Rück- und Ausblick

Steinschlag leistet der neuen Axenstrasse Vorschub

Die Gefahr am Axen ist noch nicht gebannt. Doch 2020 kommt Bewegung in die politische Diskussion.

Christian Tschümperlin
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Es sind riesige Felsmassen, die seit Jahrtausenden zwischen Flüelen und Brunnen vor sich hinschlummern. Als sich der Mensch anno 1865 den Weg entlang des Felses mit der Axenstrasse erschliesst und die mühsamen Saumpfade ersetzt, weiss er, worauf er sich einlässt. Immer wieder stürzen Felsmassen und Lawinen auf die Strasse.

«In der Nacht auf gestern ist an der Axenstrasse ein Felssturz niedergegangen. Ein 8-Tonnen-Felsbrocken durchbrach dabei die Schutzgalerie und landete auf der Strasse»,

schreibt denn auch die «Neue Luzerner Zeitung» am 12. Februar 2003. Bereits 1968, während des Baus der Steinschlaggalerie, hatten 600 Kubikmeter Gestein die Strasse auf einer Länge von zehn Metern verschüttet.

Nur dank dem Einsatz mutiger Spreng- und Bohrarbeiter kann ab Sommer 2019 das Schlimmste nach dem Felssturz oberhalb der Axenstrasse verhindert werden.

Nur dank dem Einsatz mutiger Spreng- und Bohrarbeiter kann ab Sommer 2019 das Schlimmste nach dem Felssturz oberhalb der Axenstrasse verhindert werden.

Bild: Valentin Luthiger (Sisikon, 15. August 2019)

Dass der Regen die Felsmassen am 28. Juli 2019 so plötzlich in Bewegung setzen würde, dürfte aber trotz allgemeiner Warnungen vor Strassensperrungen und Naturgefahren in Uri auf der Kantonswebsite unerwartet gekommen sein. Zwei grosse Blöcke in der Grösse zweier Klassenzimmer donnern den Berg hinunter, Gesteinsmassen fallen teilweise bis in den Urnersee. Verletzt wird niemand. Doch das Naturereignis sollte die kommenden Monate prägen. Die Unsicherheiten am Axen rücken zurück ins Bewusstsein.

Auf Entwarnung folgt grosser Murgang

Der Berg will auch im 2020 keine Ruhe geben. Das Jahr beginnt allerdings mit einem Fehlalarm im Januar. Das empfindliche System macht fälschlicherweise Bewegungen am Fels aus. «Die Axenstrasse ist nach einer Panne wieder vollständig offen und intakt», gibt das Bundesamt für Strassen am 31. Januar Entwarnung. Doch die Gefahr ist nicht gebannt.

Anfang Mai 2020 kommt es zu einem grossen Murgang. Dabei werden auch die Warninfrastruktur und der Ablenkdamm beschädigt. Das Geröll geht am 5. Mai kurz nach 22 Uhr auf die Strasse nieder. Die Ampel schaltet sofort auf Rot. Doch erneut beschreibt die Redewendung Glück im Unglück die Situation wohl am besten: Die übrige Infrastruktur wird kaum beschädigt und kurz nach 16 Uhr ist die Axenstrasse wieder befahrbar.

Geräusche des Felssturzes mit Problemen beim Musikplayer verwechselt

Ähnliche Kleinereignisse wiederholen sich am 8., 9. und 17. Juni sowie am 25. September. Der Urner Pendler René Hänsch kommt etwa am 8. Juni mit einem Schreck davon: Ein Stein knallt auf sein Fahrzeug. Gegenüber dem «Boten der Urschweiz» lässt er durchblicken, dass er das dumpfe Geräusch erst für einen Fehler im MP3-Musikplayer hielt. Verletzt wird er nicht. Fels und Wetter scheinen im 2020 die Pendler im Grossen und Ganzen zu schonen.

In Bewegung kommen 2020 nicht in erster Linie die Steinmassen, sondern vor allem die politische Diskussion. Ende September entzieht das Bundesverwaltungsgericht grünen Einsprachen gegen das Projekt Neue Axenstrasse A4 teilweise die aufschiebende Wirkung. Mit dem 1,2-Milliarden-Franken-Projekt soll die Sicherheit vor Steinschlägen am Nadelöhr verbessert werden. Mit den Bauarbeiten sollte 2022 begonnen werden. Doch das Unterfangen war und ist teilweise weiterhin durch Einsprachen von Umweltverbänden blockiert. Grünes Licht gibt das Bundesverwaltungsgericht für die Galerie Gumpisch und die Ersatzbiotope in Brunnen, nicht aber für den Sisikoner Tunnel. Die in letzterem Fall weiterhin hängigen Einsprachen sorgen für Misstöne an der Gemeindeversammlung Sisikon am 8. Dezember.

Gute Nachrichten für die Pendler gibt es dafür wenige Tage darauf: Mit dem Bau von mehreren Biotopen haben die Vorbereitungsarbeiten für die neue Axenstrasse in Brunnen begonnen. Wo dereinst das Portal des Morschacher Tunnels auf Morschacher Seite entstehen soll, sind nämlich Laichgebiete von Amphibien zu finden, die verschoben werden müssen. Die geschützten Unken dürften den vorbeiflitzenden Autos ab Frühjahr also in einem neuen Tümpel von oberhalb des Portals zuschauen.