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NEAT: Ein kritischer Blick auf das Megaprojekt

Erfolgsregisseur Volker Hesse inszeniert das Spektakel zur Tunneleröffnung, das von der Menschenmasse lebt. Für das Neat-Projekt findet er aber nicht nur lobende Worte.
Florian Arnold
Die Eröffnungs­zeremonie setzt auf Menschenmassen: 340 Personen sind involviert. (Bild Florian Arnold)

Die Eröffnungs­zeremonie setzt auf Menschenmassen: 340 Personen sind involviert. (Bild Florian Arnold)

Florian Arnold

«Hu, hi, ha», rufen die 200 Schauspieler im Takt und bewegen dazu synchron ihre Arme. Noch lange hallt das Echo der Stimmen nach, sodass es einem kalt den Rücken runterläuft. Die Wucht der Menschenmenge beeindruckt – so wie es sich für die Eröffnung eines Jahrhundertbauwerks gehört. In den Hallen der Alp Transit Gotthard (ATG), der Bauherrin des Neat-Basistunnels, entsteht zurzeit das Theaterspektakel für die Eröffnungsfeierlichkeiten vom 1. Juni. Die SBB, das Bundesamt für Verkehr und die ATG als Organisatoren haben Erfolgsregisseur Volker Hesse diese Aufgabe anvertraut. Er inszeniert zwei Produktionen, die parallel am Nord- und Südportal gezeigt werden. Die intensiven Proben laufen seit Ende März.

Mentalität wird gezeigt

Die Produktion am Nordportal ist auch stark auf den Kanton Uri bezogen. «Ich habe mir sehr früh vorgenommen, mit Erfahrungen umzugehen, die ich schon in dieser Landschaft gemacht habe», sagt Volker Hesse. Der Deutsche, der seit Jahren in der Schweiz lebt, hat die Urner während seiner Zeit als «Tell»-Regisseur (2008 und 2012) in Altdorf kennen gelernt. «Ich weiss um die Begeisterungsfähigkeit, aber auch die versteckten Wildheiten der Urner.» Die Urner hätten einen starken Bezug zu den Bergen. «Viele Erfahrungen mit den Gefahren der Berge, der Hilflosigkeit bei Katastrophen aber auch eine elementare Verbundenheit habe ich sehr stark gespürt.» Diese Mentalität soll in der Produktion zum Vorschein kommen. Hesse machte sich deshalb bei den Veranstaltern stark dafür, auch mit Laien zu arbeiten. «Ich wollte Menschen einbeziehen, die hier am Ende des Tunnels leben.»

Wie bei den beiden «Tell»-Produktionen setzt Hesse auf die Masse. Insgesamt sind 340 Personen involviert. Darunter sind sehr viele Urner, die dem öffentlichen Aufruf gefolgt sind. Angeschrieben wurden auch diverse Sportvereine und die Kulturszene. Die Produktion lebt von Bildern, Rhythmus und Choreografie. Die Sprache rückt in den Hintergrund. Doch die vielen Involvierten bringen auch Nachteile mit sich. «Der Aufwand für Koordination und Organisation ist unheimlich gross», sagt der Regisseur, der auf ein Team von erfahrenen Theatermachern zurückgreifen kann. Neben den Laien setzt Hesse aber auch auf Profis und bewährte Kräfte, mit denen er schon zusammengearbeitet hat. So kümmert sich Jürg Kienberger um die Musik, Aaron Tschalèr um den Chor, und der Urner Christoph Gautschi ist mit einer Perkussionsgruppe mit dabei. Aber auch eine Luftakrobatikgruppe aus Chile ist zu sehen. Hesse erklärt warum: «Auch am Tunnelbau waren verschiedenste Nationen vertreten.»

Der Kampf gegen den Stein

Seit zwei Jahren beschäftigt sich Volker Hesse nun mit der Eröffnungszeremonie. Während seiner Vorbereitungen hat sich Hesse mit den Arbeitern im Berg befasst und hat diese auch besucht. Hesse war beeindruckt. «Es ist kein Arbeitsplatz wie jeder andere», so der Regisseur. «Bei den Besichtigungen war es heiss, staubig, und das Wasser stand uns bis zu den Knien.» Die Arbeiter seien sich der Gefahren bewusst. «Sie haben etwas Heldenhaftes an sich und sie wissen, dass sie aufeinander angewiesen sind.» Der Kampf des Menschen gegen den Stein wird im Theater erfahrbar werden.

Unterschiedliche Richtungen

«Es ist nicht ganz einfach, allen Wünschen der Organisatoren gerecht zu werden», so der Regisseur. Diese haben denn auch einen unterschiedlichen Fokus: Für die SBB beginnt mit der Übernahme des Tunnels ein neues Kapitel, das in der Zukunft spielt. Für die ATG endet mit den Abschlussarbeiten eine Ära, auf die man gerne zurückschauen möchte. «Ich beharre aber auf der künstlerischen Freiheit», betont Hesse.

So nimmt sich der Regisseur auch heraus, das umjubelte Bauwerk kritisch zu beleuchten. «Kunst soll dazu da sein, neue Blickweisen zu ermöglichen, die Wahrnehmung zu schärfen und zu sensibilisieren», sagt Hesse. Und genau das hat er mit der Produktion vor. «Mit Tunnelbauten verbinden sich immer auch Leiden», sagt er.

«Man greift in die Natur ein und verbraucht Menschen», sagt Hesse. Damit spricht er das dunkle Kapitel an, dass auch Menschen beim Bau des Tunnels ums Leben kamen. Die Neat wird es ermöglichen, einst auf dem Weg von Zürich nach Mailand eine ganze Stunde Fahrzeit einzusparen. «Doch bringt solcher Zeitgewinn nur Vorteile?», fragt Hesse rhetorisch. «Die Kunst darf das Fragwürdige, das Unheimliche, das Vermessene der Grosstaten des Menschen ansprechen, ohne die technischen oder auch politischen Leistungen damit herabzusetzen.» «Ich persönlich bewundere zum Beispiel die Leistung der schweizerischen Gesellschaft, ein solches Bauwerk alles in allem termingerecht und ohne unkontrollierbare Kostenexplosionen zu Stande zu bringen.»

An zwei Tagen zu sehen

Das Publikum darf somit eine kontroverse Inszenierung erwarten. Die Produktion wird am 1. Juni vor den geladenen Gästen aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft uraufgeführt. Am Volksfest vom 4. Juni wird diese für die Öffentlichkeit wiederholt.

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