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OBERGERICHT: Fall Walker: Streit um Kronzeugin erhitzt die Gemüter

Für Linus Jaeggi sind die belastenden Aussagen der Kronzeugin unbrauchbar. Oberstaatsanwalt Thomas Imholz hält dies für einen weiteren verzweifelten Versuch des Verteidigers, einen Skandal zu produzieren. Und Ignaz Walker sieht sich weiterhin als Justizopfer.
Am Montag folgte die Replik von Walkers Verteidiger, Linus Jaeggi (links). (Bild: Pius Amrein (Altdorf, 18. April 2016))

Am Montag folgte die Replik von Walkers Verteidiger, Linus Jaeggi (links). (Bild: Pius Amrein (Altdorf, 18. April 2016))

Die Wogen gehen hoch im Berufungsprozess des Falls Walker vor dem Obergericht. Nachdem sich die Parteien bereits am Donnerstag um die Deutung des Bundesgerichtsurteils vom April 2017 stritten (siehe unsere Ausgabe vom 17. November), verhärteten sich die Fronten am gestrigen Verhandlungstag weiter.

Walkers Verteidiger, Linus Jaeggi, betonte in seiner Replik abermals, dass – entgegen der Ansicht von Oberstaatsanwalt Thomas Imholz – nach dem Bundesgerichtsurteil vom April 2017 nicht einzig ein Schuldspruch möglich sei. Das Bundesgericht habe lediglich festgehalten, dass die Begründung des Freispruchs durch das Obergericht einer Prüfung nicht standhalte, weshalb der Fall zur Neubeurteilung – und nicht nur zur Festlegung des Strafmasses – ans Obergericht zurückgewiesen worden sei. «Wenn dem nicht so wäre, müssten wir ja hier nicht über Tage neu verhandeln», gab der Verteidiger zu bedenken.

Verteidiger zieht Kronzeugin in Zweifel

Jaeggi nutzte seine Replik, um die Aussagen von Elisabeth I.* in Zweifel zu ziehen. Die Ex-Freundin des rechtskräftig verurteilten Schützen Sasa Sindelic hatte damals ausgesagt, dieser habe ihr mehrmals gesagt, er habe am 12. November 2010 im Auftrag von Walker auf dessen damalige Ehefrau Nataliya K.* geschossen. Das Bundesgericht bemängelte, das Obergericht habe die Aussagen der Zeugin bei seinem Freispruch zu wenig berücksichtigt.

Gern präsentierte nun Jaeggi Hinweise, dass Elisabeth I. ihr belastendes Wissen nicht von Sindelic selber hatte, sondern aus den Akten. Diese seien der Anwältin von Nataliya K. regelmässig zugestellt worden. Ausgerechnet deren neuer Freund, Claudio V.*, habe sich zweimal bei der Staatsanwaltschaft gemeldet und explizit auf das Täterwissen von Elisabeth I. hingewiesen. Für Jaeg­gi ist dies ein Indiz dafür, dass die Zeugin instruiert worden sein könnte, Aussagen zu machen, die für die Verurteilung von Sindelic und Walker wichtig waren. Damit ergebe sich der Verdacht, dass Elisabeth I. «in strafbarer Weise auf das Untersuchungsergebnis im Sinne einer Verurteilung von Walker eingewirkt» habe, so Jaeggi. Er reiche deshalb «hier und jetzt» eine formelle Beschwerde ein gegen die Einstellungsverfügung des Strafverfahrens gegen Nataliya K. und Claudio V. wegen falscher Anschuldigung und Irreführung der Rechtspflege. Diese hatte der ausserordentliche Staatsanwalt André Graf ausgestellt.

Nach seinen Ausführungen zeigte sich Jaeggi überzeugt, dass Elisabeth I. als Zeugin vollständig dahinfalle, womit Walker freigesprochen werden müsse.

Umfassende Strafuntersuchung geführt

Oberstaatsanwalt Thomas Imholz entgegnete, dass «nichts, rein gar nichts» darauf hinweise, dass Elisabeth I. vor Gericht gelogen haben soll. Das sei vielmehr «ein weiterer verzweifelter Versuch des Verteidigers, einen Skandal zu produzieren, um Walker zu retten», mit dem sich Jaeggi notabene strafbar mache.

Auch der Vorwurf, die Strafuntersuchung gegen Walker sei schlampig, voller Pannen und ein wahrer Justizskandal gewesen, wollte Imholz nicht gelten lassen. Er habe selten eine so umfas­sende Untersuchung gesehen wie jene gegen Walker: 46 Personen wurden einvernommen und 125 Einvernahmen durchgeführt. «Wie soll bei dieser Masse an Fragen, Ermittlungen und Untersuchungshandlungen eine Verschwörung gegen Walker möglich sein?» Imholz ermahnte die Richter, auch an Nataliya K. zu denken: Sie sei in den letzten Jahren immer wieder Anfeindungen ausgesetzt gewesen und habe stets auf das Justizsystem vertraut. «Das hat Respekt verdient. Enttäuschen Sie sie bitte nicht.»

Walkers Vorwurf: «Niemanden interessiert’s»

Imholz blieb dabei: Walker sei wegen versuchten Mordes in Mittäterschaft schuldig zu sprechen und zu 15 Jahren Haft zu verur­teilen. Die Anwältin von Nataliya K. fordert für ihre Mandantin weiterhin eine Genugtuung von 250'00 Franken sowie Schadenersatz von 500 Franken.

In seinem letzten Wort rollte Walker die «Ungereimtheiten» in seinem Fall nochmals auf: von befangenen Polizisten über selektionierte Zeugen bis hin zu den «Lügen» des Oberstaatsanwalts. Hinter jeden Vorwurf setzte er den Satz: «Ich habe festgestellt, dass es niemanden interessiert.» Sauer aufgestossen ist ihm auch, dass auf Imholz’ Beschwerde hin Jaeggis Honorar gekürzt werde. Die Anwaltsrechnung seines Verteidigers wäre gar nicht erst entstanden, wenn die Untersuchungsbehörden von Anfang an seriös gearbeitet hätten, führte Walker aus.

Wann das Obergericht sein Urteil verkünden wird, ist unklar. Imholz’ Antrag, Walker unverzüglich in Sicherheitshaft zu nehmen, wurde nicht behandelt. Walker verliess den Gerichtssaal als vorerst freier Mann.

Carmen Epp

carmen.epp@urnerzeitung.ch

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