Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

NEAT: Er testet im Neat-Tunnel Züge

Andreas Infanger fährt mit 8000 PS und 200 Kilo­metern pro Stunde durch den Gotthard-Basistunnel. Er liebt seinen Beruf, spricht aber auch von Schattenseiten.
Anian Heierli
Andreas Infanger (27) erlebt als Lokführer die Natur auf eine Art und Weise, wie es nur wenige können. (Bild Anian Heierli)

Andreas Infanger (27) erlebt als Lokführer die Natur auf eine Art und Weise, wie es nur wenige können. (Bild Anian Heierli)

Anian Heierli

Schon als kleiner Bub ging Andreas Infanger (27) immer wieder an den Bahnhof Erstfeld, um dort Züge zu bestaunen und das Bahnpersonal bei der Arbeit zu beobachten. Heute ist er selber Lokführer und koordiniert Testfahrten der SBB. Manchmal auch im Gotthard-Basistunnel. Bis heute wirkt seine Karriere beinahe vorbestimmt. So, als ob er nie eine andere Wahl gehabt hätte. Denn Infanger entstammt einer Eisenbahnerfamilie, wie sie typischer nicht sein könnte. Sein Vater, zwei seiner Onkel und ein Cousin sind ebenfalls Lokführer, ein dritter Onkel arbeitet bei SBB Infrastruktur, und sein Grossvater war früher in Wassen Bahnhofsvorstand. «Dennoch entschied ich mich aus eigenem Willen erst mit 21 für den Beruf des Lokführers», sagt Infanger, der zuvor Polymechaniker bei den SBB in Erstfeld gelernt hatte. Von klein auf sei für ihn aber klar gewesen, dass er bei den SBB Fuss fassen will.

Zeitdruck sitzt im Nacken

Heute arbeitet Infanger zu 50 Prozent als Lokführer und zu 50 Prozent als Testleiter. Im Drei-Wochen-Takt fährt er deshalb entweder Zug oder erledigt Büroarbeiten. «Diese Mischung passt perfekt», sagt er und erzählt, dass «ich noch vor wenigen Jahren nicht zu träumen gewagt hätte, mit 27 Jahren bereits Testleiter zu werden». In seiner Position plant er Testfahrten und wertet Daten während und nach der Fahrt aus. «Die Schwierigkeit besteht darin, die Tests exakt und im Zeitplan auszuführen», sagt er. Denn die Zeit sei oft knapp.

Worst-Case-Szenario Brand

Im Gotthard-Basistunnel prüft In­fanger das funkbasierte Zugsicherungssystem (ETCS). Dieses System überwacht den Zugführer und liefert ihm auf einem Display Informationen zur Strecke. Die Züge im Tunnel fahren mit bis zu 200 Kilometern pro Stunde. Ab Tempi von 160 km/h und mehr achten die SBB-Lokführer nur noch auf ihr Display im Führerstand und nicht mehr auf Signalisationen am Streckenrand. «Im Ereignisfall muss das System deshalb reibungslos arbeiten», betont Infanger. Im Gotthard-Basistunnel sei ein Brand das Worst-Case-Szenario. In diesem Fall lässt das System nicht weiterfahren, und der Lokführer muss anhalten. Sobald der Zug gestoppt hat, klärt ein Verkehrsleiter, ob er ohne Gefahr rückwärts aus dem Tunnel hinausfahren kann. «Abgesehen von einigen Kinderkrankheiten, die es immer gibt, funktioniert alles bestens», sagt Infanger. «Wir sind für die Eröffnung bereit.»

1,8 Kilometer Bremsweg

Doch Infanger überwacht die Tests nicht nur, sondern springt manchmal auch selber als Testlokführer ein. Angst habe er aber nie. Obwohl ihm bewusst ist, dass er eine 8000-PS-Lokomotive auf 200 km/h beschleunigt. «Im Führerstand spürt man vom Tempo aber fast nichts», sagt er. «Beispielsweise merkt man beim Autofahren auch kaum, ob man 120 oder 140 km/h schnell fährt. Das ist beim Zug dasselbe.» Ohnehin sei das Fahren mit dem Zug keine Schwierigkeit. Herausfordernder seien das Bremsen und Anhalten. So betrage bei einer Vollbremsung mit 200 km/h der Bremsweg bis zu 1,8 Kilometer.

Bislang ist Infanger rund zehnmal selber durch den Gotthard-Basistunnel gefahren. Und das erfülle ihn mit Stolz: «Als Erstfelder ist die Mitarbeit am Jahrhundertprojekt Neat ein absolutes Privileg.» Spass macht es dem 27-Jährigen auch, weil er so wieder in seine Heimat kommt. Zurzeit arbeitet er vor allem für die Tests im Gotthard-Basistunnel in Erstfeld. Ansonsten ist er als Lokführer in Interlaken und als Testleiter in Bern stationiert. «Mir gefällt Bern», sagt er. «Ich schliesse aber nicht aus, wieder einmal nach Uri zurückzukehren. Ein Urner geht gerne weg, kommt aber noch lieber wieder nach Hause.»

Lokführer habe – wie jeder andere Beruf auch – seine positiven und negativen Seiten, sagt er. «Für mich überwiegen die positiven aber bei weitem.» Vor allem die Natur hat es dem Erstfelder angetan. «Ich habe immer einen Fensterplatz», scherzt er. «Spass beiseite. Es gibt Momente, in denen ich nichts überwachen muss und die Landschaft geniesse. Als Lokführer kann man die Natur in einer Art und Weise erleben, wie es nur wenige können. Einen Sonnenauf- oder -untergang zu bewundern, ist für mich immer phänomenal.» Zudem ist man im Führerstand nicht der Witterung ausgesetzt. Im Winter sei es angenehm warm, im Sommer kühl.

Die Gefahr lauert am Bahnhof

Am liebsten fährt Infanger auf der Strecke Puidoux–Lausanne. «Durch die Lauvaux-Gegend am Genfersee mit den Rebbergen zu fahren, ist traumhaft. Je nach Jahreszeit sind die Rebberge wunderschön», schwärmt er. Zu schaffen machen ihm dagegen brenzlige Situationen am Bahnhof: In der Nähe der Gleise sind weisse Sicherheitslinien, die nicht überschritten werden dürfen. Dennoch kommt es vor, dass Personen auf der Linie oder sogar beinahe am Perronrand stehen. «Das ist extrem heikel», so Infanger. «Es könnte ja jemand stolpern oder einen Rucksack tragen, der sich am Zug verheddert. Wenn sich Personen zu nahe am Gleis aufhalten, bedeutet das für mich immensen Stress. Dann bleibt sogar das Herz kurz stehen.» Deshalb appelliert er an Fahrgäste: «Bitte beachtet unbedingt die Sicherheitsmarkierungen am Perronrand!»

Insgesamt gefällt Infanger die Mischung aus Lokführer und Testfahrer extrem gut. Und seine Begeisterung für Züge ist noch genauso gross wie damals, als er als Kind auf dem Bahnhof das SBB-Personal anhimmelte.

Rekordtunnel steht im Fokus

Zur Serie AH. Mit dem Bau des Gotthard-Basistunnels der Neat zwischen Erstfeld und Bodio schreibt die Schweiz Geschichte. Am 1. Juni wird der mit 57 Kilometern längste Eisenbahntunnel der Welt im Beisein des Gesamtbundesrats sowie von Staats- und Regierungschefs aus den Nachbarländern und aus weiteren europäischen Staaten eröffnet.

Im Vorfeld dieses Grossanlasses publiziert die «Neue Urner Zeitung» in loser Folge Beiträge, die den Bau des Jahrhundertwerks aus Urner Sicht beleuchten. Den Anfang machte Mineralienaufseher Peter Amacher (siehe unsere Zeitung vom Samstag 19. März). Diesmal geht es ums Thema Testfahrten.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.