Neue Gemeindepräsidentin Verena Tresch will die Gurtneller für Politik begeistern – vor allem die Jungen

Die schlechte Finanzlage im Bergdorf stellt die neue Gemeindepräsidentin Verena Tresch vor einige Probleme. Sie zählt bei deren Lösung vor allem auf die Einwohner – insbesondere auf die Jungen.

Markus Zwyssig
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Verena Tresch leitet neu als Gemeindepräsidentin die Geschicke Gurtnellens.

Verena Tresch leitet neu als Gemeindepräsidentin die Geschicke Gurtnellens.

Bild: Urs Hanhart (Gurtnellen, 12. Februar 2020)

Verena Tresch hat das Amt als Gemeindepräsidentin nicht gesucht. Nach der Demission des bisherigen Präsidenten Karl Walker-Bregar war niemand bereit, seine Nachfolge anzutreten. Die Besetzung des Gemeindepräsidiums sei sehr schwer und langwierig gewesen, gibt die 62-Jährige bei unserem Besuch auf der Gemeindekanzlei in Gurtnellen offen zu.

In der Gemeinde gebe es zwar ein reges Vereinsleben. «Es wird allerhand auf die Beine gestellt. Das ist erfreulich», so die engagierte Gemeindepolitikerin. Ganz anders sehe es hingegen in der Politik aus. In diesem Bereich sei es sehr schwierig, Ämter zu besetzen. Vor allem, was den Gemeinderat betreffe. Die Gemeinde Gurtnellen hat fünf Dorfteile, welche sich teilweise bis nach Erstfeld erstrecken. Da sie nicht im Dorf selber wohnt, war Tresch aufgrund der Distanz eher skeptisch, das Präsidium zu übernehmen. Nach vielen Überlegungen hat sie sich dann doch entschieden, sich dieser Herausforderung zu stellen – seit Anfang Jahr interimistisch und nun nach der Wahl am vergangenen Wochenende offiziell.

Noch immer fehlt in der Gemeinde ein Verwalter

Im Gurtneller Gemeinderat ist weiterhin die Stelle des Verwalters vakant. Als Gemeindepräsidentin ist Tresch Stellvertreterin des Finanzchefs. Sie hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass sich jemand als Verwalter zur Verfügung stellen wird. «Idealerweise sollte die Person ein Flair für Zahlen haben», sagt Tresch. Vorübergehend kann diese Position stellvertretend im Gemeinderat intern geführt werden. Dies dürfe aber aufgrund der Doppelbelastung keine Dauerlösung sein, so Tresch.

Das Finanzielle dürfe zwar nicht das Entscheidende sein, ein Amt anzunehmen. Aber die Sitzungsgelder seien in einer kleineren Gemeinde bescheidener als in einer grösseren, gibt Tresch zu bedenken. Und da sei es halt schwieriger, Leute – vor allem auch jüngere – für ein Amt im Gemeinderat zu finden.

Im Oberland droht die Schliessung eines Schulhauses

Die Gemeinde hat noch mit anderen Problemen zu kämpfen, insbesondere mit sinkenden Schülerzahlen. Und die Situation wird sich in den nächsten Jahren verschärfen. Das zeigt ein Blick auf die Geburtenzahlen, die immer weiter nach unten gehen. Tresch sagt:

«Wenn es in jeder Gemeinde noch vier Geburten wären, wäre die Situation weniger problematisch. Aber so viele sind es nicht einmal mehr jedes Jahr.»

Da müsse man sich für die Zukunft etwas überlegen. Erschwerend kommt hinzu, dass einige Gurtneller Kinder aus geografischen Gründen in Silenen die Schulbank drücken.

Die Oberstufenschüler im Urner Oberland besuchen die Kreisschule in Gurtnellen. Die Schulhäuser für Kindergarten und Primarschule befinden sich in drei Gemeinden. Konkret heisst dies zurzeit: Die Kindergärtler sowie die Erst- und Zweitklässler besuchen die Schule in Göschenen. Die Dritt- und Viertklässler sind in Wassen. Die Fünft- und Sechstklässler besuchen die Schule in Gurtnellen.

Nun zeichne sich ab, dass man die Primarschüler nicht mehr an allen drei Orten unterrichten könne. Eines der Schulhäuser müsse geschlossen werden. «Es geht leider nicht anders», sagt die Gurtneller Gemeindepräsidentin mit Bedauern. «Nur durch eine verstärkte Konzentration der Kräfte können wir in den Gemeinden des Urner Oberlands auch weiterhin den Kindern eine gute Grundausbildung bieten.» Der Entscheid ist aber noch nicht getroffen. Es sei nicht nur ein bildungspolitisches Thema, sondern auch ein sehr emotionales. «Wer will schon, dass die Schule im Dorf geschlossen wird?», fragt sie rhetorisch. Sie ist jedoch optimistisch, dass eine Lösung gefunden wird, die für alle stimmt und vor allem zum Wohl der Kinder ist.

Das Geld fehlt an allen Orten und Enden

Die Finanzlage in Gurtnellen ist sehr angespannt. Die Sanierung der Wasserversorgung, die Teilrevision der Nutzungsplanung, eine neue Trinkwasserversorgung und die Lawinenverbauung Geissberg belasten die Gemeinderechnung. Zudem wirken sich die Sozialfälle, die Pflegeheimrestkosten und die stetige Abwanderung ebenfalls negativ aus.

Der Gemeinderat bemühe sich stets, das Dorf attraktiv zu halten, was jedoch nicht so einfach sei. «Uns fehlen Arbeitsplätze und Wohnraum für Familien», räumt Tresch ein. Dass Gurtnellen immer wieder von Naturereignissen und Strassensperrungen betroffen ist, erschwert die Situation ebenfalls. Dennoch ist die Gemeindepräsidentin optimistisch und versucht mit ihren Ratskollegen das Beste für die Gemeinde herauszuholen.

Fusion ist für Tresch kein Tabu

Offen ist Tresch gegenüber einer möglichen Fusion mit den Nachbargemeinden. «Früher oder später muss das ein Thema werden», gibt sie sich überzeugt. «Aber es wird schwierig sein, einen Zusammenschluss zu erwirken.» Heute schon klappe die Zusammenarbeit vor allem auch bei der gemeindeübergreifenden Baukommission gut. Im Bildungsbereich lief es bisher ebenfalls flott.

Trotzdem sei es nicht einfach, da die drei Gemeinden Gurtnellen, Wassen und Göschenen finanziell alles andere als auf Rosen gebettet seien. In Göschenen sei die Situation mit dem gemeindeeigenen Kraftwerk zwar noch nicht so dramatisch. Trotzdem frage man sich, ob es Sinn mache, wenn Gemeinden sich zusammenschliessen, die finanziell eher schwach seien. Ein Zusammenschluss würde Vorteile mit sich bringen. «Vor allem auch beim Verwaltungsapparat könnte man sparen», sagt Tresch.

Bevölkerung vermehrt ins Boot holen

Sie wünscht sich, dass die Politik in der Bevölkerung stärker verankert wird. An Gemeindeversammlungen nehmen relativ wenig Leute teil. Ausnahmen bestätigen die Regel. Als es um die Leinenpflicht für Hunde ging, kamen 80 Personen und es wurde zweieinhalb Stunden lang diskutiert. Werden Budget und Rechnung behandelt, kämen nur wenige Leute und es gäbe kaum Wortmeldungen.

Gurtnellen ist geografisch weitläufig. Das macht es nicht einfacher, alle ins Boot zu holen. «Vor allem die jungen Leute würde ich gerne mehr abholen.» Auch bei den Abstimmungen und den Gemeinderatswahlen am vergangenen Wochenende ging nur jeder Vierte an die Urne. Tresch sagt:

«Es stört mich, dass die Bevölkerung nicht mehr Interesse zeigt. Die Unterstützung fehlt.»

Man wolle mit der Bevölkerung zusammen die Dinge anschauen und Infos weitergeben. Daran werde sie arbeiten, sagt Tresch. Sie wisse aber noch nicht, wie genau. Sie sei sich sicher, dass man gemeinsam eine Lösung finden werde. «Bis jetzt ist es immer irgendwie gegangen. Mit gemeinsamen Kräften werden wir versuchen, das Schiff auch in Zukunft weiter zu lenken.»

Zur Person

Verena Tresch wohnt zwar schon seit 1984 auf Gurtneller Gemeindegebiet. Ursprünglich stammt sie aber aus Bürglen. Der Liebe wegen sei sie ins Elternheim ihres Mannes gezogen, sagt sie. Die 62-Jährige ist Mutter dreier erwachsener Töchter.

Sie ist schon lange im Gemeinderat in Gurtnellen aktiv. Viele Jahre war sie im Gremium für das Sozialwesen verantwortlich. Nach einem Unterbruch in der Gemeindeexekutive stellte sie sich als Verwalterin zur Verfügung. Seit Anfang Jahr hat sie den Gemeinderat at interim geleitet. Am vergangenen Sonntag wurde sie als Gemeindepräsidentin gewählt. (MZ)

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