen 2015 zulegen, dann hat das sehr viel mit der Führungsarbeit von Gabi Huber in der Fraktion zu tun. Wähler wollen wissen, welche Ziele eine Partei vertritt, und diese müssen dann in der politischen Arbeit auch sichtbar werden. Sie hat der FDP in den vergangenen Jahren ein politisches Gesicht gegeben, das ist ihr Erfolg. Sie wird der FDP fehlen.

Am liebsten aber habe ich mit Gabi Huber politisch «gestritten». Sei es im Parlament, an einem Podium im Fernsehen oder an einer Bürositzung. Unsere politischen Ziele sind unterschiedlich – wir sind politische Gegner. Politische Gegner müssen «streiten» – nur so lebt die Demokratie. Mir wird im Parlament meine politische Gegnerin fehlen. Sie hat hervorragend «gestritten», ohne den politischen Gegner zu verhöhnen. Die Achtung des politischen Gegners gehört eben auch zu unserer schweizerischen politischen Kultur. Danke Gabi.