«Ürner Asichtä»: Natürlicher Umgang und Respekt

Stefan Fryberg legt in seiner Kolumne dar, dass Menschen mit und ohne Behinderung gar nicht so verschieden sind und er erläutert, was dies für das gegenseitige Begegnen impliziert. 

Stefan Fryberg
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Stefan Fryberg

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Feiern Sie dieses Jahr einen runden Geburtstag oder ein Arbeits- oder Firmenjubiläum? Dann sind Sie in bester Gesellschaft. Denn 2020 steht im Zeichen grosser Jubiläen. Vor 250Jahren wurden Ludwig van Beethoven, der einflussreiche Philosoph Hegel und der deutsche Dichter Friedrich Hölderlin geboren. Und vor 500Jahren starb der italienische Maler Raffael, dessen Bilder jährlich Millionen von Leuten in den verschiedenen Museen ehrfürchtig bestaunen. Zahlreiche Konzerte, Ausstellungen und Publikationen werden in den folgenden Monaten an das Schaffen dieser ausserordentlichen Künstler und Denker erinnern.

Jubilieren darf 2020 auch die Stiftung Behindertenbetriebe (SBU) in Schattdorf. Auf private Initiative und mit Unterstützung des Kantons wurde sie vor exakt 50Jahren gegründet. 18Menschen mit einer Behinderung, die von zwei Personen betreut wurden, fanden in einem Fabrikgebäude der Dätwyler AG in Altdorf eine sinnvolle Beschäftigung. Inzwischen hat sich aus dem kleinen Betrieb eines der grössten Urner Unternehmen entwickelt. Rund 180Angestellte begleiten heute 180Menschen mit einer Behinderung in der Werkstatt, im Tagesatelier «Wärchläubä» und im Tagesheim.

Und wie steht es mit unserem Umgang und unserer Wertschätzung gegenüber Kindern, Frauen und Männern mit einer Beeinträchtigung? Nehmen wir sie ernst und begegnen ihnen ebenso respekt- und rücksichtsvoll wie den angeblich «normalen» Leuten? Sicher, viele Menschen mit einer Behinderung entsprechen nicht der Norm. Doch dürfen wir sie deswegen ausgrenzen? Machen wir das auch mit Leuten ohne jeglichen Anstand, mit den Besserwissern und Nörgelern oder solchen, die im Arbeitsalltag mehr auf den eigenen Ellbogen als auf Kollegialität und Hilfsbereitschaft setzen?

Gut, dass wir nicht mehr von Behinderten, sondern von Menschen mit einer Behinderung oder Beeinträchtigung sprechen. Behinderung ist nicht umfassend, sondern nur ein Teil. Sie ist nicht anders, sondern nur verschieden – oft bloss in Nuancen und Kleinigkeiten. Wir alle wissen, dass Behinderung zufällig ist und uns alle jederzeit – sei es durch einen Unfall oder einen Hirnschlag – treffen kann.

Und trotzdem verhalten wir uns vielfach reserviert gegenüber Menschen mit einer Behinderung. Sie passen eben schlecht in unsere Leistungs- und Gesundheitswahngesellschaft. Allein, weil sie nicht so sind wie der Durchschnittsmensch? Doch wenn nicht der Erfolg, das Geld oder das Aussehen, sondern das soziale Verhalten der beispielgebende Massstab wäre, dann müssten wir alle den Menschen mit Downsyndrom nacheifern. Und, Hand aufs Herz, wer ist in seinem Menschsein mehr behindert – der über alle Backen strahlende junge Mann mit einer geistigen Beeinträchtigung oder der angeblich so tüchtige Manager, der, von einem krankhaften Ehrgeiz getrieben, nicht lachen kann – vor allem nicht über sich selbst?

Machen wir uns nichts vor: Behinderung ist eine schwere Last – für den Einzelnen und dessen Angehörigen. Doch sie lässt sich für alle wesentlich erleichtern, wenn es uns gelingt, Behinderung nicht als etwas Anderes, Fremdes, ja sogar Bedrohendes anzusehen, sondern als etwas oft nur in Nuancen Verschiedenes.

Stefan Fryberg, Rentner