OBERGERICHT: Das Urner Rathaus wird zur Festung

Morgen sitzt in Uri Ignaz Walker auf der Anklagebank. Das Interesse der Medien ist gewaltig – und die Sicherheitsvorkehrungen sind so gross wie selten zuvor.

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Ignaz Walker ist seit dem 22. September wieder auf freiem Fuss. Ab Montag steht er aber erneut vor dem Obergericht Uri. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Ignaz Walker ist seit dem 22. September wieder auf freiem Fuss. Ab Montag steht er aber erneut vor dem Obergericht Uri. (Bild: Dominik Wunderli / Neue LZ)

Hat der Erstfelder Barbetreiber Ignaz Walker im Januar 2010 auf einen Gast seiner Bar geschossen? Hat er im November desselben Jahres die Ermordung seiner damaligen Ehefrau Nataliya K. in Auftrag gegeben, oder war es ein Komplott, um Walker hinter Gitter zu bringen? Um diese Hauptfragen geht es ab morgen in der Berufungsverhandlung vor dem Obergericht Uri (siehe Kasten).

Der Prozess findet nicht im kleinen Gerichtssaal des Zierihauses, sondern im Landratssaal des benachbarten Rathauses in Altdorf statt. Nicht weniger als 18 Journalisten haben sich offiziell akkreditiert – darunter auch eine Mitarbeiterin einer deutschen Zeitung. Da die Verhandlung öffentlich ist, könnten es durchaus noch ein paar mehr werden, spekuliert man im Urnerland. Zum Vergleich: Bei den Verhandlungen vor dem Land- und Obergericht Uri waren jeweils zwei bis höchstens sechs Medienleute im Saal.

Logistische Herausforderung

«Für uns besteht die besondere logistische Herausforderung darin, dass das öffentliche Interesse gross und durch die Medien zusätzlich geweckt worden ist», hält das Obergericht Uri auf Anfrage schriftlich fest. «Zudem lässt sich im Voraus nicht abschätzen, wie viele Bürger den Prozess im Landratssaal mitverfolgen wollen.» Aber: Damit die Gerichtsverhandlung auch bei grossem Publikumsandrang ordnungsgemäss ablaufen könne, seien massive Sicherheitsvorkehrungen getroffen worden.

Das bestätigt auch Gusti Planzer, Stabschef der Kantonspolizei Uri: «Eine Gerichtsverhandlung mit Sicherheitsvorkehrungen in ähnlichem Ausmass wie im Fall Walker hat es in jüngster Vergangenheit nicht gegeben.» Wie viele Polizisten im Einsatz stehen, will Planzer «aus polizeitaktischen Überlegungen» nicht verraten. Aus demselben Grund sagt er auch nicht, ob ausserhalb des Rathauses Kontrollen durchgeführt werden – etwa durch zivile Polizisten. Planzer lässt auch die Frage unbeantwortet, was denn während des Prozesses im allerschlimmsten Fall passieren könnte.

Klar ist: Bei den ersten beiden Prozessen im Fall Walker standen allein im Rathaus jeweils mindestens vier Polizisten im Einsatz. Weil Walker damals noch in Haft sass, musste er von der Urner Polizei im Gefängnis abgeholt und nach Verhandlungsschluss jeweils wieder dorthin zurücktransportiert werden. Walker ist gegenwärtig auf freiem Fuss.

Trotzdem muss die Kantonspolizei Uri einen Gefangenentransport organisieren. Der rechtskräftig verurteilte Auftragsschütze Sasa Sindelic soll erneut Aussagen. Er muss dafür aus der Haftanstalt nach Altdorf überführt werden.

Genaue Zugangskontrollen

Die Polizei wird im morgen beginnenden Prozess Zugangskontrollen durchführen. Das heisst: Wer in den Landratssaal will, muss mitgeführte Taschen und Mappen durchsuchen lassen, Jacken- und Hosensäcke entleeren und sich durch Metallsonden abchecken lassen, damit keine gefährlichen Gegenstände in den Saal kommen.

Beurteilung erfolgt im Einzelfall

Im April befasste sich das Obergericht mit dem Fall eines Sexualstraftäters. Dieser hatte im Vorfeld der Verhandlung massive Drohungen ausgesprochen, falls er erneut zu einer unbedingten Haftstrafe verurteilt werde. Und im September stand der Mörder des Schattdorfer «Mühle»-Wirts vor dem Landgericht. Beide Male gab es keine Kontrollen – weder der Medienleute noch der übrigen Prozessbesucher. Wieso gibt es im Fall Walker also ein so grosses Polizeiaufgebot? Planzer teilt schriftlich mit: «Die Beurteilung der Risiken und der daraus abgeleiteten Sicherheitsmassnahmen erfolgt im Einzelfall und bedarf der Abwägung der Sicherheitsinteressen der Personen und der Sicherstellung eines ungestörten Verhandlungsverlaufs mit dem Öffentlichkeitsgebot.»

Es begann vor bald sechs Jahren

Der Fallbar. Ignaz Walker wird beschuldigt, im Januar 2010 ausserhalb seiner Bar auf einen holländischen Gast geschossen zu haben. Zudem soll Walker den Kroaten Sasa Sindelic beauftragt haben, seine von ihm getrennt lebende Ehefrau Nataliya K. zu ermorden. Diese wurde im November 2010 durch drei Schüsse schwer verletzt.

Zu 15 Jahren Haft verurteilt

Das Obergericht Uri verurteilte den heute 47-jährigen Erstfelder Walker im September 2013 wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und versuchten Mordes in Mittäterschaft zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren und erhöhte damit die vom Landgericht verhängte Strafe um 5 Jahre. Im Dezember 2014 hiess das Bundesgericht eine Beschwerde Walkers teilweise gut, hob das Urteil auf und schickte den Fall zur Neubeurteilung ans Obergericht Uri zurück.

Komplott-These bestätigt

Im Januar 2015 hielt der rechtskräftig verurteilte Sindelic der «Rundschau» vom Fernsehen SRF gegenüber fest, nicht Walker sei für den Anschlag verantwortlich gewesen, sondern Nataliya K., deren damaliger Freund Claudio V. und er (Sindelic) selber. Man habe Walker damit hinter Gitter bringen wollen. Diese Komplott-These vertritt auch Linus Jaeggi, der Verteidiger von Ignaz Walker. Den Namen des Schützen geben weder Sindelic noch die «Rundschau» preis.

Bruno Arnold