NEAT: «Bei der neuen Röhre fehlen zwei Sachen»

Heute fahren die Züge erstmals fahrplanmässig durch den Gotthard-Basistunnel. Für den Urner Bundesstrafrichter Walter Wüthrich wäre die neue Verbindung ideal – warum er dennoch lieber der Bergstrecke treu bleibt, sagt er im Interview.

Matthias Stadler, Jessica Bamford
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Bundesstrafrichter Walter Wüthrich pendelte 13 Jahre zwischen Uri und dem Tessin. Bild: Urs Hanhart (Flüelen, 9. Dezember 2016)

Bundesstrafrichter Walter Wüthrich pendelte 13 Jahre zwischen Uri und dem Tessin. Bild: Urs Hanhart (Flüelen, 9. Dezember 2016)

Seit fast 13 Jahren arbeitet der Erstfelder Walter Wüthrich als Richter am Bundesstrafgericht in Bellinzona. Der 65-Jährige fährt die Strecke von Flüelen nach Bellinzona regelmässig als Wochenpendler.

Und ausgerechnet jetzt, da die Neat endlich eröffnet wird und sie ihm einen grossen Zeitgewinn für den Arbeitsweg bringen würde, wird Wüthrich pensioniert.

Walter Wüthrich, Sie werden auf Ende Jahr pensioniert. Der Basistunnel geht heute auf, Sie müssen aber schon bald nicht mehr von Altdorf nach Bellinzona pendeln. Die Neat kommt für Sie zu spät.

Zum Pendeln und für die Arbeit schon. Aber meine Frau und ich haben nach wie vor unser Haus im Calancatal. Und ich bin in der Blasmusik in Roveredo. Ich werde demnach immer noch oft ins Tessin fahren. Es gibt also schon eine Erleichterung – wenn man die Bergstrecke nicht bevorzugt.

Ziehen Sie die Bergstrecke vor?

Man sieht mehr. Also ja. Was will ich als Pensionierter mit der gesparten Zeit?

Wohl wenig. Und wenn wir es schon von der Bergstrecke haben: Sie müssen das «Chileli vo Wasse» schon Hunderte Male gesehen haben.

Ich habe auch Hunderte Male gehört, dass es andere Leute sehen (lacht). «Lueg, etz chund s Chileli vo Wasse», heisst es immer wieder im Zug.

Für Sie selber ist es nicht mehr speziell?

Ich orientiere mich während der Zeitungslektüre daran. Aber das «Chileli» ist natürlich nach wie vor ein Blickfang.

Was ist für Sie das Schönste auf der Reise ins Tessin?

Ich schaue sehr oft Details der Linienführung an. Es ist unheimlich, wie viele Schutzbauten es hat. Es sind Mäuerchen, Steinfangzäune, Dämme. Faszinierend ist das.

Bei so vielen Reisen muss auch immer wieder etwas passiert sein. Also bitte ein paar Anekdoten.

Eine Geschichte hat sich erst vor zwei Wochen abgespielt, als ich durch den Basistunnel gefahren bin. Ich war in Bellinzona am Bahnhof, wollte den Interregio Richtung Norden nehmen. Dann hiess es, der Eurocity fährt durch den Basistunnel. Also stieg ich ein mit dem Gedanken, dass ich ohne Halt nach Arth-Goldau fahre und von dort zurück nach Altdorf. Also wäre ich gleich rasch zu Hause wie mit dem Interregio. Unverhofft hielt mein Zug dann in Flüelen zehn Minuten lang. Eigentlich wäre ich gern ausgestiegen, doch die Türen blieben verschlossen.

Wie gefällt Ihnen die neue Röhre?

Man lenkt sich einfach ab, und es geht enorm rasch. Aber mir fehlen zwei Sachen. Die Alpen finden nicht mehr statt, und Erstfeld verschwindet. Für mich als alter Erstfelder ist das sehr merkwürdig.

Sie sind Fan der Bergstrecke.

Mein Vater war Lokführer. Dadurch habe ich eine Beziehung zur Bahn. Ich finde die Strecke interessant. Obwohl ich zugeben muss, dass ich im Zug viel schlafe. Etwa in Gurtnellen nicke ich ein und wache in Biasca wieder auf.

Werden Sie, wenn Sie pensioniert sind, auch vermehrt Richtung Norden fahren?

Wir gehen heute schon häufig ins Mittelland. Eine Tochter wohnt im Oberaargau. Und da ich bereits heute nicht mehr im Vollpensum arbeite, habe ich schon etwas mehr Zeit.

Sie werden weiterhin viel Zug fahren. Sind Sie nie gerne Auto gefahren?

Ich fahre Auto dann, wenn es Sinn macht. Aber ich habe ein GA, meine Frau auch. Dann schauen wir zuerst, ob wir an unser Reiseziel mit dem ÖV hingelangen oder nicht. Danach wird entschieden.

Sie waren mehr als zehn Jahre im Tessin tätig. Wie viel Tessiner Blut fliesst in Ihren Adern?

Da muss ich etwas differenzieren. Meine Eltern wohnten bis kurz vor meiner Geburt in Bellinzona. Nachher zogen sie zurück in den Kanton Uri. Ich habe also schon etwas Tessiner Blut in mir. Zudem arbeite ich dort, habe dadurch viele Kollegen vor Ort. Und ausserdem wohnen wir im Calancatal, ich bin also auch noch etwas Bündner. Dort sprechen sie zwar auch Italienisch, aber es sind keine Tessiner. So etwa wie ein Sisikoner kein Schwyzer ist. Mir gefällt die italienische Schweiz sehr, ich spreche die Sprache gern. Also bin ich durchaus auch Tessiner.

Was schätzen Sie am Tessiner, was am Urner?

Weit herum sind sie ähnlich. Es sind beide Bergler. Es sind beide verlässliche, «liebi Cheibä». Manchmal stur. Der Unterschied ist, dass die Tessiner viel unorganisierter sind. Bei unserer Dorfmusik im Tessin ist es so, dass es vor Auftritten immer Änderungen gibt, aber es klappt trotzdem.

Ist das positiv?

Es ist bemerkenswert. Und sicher auch gewöhnungsbedürftig.

Hinweis

Walter Wüthrich (65) ist in Erstfeld aufgewachsen und wohnt heute in Altdorf und im Calancatal. Ende 2016 geht er in Pension. Der studierte Jurist ist verheiratet und hat zwei erwachsene Töchter. Er spielt in einem Blasmusikverein im Tessin Posaune.

Interview: Matthias Stadler, Jessica Bamfordredaktion@urnerzeitung.ch

So läuft der Eröffnungstag ab

Fahrplanwechsel  Heuteist der Tag der Tage für den Gotthard-Basistunnel. Mit dem Fahrplanwechsel wird die Neat in den regulären Bahnbetrieb aufgenommen. Bereits am ersten Juni-Wochenende dieses Jahres fand das grosse Fest für die Bevölkerung statt. Rund 80 000 Personen wollten sich die Feier nicht entgehen lassen. Der Festakt dauerte fünf Stunden, zugegen waren Politiker aus dem In- und Ausland.

Die Feier heute läuft im kleineren Rahmen ab, aber auch der erste offizielle Betriebstag des Basistunnels soll gebührend gefeiert werden. Um 4.54 Uhr fährt ein Güterzug mit integriertem Personenwagen ab Basel SBB durch den Gotthard-Basistunnel mit dem Ziel Lugano. Um 8.15 Uhr wird der Zug in Lugano einfahren. Um 6.09 Uhr fährt zudem der erste reguläre Zug des Personenverkehrs, welcher durch den 57 Kilometer langen Tunnel führt, am Zürcher Hauptbahnhof ab. Mit an Bord sein werden neben dem Urner Gesamtregierungsrat auch SBB-Geschäftsführer Andreas Meyer sowie die Leiterin des Personenverkehrs Jeannine Pilloud. Um 7.09 Uhr fährt der Eurocity ab Flüelen ab. Vorher werden Andreas Meyer und der Urner Volkswirtschaftsdirektor Urban Camenzind den Zug symbolisch auf Gleis 3 abfertigen.

Schnellbus nach Flüelen

Der Personenzug wird danach zwischen 8.15 und 8.30 Uhr in Lugano erwartet. Dort ist am Bahnhof ein Empfang vorgesehen. Zwischen 9 und 10.45 Uhr findet der Festakt in einem Zelt am Bahnhof Lugano mit Ansprachen und einem Apéro statt. Um 11.10 Uhr ist ein Rundgang durch den Bahnhof Lugano geplant mit der anschliessenden Einweihung der Standseilbahn zur Piazza Cioccaro. Der Eröffnungsgüterzug fährt um 11.30 Uhr zurück nach Basel, wo er um 15.04 Uhr eintreffen wird.

Ebenfalls geplant ist, dass der erste Gotthard-Riviera-Express von Stans um 6.50 Uhr in Flüelen eintreffen wird. Mit dieser neuen Schnellbusverbindung können Passagiere künftig am Wochenende in Flüelen auf die Züge durch den Basistunnel umsteigen.

(mst)