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NOTFALLDIENST: «Ärzte stehen zunehmend unter Druck»

Das Urner Oberland ist besonders stark vom Ärztemangel betroffen. Das Problem hat sich zuletzt noch verschärft. Nun werden intensiv Lösungen gesucht.
Im Kanton Uri fehlt es an Hausärzten. Patienten des Oberlandes fühlen sich bisweilen vernachlässigt. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Im Kanton Uri fehlt es an Hausärzten. Patienten des Oberlandes fühlen sich bisweilen vernachlässigt. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Sven Aregger

Ein hartnäckiges Grippevirus legte die Andermatter Familie Memarian lahm. Zuerst erkrankte der Vater, dann die 2-jährige Tochter und die Frau, die im achten Monat schwanger ist. Sie wurden von Hausarzt Michael Schmid und im Notspital der Armee medizinisch versorgt. Doch insbesondere der Gesundheitszustand von Vater Mansour Memarian verschlechterte sich zusehends. «Als ich mich nochmals untersuchen lassen wollte, stand kein Arzt zur Verfügung», erzählt der Deutschiraner. Am vergangenen Samstag musste er mit der Ambulanz nach Altdorf ins Kantonsspital gefahren werden. Diagnose: Lungenentzündung. Eine Nacht im Spital. «Hausarzt Michael Schmid tut sein Bestes, aber kann sich nicht in drei Personen teilen», betont Memarian, der im Luxushotel The Chedi für die gastronomischen Bereiche verantwortlich ist. «In der medizinischen Versorgung in Andermatt fehlt es an allen Ecken und Enden. Das kann ich in diesem fortschrittlichen, hoch entwickelten Land nicht verstehen. Und ich bin nicht der Einzige, der das sagt. Viele Andermatter sehen es ähnlich.»

Angespannte Situation

Das Problem mit dem Ärtzemangel und den damit verbundenen Engpässen beim Notfalldienst im Oberland ist bekannt. Deshalb beschloss die Urner Ärztegesellschaft Mitte 2014 eine Reorga­nisation des Notfalldienstes (siehe Box). Mittlerweile hat sich die Lage aber wei­ter zugespitzt: Die neue Göschener Hau­särztin Dorothea Stüttgen, die einen Drittel des Notfalldienstes im Oberland hätte übernehmen sollen, sieht sich dazu aus familiären und persönlichen Gründen nicht in der Lage (siehe Ausgabe vom Dienstag). Sie arbeitet 50 Prozent und wohnt nicht im Kanton Uri. Somit muss der ärztliche Notfalldienst Urner Unterland zwei statt wie geplant einen Drittel des Notfalldienstes im Oberland abdecken. Den restlichen Drittel stellt Michael Schmid sicher, der neu in Andermatt praktiziert. Erschwerend kommt hinzu, dass das militärische Notspital im März 2016 schliessen wird. Zum Vergleich: Die Vorgänger von Schmid und Stüttgen, Andreas von Schulthess und Felix Rüegg, hatten den ganzen Notfalldienst im Oberland noch gemeinsam mit dem Notspital abdecken können. Die Ärzte im Unterland mussten nur an einzelnen Tagen oder in der Zwischensaison aushelfen.

«Die aktuelle Situation ist angespannt», sagt Stefan Nock, Präsident der Urner Ärztegesellschaft. «Es ist natürlich unglücklich, dass Frau Stüttgen keinen Notfalldienst leistet. Aber im Urner Gesundheitsgesetz ist das nicht klar geregelt. Und wir müssen froh sein, dass wir einen Arzt in Göschenen haben.»

Keine Behandlungen vor Ort

In einem Brief hat die Ärztegesellschaft in Absprache mit der Gesundheitsdirektion den Gemeinden im Oberland mitgeteilt, dass die Ärzte im Unterland vorderhand zwei Drittel des Dienstes übernehmen, aber Besuche vor Ort nicht möglich seien. Das heisst: Für Konsultationen müssen die Patienten selber in den Arztpraxen im Unterland erscheinen. In gravierenden Fällen werden sie von der Ambulanz abgeholt. «Ein Hausarzt im Unterland hat im Notfalldienst speziell am Wochenende und an Feiertagen bis zu 40, 50 Patienten pro Tag. Da kann er unmöglich noch für Konsultationen ins Oberland reisen», begründet Nock. Mit Reklamationen zu diesem Vorgehen, die Patienten bisweilen äussern, kann Nock wenig anfangen. «Die Kritik ist unfair und verletzt die Ärzte. Sie stehen zunehmend unter Druck und machen ihr Möglichstes.» Nock betont, dass weder die Ärztegesellschaft noch die Gesundheitsdirektion oder die Gemeinden das Problem mit den knappen personellen Ressourcen lösen könnten. Vielmehr sei es eine gesundheitspolitische Angelegenheit. «Es gibt in der Schweiz zu wenige Leute, die sich zu Hausärzten ausbilden lassen. Ausserdem sind unter den Hausärzten immer mehr Frauen, die wegen der Familie nur Teilzeit arbeiten wollen.»

Finanzhilfe soll möglich werden

Die Gesundheitsdirektion und die Ärztegemeinschaft sind intensiv daran, Lösungen zu finden. Für Nock ist klar: «Die Attraktivität für Hausärzte in Uri muss steigen.» Er spricht von Ärztenetzwerken, attraktiven Grosspraxen und finanzieller Unterstützung. Eine Grossgruppenpraxis planen derzeit zwei Hausärzte in Altdorf (Ausgabe vom 7. Februar). Kanton und Gemeinden sollen dafür eine auf fünf Jahre befristete Anschubfinanzierung von rund 200 000 Franken pro Jahr zusichern können. Die Finanzierungsmodalitäten sind noch nicht verhandelt worden. Gemäss den Initianten stosse das Projekt aber auf Wohlwollen bei den Behörden. Der Ball liege jetzt bei der Politik. In ihrer Antwort auf einen politischen Vorstoss hält die Urner Regierung jedoch fest, dass zurzeit die Rechtsgrundlage fehle, um finanzielle Ressourcen zur Unterstützung des Notfalldienstes bereitzustellen. Das soll sich ändern. Noch in diesem Jahr will die Regierung dem Landrat eine Gesetzesvorlage unterbreiten.

Gesundheitszentrum im Fokus

Hoffnungen ruhen auf dem geplanten Senioren- und Gesundheitszentrum in Andermatt, das in rund zwei Jahren in Betrieb gehen soll. Dort ist ebenfalls eine Gruppenpraxis vorgesehen. Auch wird Platz für Spezialärzte geschaffen, die einen Teil der medizinischen Grundversorgung und des Notfalldienstes übernehmen sollen. Längerfristig soll wieder eine 100-Prozent-Abdeckung im Oberland garantiert werden, zumal der Bedarf steigen wird. Der Andermatter Gemeindepräsident Roger Nager verweist auf den zunehmenden Tourismus im Zuge des Sawiris-Resorts, den Passverkehr und das Schneesportzentrum, das womöglich nach Andermatt kommt. Er sagt: «Die jetzige Situation ist unbefriedigend.»

Die Familie Memarian hofft derweil, dass sich der Engpass in der medizinischen Versorgung baldmöglichst entschärfen wird. Schon mal positiv ist: Die Familie erholt sich langsam von ihrer Grippe. «Uns geht es wieder besser», sagt Mansour Memarian.

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