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NEAT: «Schlimme Zwischenfälle verhindert»

Irene Kunz ist für die Suva als Medizinerin im Basistunnel unterwegs. Uns erzählt sie, was die Mineure mitbringen mussten – und wie sie mit den Todesfällen umging.
Interview Matthias Stadler
Im November 1999 erfolgte der Tunnelanstich des Gotthard- Basistunnels. Nun, am kommenden Mittwoch wird er eröffnet. (Bild: Keystone / Martin Ruetschi)

Im November 1999 erfolgte der Tunnelanstich des Gotthard- Basistunnels. Nun, am kommenden Mittwoch wird er eröffnet. (Bild: Keystone / Martin Ruetschi)

Die Suva-Ärztin Irene Kunz ist seit über 15 Jahren verantwortlich für die Umsetzung der arbeitsmedizinischen Vorsorge im Neat-Basistunnel. Während dieser Zeit hat sie die Arbeiter an der Neat-Baustelle medizinisch begleitet. Dabei ist sie auch immer wieder an die Front gegangen zu der Tunnelbohrmaschine und den Mineuren. Wichtig sei gewesen, dass sie als Medizinerin «selber schwitzt, selber riecht und selber spürt», was vor Ort geschieht, sagt sie im Interview.

Irene Kunz, Sie sind seit dem Jahr 2000 für die Gesundheit der Neat-Bauarbeiter zuständig. Was haben Sie dabei genau gemacht?

Irene Kunz: Ich habe mit Ärzten vor Ort zusammengearbeitet und unter anderem auch Leute untersucht, die im Tunnel arbeiteten. Dies, um mich schliesslich zur Eignung der Arbeiter äussern zu können. Als Arbeitsärztin bei der Suva kommt mir die Rolle des Durchführungsorgans im Rahmen des Unfallversicherungsgesetzes UVG zu. Unsere Hauptaufgabe ist es, über die Einhaltung der Arbeitssicherheit und des Gesundheitsschutzes zu wachen. Als solche war ich mit zuständig für die Organisation und Umsetzung der arbeitsmedizinischen Vorsorge und somit für alle Zugänge in den Tunneln Erstfeld, Amsteg, Faido und Bodio.

Das heisst?

Kunz: Damit man sicher gehen konnte, dass die Mineure das Klima im Basistunnel überstehen konnten, mussten sie Eignungsuntersuchungen über sich ergehen lassen. Darin enthalten war auch eine Vorsorgeuntersuchung für Arbeitnehmer mit Hitzearbeit im Untertagbau. Bei dieser wurden die Mineure sozusagen auf Herz, Lunge und Nieren geprüft. Darin enthalten war auch ein Belastungstest auf dem Velo. Die Männer mussten zirka 15 Minuten aufs Velo, damit wir ihre medizinischen Werte messen konnten. Das Gotthardmassiv hat einen hohen Quarzgehalt, weswegen auch ein Untersuch zur Früherkennung einer Staublunge durchgeführt wurde. Und als drittes untersuchten wir das Gehör der Arbeiter.

Was muss ein Neat-Bauarbeiter aushalten können?

Kunz: In den zentralen Abschnitten des Tunnels herrschte ein feuchtwarmes Klima. Die Temperaturen konnten 36, vielleicht 37 Grad erreichen – dies bei hoher Luftfeuchtigkeit. Das ist ein heissschwüles Klima, welches das Herz-Kreislauf-System herausfordert. Tageslicht fehlt. Gearbeitet wurde im Schichtbetrieb, also auch nachts. Wenn die Tunnelbohrmaschine fuhr, war es laut, und die Arbeiter mussten sich mit Ohrschutz schützen.

Gab es viele Arbeiter, die hätten arbeiten wollen, aber gesundheitlich nicht durften?

Kunz: Nein. Die meisten konnten im Tunnel arbeiten. Bei ein paar wenigen mussten wir dies aus gesundheitlichen Gründen untersagen. Doch anders, als man es sich vielleicht vorstellt, waren die Mineure nicht allesamt junge Erwachsene. Die meisten waren erfahrene, spezialisierte Mineure, die mit einem gewissen Stolz an die Arbeit eines Jahrhundertwerks gingen. Wir hatten viele Arbeiter im Alter von 40 bis 65 Jahren. Es gibt keine Alterslimite, wenn man fit ist. Und Mineure sind meistens gesunde Leute. Diejenigen, die diesen Beruf über eine längere Zeit ausüben, sind besonders leistungsfähig.

Gab es denn auch Mineurinnen?

Kunz: Weibliche Mineure habe ich nicht angetroffen. Aber zum Beispiel Sicherheitsingenieurinnen gab es vor Ort. Und auch im Backoffice haben viele Frauen gearbeitet, die ebenfalls hervorragende Arbeit geleistet haben.

Was waren aus medizinischer Sicht die grössten Risiken beim Bau?

Kunz: Das grösste gesundheitliche Risiko im Gotthard-Basistunnel waren nicht Hitzeerkrankungen. Solche hatten wir wenig – nicht einmal ein Dutzend. Wir haben durch gute Präventionsarbeiten schlimme Zwischenfälle verhindern können. Das Hauptproblem war – wie auf allen anderen Tunnelbaustellen – der Verkehr oder die Sicherungsarbeiten am Fels. Dafür waren aber die Ingenieure der Arbeitssicherheit zuständig und nicht wir Mediziner.

Während der Arbeiten gab es neun Todesfälle. Wie haben Sie diese verarbeitet?

Kunz: Jedes Menschenleben ist viel wert. Jedes Menschenleben, das verloren geht, macht einen betroffen. Aber man hat die Pflicht als Arzt, das Menschenmögliche zu machen, dass es nicht so weit kommt. Daher kommt meine Motivation, etwas zur Arbeitssicherheit und zum Gesundheitsschutz beizutragen.

Was war Ihr eindrücklichstes Erlebnis im Tunnel?

Kunz: Mein erster Tunnelgang: Ich durfte eine Sprengung miterleben und selber auf den Sprengknopf drücken. Das werde ich sicher nicht mehr vergessen. Aber auch die vielen persönlichen Kontakte werden mir bleiben. Die Bauarbeiter waren wie eine Familie, bei der der eine zum anderen geschaut hat. Das zeichnet diese Mineure aus. Sie sind sich der Wichtigkeit eines guten Teamworks bewusst angesichts der vielen, teils lebensgefährlichen Risiken, die sie Tag für Tag auf sich genommen haben.

Sie waren jedes Jahr mehrere Male im Tunnel. Weshalb?

Kunz: Es ist wichtig, dass man selber vor Ort geht. Es ist wichtig, dass man selber schwitzt, selber sieht, riecht und selber spürt, was im Tunnel vor sich geht. Dies, damit man besser verstehen kann, welche Arbeiten unter welchen Umständen im Tunnel ausgeführt werden, um dann die richtigen Massnahmen und Entscheide zu treffen.

Hatten Sie im Tunnel je gefährliche Situationen zu überstehen?

Kunz: Nein, nicht währenddem ich drinnen war. Es gab aber einmal einen schwierigeren Bauabschnitt in der Nähe von Faido. Dort war ich beeindruckt, wie viel Beton und Stahlträger zur Verstärkung zusätzlich verbaut werden mussten. Zudem beeindruckten mich diese Ingenieurskunst und die Präzision, mit der gebaut wurde. Ich darf sagen: Ich bin immer gerne und mit viel Interesse in den Tunnel hineingegangen.

Am 1. Juni findet die Eröffnungsfeier statt, bald kann der Tunnel durchfahren werden. Freuen Sie sich?

Kunz: Ich freue mich sehr auf den 1. Juni. Ich bin sehr stolz auf die Schweiz. Stolz, dass so etwas fertiggebracht wurde. Ich freue mich auf die Zeremonie, werde aber persönlich nicht mit der grossen Masse durchfahren. Dies werde ich später in einem ruhigeren Moment tun, wenn es nicht mehr so voll im Zug ist. Dann werde ich aus dem Zug schauen und vor meinem geistigen Auge meine Erinnerungen vorbeiziehen lassen.

Interview: Matthias Stadler

Hinweis

Eine Sonderbeilage zum Gotthard-Eisenbahntunnel erschien in der gestrigen Ausgabe der «Neuen Luzerner Zeitung» und ihren Regionalausgaben.

Die Luzerner Ärztin Irene Kunz arbeitet seit 2000 bei der Suva und leitet seit 2008 die arbeitsmedizinischen Labors der Unfallversicherung. (Bild: PD/Alma Johanns)

Die Luzerner Ärztin Irene Kunz arbeitet seit 2000 bei der Suva und leitet seit 2008 die arbeitsmedizinischen Labors der Unfallversicherung. (Bild: PD/Alma Johanns)

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