NEAT: Sicher machts sicher

Sein Name ist Programm: Der Gurtneller Valentin Sicher ist im Gotthard-Basistunnel für die Sicherheit der Arbeiter verantwortlich. Polizist will er nicht spielen. Stattdessen weiss er sich mit einem Trick zu helfen.

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Sicherheitschef Valentin Sicher vor dem Mustertunnel im Zugangsstollen Amsteg. «Die Arbeiter müssen Eigenverantwortung übernehmen», sagt er. (Bild Sven Aregger)

Sicherheitschef Valentin Sicher vor dem Mustertunnel im Zugangsstollen Amsteg. «Die Arbeiter müssen Eigenverantwortung übernehmen», sagt er. (Bild Sven Aregger)

Im Gotthard-Basistunnel kann es heiss werden. Das merkten auch die Bundesräte bei einer Bahnfahrt durch den Berg. Doris Leuthard, Ueli Maurer, Simonetta Sommaruga und Co. schwitzten derart, dass sie für den Fototermin in der Multifunktionsstelle Sedrun kurzerhand den Helm vom Kopf nahmen. Das Bild erschien am nächsten Tag landesweit in den Zeitungen, und im Büro von Valentin Sicher in Erstfeld liefen die Drähte heiss. Per Telefon und Mail beklagten sich Bürger, dass die Magistraten die Sicherheitsbestimmungen im Tunnel nicht erfüllt hätten. Sicher blieb ruhig, wie immer, wenn es hektisch wird. Die Anekdote verdeutlicht, dass sein Job starke Nerven voraussetzt. Sicher sagt: «Wenn etwas schief läuft, höre ich es sofort. Ist alles gut, meldet sich niemand.» Sicher zuckt mit den Schultern, was heissen mag: So ist es halt, damit muss ich leben.

Seit 2008 ist der Gurtneller Valentin Sicher – sein Name ist Programm – Sicherheitsbeauftragter von Transtec Gotthard. Das Konsortium installiert die Bahntechnik im Gotthard-Basistunnel. Gemeinsam mit seinem Stellvertreter ist Sicher dafür verantwortlich, dass sich die Arbeiter im Tunnel sicherheitstechnisch nach Vorschrift verhalten und sich damit das Unfallrisiko möglichst reduziert. «Die Arbeiter sollen am Morgen gesund kommen und am Abend gesund nach Hause gehen», sagt Sicher lapidar. Er und sein Stellvertreter instruieren jede Person, die in den Tunnel will. Sie erläutern die Anlagen, stellen die Ausrüstung samt Rettungsrucksack bereit und weisen auf Gefahren und Verhaltensweisen hin. Alle Arbeiter erhalten einen Badge, der ihren Aufenthaltsort im Tunnel erfasst. Ausserdem müssen sie ärztlich nachweisen, dass sie hitzetauglich sind. Tief im Gotthardgranit kann es über 40 Grad warm werden.

An Spitzenzeiten arbeiteten rund 700 Leute auf verschiedenen Abschnitten im Tunnel. Sicher ist wöchentlich mehrmals selber vor Ort, um die Einsatzgruppen zu kontrollieren. Dabei ist er schon auf Widerstand gestossen, auf hemdsärmlige Männer, die sich nichts sagen liessen. Sicher weiss sich mit einem Trick zu helfen. Bei seinen Kontrollgängen fotografiert er die Arbeiter, die sich korrekt verhalten. Das Bild reicht er ihnen später nach. Wer aber beispielsweise keinen Helm trägt, erhält kein Foto. Sichers Methode ist wirksam, weil viele Arbeiter gern ein Bild von sich als Erinnerungsstück aufbewahren.

Rund 30 Unfälle pro Jahr

Es gebe zwei Möglichkeiten, vor den Arbeitern aufzutreten, sagt Sicher. Als Polizist oder als Kumpel. Er entschied sich für den Kumpeltyp. «Meine Erfahrung zeigt, dass die Polizistenrolle nicht gut ankommt. Es ist ein Geben und Nehmen, ein Vertrauensverhältnis», so der 66-Jährige. «Die Arbeiter müssen Eigenverantwortung übernehmen. 99 Prozent halten sich an die Vorschriften, deshalb ist das Sicherheitsniveau hoch.»

Das unterstreicht die Statistik. Seit Sicher vor acht Jahren angefangen hat, ist kein Arbeitsunfall tödlich verlaufen. Von den durchschnittlich rund 30 Unfällen pro Jahr handelt es sich meist um Bagatellen: blaue Flecken, kleine Schnittwunden, Schürfungen. Es sind Verletzungen, die während Routineabläufen entstehen, wenn die Arbeiter unachtsam werden. Einer stolpert über ein Kabel, ein anderer schneidet sich in den Finger. Solche Sachen. Schwere Unfälle wie Beinbrüche oder Hirnerschütterungen sind die Ausnahme. Und wenn es doch einmal ernst wird, ist der Verunfallte innerhalb einer Stunde im Spital. Vor den Portalen in Erstfeld und Biasca sind Sanitäter und je ein Lösch- und Rettungszug stationiert. Zudem verfügen die Leitstellen auf den Installationsplätzen im Norden und Süden über Checklisten, die das Vorgehen etwa bei einem Brand, Personenunfall, Sachereignis oder Chemieunfall aufzeigen.

Linie treu bleiben

Trotz seines Pensionsalters war für Valentin Sicher immer klar, dass er dem Neat-Grossprojekt zu einem guten Abschluss verhelfen will. «Es wäre frech, wenn ich die Verantwortung jetzt kurz vor der Eröffnung noch abgeben würde», betont er – und schwärmt: «Der Gotthard-Basistunnel ist allein von seiner Dimension her ein Wahnsinnsprojekt für Uri. Ungefähr so, als würde der FC Altdorf in der Champions League spielen.»

Derzeit arbeiten täglich noch 80 bis 150 Leute im Basistunnel. Nachts wird er für die SBB-Testfahrten geräumt. Ab Mitte Mai werden Bund, Kanton und SBB ihr eigenes Sicherheitskonzept für die Eröffnungsfeierlichkeiten umsetzen. Überschneidungen mit Transtec sind programmiert. Sicher weiss: «Diplomatie ist gefragt. Es muss ein Miteinander geben.» Wie auch immer: Punkto Sicherheit will Valentin Sicher seiner Linie treu bleiben. «Für alle gelten die gleichen Vorschriften, ob es Handlanger sind oder Bundesräte.» Schwitzende Magistraten ohne Helm passen da nicht ins Bild.

Sven Aregger