Neue Publikation
Historiker Elias Bricker schreibt über den Urnerboden

Bis 1877 war es strengstens verboten, sich im Winter auf dem Urnerboden aufzuhalten. Der Flüeler Historiker Elias Bricker hat untersucht, wie auf der grössten Kuhalp der Schweiz dennoch ein Dorf entstehen konnte.

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Der Urnerboden gilt als die grösste Kuhalp der Schweiz, aber nur noch wenige Personen leben das ganze Jahr hier.

Der Urnerboden gilt als die grösste Kuhalp der Schweiz, aber nur noch wenige Personen leben das ganze Jahr hier.

Bild: Elias Bricker

«Ein Dorf auf der Alp»: So heisst der Titel einer neuen Publikation des Flüeler Historikers Elias Bricker. Er beschreibt darin, wie zwischen 1840 und 1900 plötzlich ein kleines Dorf auf der grössten Kuhalp der Schweiz entstehen konnte – und dies, obwohl es lange verboten war, sich im Winter überhaupt auf dem Urnerboden aufzuhalten. In den 1930er-Jahren lebten schliesslich gar 250 Personen auf dem «Boden», seither ist die Anzahl der Ganzjahresbewohner stark zurückgegangen. Heute sind es gerade noch etwas mehr als 30 Personen.

Elias Bricker hat zur Geschichte des Urnerbodens geforscht.

Elias Bricker hat zur Geschichte des Urnerbodens geforscht.

Bild: PD

Der Kanton Uri war im 19. Jahrhundert von einer grossen Armut betroffen. Viele Urnerinnen und Urner kamen nur über die Runden, weil sie ihre Ziegen auf die frei zugänglichen Allmenden treiben konnten. In immer höheren Lagen entstanden daher sogenannte Geissbauernsiedlungen – so etwa im Maderanertal oder im Schächental. Nach 1840 liessen sich zudem vermehrt solche Ziegenhalter ganzjährig auf dem Urnerboden nieder. «Der Urnerboden war eine Armeleute-Siedlung», sagt Elias Bricker. «Dort konnten die Leute, ohne ein eigenes Stück Land zu besitzen, mit ihren Ziegen die heutigen Korporationsweiden nutzen und an den steilsten Hängen Wildheu sammeln.»

Verhindern, dass die Ziegen das beste Gras wegfressen

Während mehrerer Jahrhunderte war es aber verboten, sich im Winter auf der Alp aufzuhalten. Einerseits wollten die Älpler damit verhindern, dass die Ziegen allfälliger Winteraufenthalter bereits vor der Alpauffahrt das beste Gras den Kühen wegfrassen. Andererseits waren Kirchenvertreter sowie Gemeinde- und Kantonsbehörden gegen den Winteraufenthalt. Ganzjahresbewohner hätten ausserhalb der Alpzeit keine Messe besuchen können, für schulpflichtige Kinder gab es zudem keinen Unterricht.

Nichtsdestotrotz machte ein Bundesratsbeschluss im Jahr 1877 den Winteraufenthalt auf dem Urnerboden möglich. In Folge entstand innert weniger Jahrzehnten eine dörfliche Infrastruktur – mit allen möglichen Schwierigkeiten, die ein Dorf im Tal nicht kennt. «Da es lange Zeit auf dem Urnerboden keinen Friedhof gab, mussten «Urnerbödeler» früher die Verstorbenen über den Klausenpass transportieren – selbst wenn zwei Meter Schnee lag», weiss Bricker.

«Auch Neugeborene wurden im Winter zur Taufe über den tief verschneiten Pass getragen.»

Zudem mussten die Kinder vom Urnerboden anfänglich – während mehrerer Monate von den Eltern getrennt – im Schächental die Schule besuchen.

Lediglich eine limitierte Druckauflage

Elias Bricker hatte im Rahmen seiner Bachelorarbeit 2016 im Staatsarchiv Uri über die Siedlungsgeschichte des Urnerboden geforscht. Die überarbeitete Version seiner Bachelorarbeit ist kürzlich in der Reihe «Berner Studien der Geschichte» der Universität Bern (Teilreihe 2: Natürliche Ressourcen in der Geschichte) erschienen und ist online frei zugänglich. Aufgrund der vielen Anfragen interessierter Personen wurde nun eine limitierte Auflage der bebilderten Publikation «Ein Dorf auf der Alp» gedruckt. Diese ist nun erhältlich. (pd/RIN)

Mehr Infos gibt es unter www.bricker.ch. Die Publikation «Ein Dorf auf der Alp» ist nun auch in gedruckter Form auf der Gemeindekanzlei in Spiringen erhältlich und kann unter www.bricker.ch/shop bestellt werden.

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