Sindelic hält vor Obergericht an seinen Aussagen fest

Mit mehreren Befragungen hat gestern der zweite Prozess im Fall Walker begonnen. Dabei wurde ein neuer Auftragsschütze ins Spiel gebracht.

Bruno Arnold
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Der rechtskräftig verurteilte Auftragsschütze Sasa Sindelic wird zur Befragung ins Rathaus geführt. (Bild: Keystone/Alexandra Wey)

Der rechtskräftig verurteilte Auftragsschütze Sasa Sindelic wird zur Befragung ins Rathaus geführt. (Bild: Keystone/Alexandra Wey)

Bruno Arnold

Mit einem in jüngster Vergangenheit kaum je da gewesenen Medienauflauf begann gestern vor dem Obergericht Uri die Berufungsverhandlung im Fall Ignaz Walker (siehe Box). Mit grosser Spannung war vor allem die Befragung von Auftragsschütze Sasa Sindelic erwartet worden. Dieser ist im September 2012 vom Landgericht Uri des versuchten Mordes in Mittäterschaft schuldig gesprochen und zu einer Freiheitsstrafe von achteinhalb Jahren verurteilt worden. In einem im Juni 2015 ausgestrahlten Interview mit der «Rundschau» von Fernsehen SRF hat Sindelic jedoch erklärt, Walker habe mit den Schüssen auf dessen Frau Nataliya K. nichts zu tun. Er selber (Sindelic) habe zusammen mit Nataliya K. und deren Freund den Anschlag ausgeheckt. «Wir haben dies gemeinsam geplant, um Walker hinter Gitter zu bringen. Es war alles inszeniert», hielt Sindelic damals vor laufender Kamera fest.

Bei der gestrigen Befragung blieb der 27-jährige Kroate dabei: «Ich stehe zu diesen Aussagen, ich habe der ‹Rundschau› die Wahrheit gesagt.» Ausserdem hatte Sindelic im erwähnten Interview festgehalten, nicht er, sondern eine wei­tere involvierte Person habe auf Nata­liya K. geschossen. Wer dies gewesen sein soll, wollte Sindelic gestern nicht sagen. Er äusserte sich auch nicht zu Spekulationen, wonach es sich bei diesem unbekannten Schützen um seinen Bruder gehandelt haben könnte. Trotz mehrfachen Nachhakens der Richter liess sich Sindelic nur ein paar wenige Sätze entlocken. Stattdessen verwies er mehrmals auf seine Aussagen im «Rundschau»-Interview.

Omlin hat Vermutung geäussert

Der Bruder des Auftragsschützen war von der Obwaldner Staatsanwältin Esther Omlin ins Spiel gebracht worden, die gestern als erste Auskunftsperson vor den Richtern sass. Omlin hatte das Verfahren gegen Sindelic anfänglich geleitet, weil gegen den Kroaten in Obwalden bereits ein anderes Strafverfahren hängig war. Befragt wurde Omlin, weil sie in der «Rundschau» vom 24. Juni 2015 zitiert worden war. Damals hatte sie erklärt, dass Sindelic im April 2011 aus der Untersuchungshaft entlassen worden wäre. Die Obwaldner Staatsanwältin bestätigte gestern, dass sie vom SRF-Mann richtig zitiert worden sei. Die Freilassung sei effektiv ins Auge gefasst worden, weil bei der Verfahrensleitung der Staatsanwaltschaft Obwalden mit zu­nehmender Dauer der Untersuchung mehr Zweifel aufgekommen seien, ob Sindelic wirklich im Auftrag von Ignaz Walker auf Nataliya K. geschossen habe. Omlin hielt auch fest, dass der Name des unbekannten Schützen nicht vom Journalisten genannt worden sei. «Ich selber habe in einem Telefongespräch mit dem SRF-Mann den Verdacht geäussert, dass der Bruder von Sindelic geschossen haben könnte», so Omlin.

Haftentlassung verhindern wollen

Fakt ist: Kurz vor der möglichen Freilassung von Sindelic im April 2011 hat Uri die Verfahrensleitung übernommen. Für Linus Jaeggi, den Verteidiger von Ignaz Walker, «wollte die Urner Staatsanwaltschaft damit nur die Haftentlassung von Sindelic verhindern». Omlin ihrerseits erklärte, dass sie davon ausgegangen sei, dass die Urner Staatsanwaltschaft dies getan habe, weil «neue Erkenntnisse und Beweismittel» vorgelegen hätten.

Eher nicht in der Nähe

Befragt wurde gestern auch der Ballistiker Martin Lory vom Forensischen Institut Zürich. Dabei ging es einerseits um Schmauchspuren im Zusammenhang mit dem Walker angelasteten Schuss auf einen Holländer im Januar 2010. «Aufgrund meiner Erfahrung gehe ich davon aus, dass sich der Beschuldigte eher nicht in der Nähe der Schussabgabe aufgehalten hat», betonte der Experte. Anderseits ging es um die Streuung der Hülsen bei den Schüssen auf Nataliya K. im November 2010. Als «korrekt» bezeichnete Lory folgende Interpretationen von Verteidiger Jaeggi:

  • Zur Version der Staatsanwaltschaft (effektiver Mordanschlag): «Unter der Annahme der Hypothese, dass das Opfer bei normaler Gehgeschwindigkeit zwischen dem ersten und dem dritten Schuss lediglich 80 Zentimeter weit gekommen ist, lassen sich die Hülsenfundorte der Tat vom November 2010 nicht erklären.»
  • Zur Version der Verteidigung (Komplott mit vorgetäuschtem Mordanschlag): «Unter der Annahme der Hypothese, dass das Opfer stillgestanden ist oder sich nur leicht bewegt hat und sich der Schütze zwischen den einzelnen Schüssen dem Opfer wesentlich ge­nähert hat, lassen sich die Hülsenfundorte der Tat vom November 2010 sehr wohl erklären. Lory nimmt zudem an, «dass die Hülsen durch den Wind nicht stark verfrachtet worden sind».

Schliesslich musste sich auch die 36-jährige Nataliya K. während mehr als einer Stunde den Fragen der Verfahrensleitung respektive von Linus Jaeggi stellen. «Er lügt ganz einfach», meinte die gebürtige Ukrainerin zur Mordkomplott-Theorie von Sindelic. «Ignaz hat das or­ga­nisiert», betonte die Ex-Frau des BarBetreibers auf die Frage, ob sie einen Grund für die Anschuldigungen kenne. Sie zweifelte zudem gewisse Aussagen an, die sie dem «Blick» gegenüber kurz nach der Tat gemacht haben soll. Auch seien ihre Antworten auf Fragen bezüglich des von ihr nach den Schüssen eingeschlagenen Fluchtwegs von der Polizei «wohl nicht genau protokolliert worden» – wegen sprachlicher Verständigungsprobleme, so Nataliya K.

Viele Details ergeben nun Sinn

Walker selber sagte gestern nur, dass er in ärztlicher Behandlung sei und dass es ihm schlecht gehe. Durch die von Sindelic im TV-Interview gemachten Aussagen hätten für ihn viele Details Sinn ergeben.

Gutgeheissen wurde gestern ein Antrag des Verteidigers: Sollte Walker aufgrund des Urteils des Obergerichts Anspruch auf eine Entschädigung wegen Überhaft haben, soll die Höhe derselben in einem separaten Verfahren beurteilt werden.

Der Fall Walker

bar. Ignaz Walker wird beschuldigt, im Januar 2010 ausserhalb seiner Bar auf einen holländischen Gast geschossen zu haben. Zudem soll Walker den Kroaten Sasa Sindelic beauftragt haben, seine von ihm getrennt lebende Ehefrau Nataliya K. zu ermorden. Diese wurde im November 2010 durch drei Schüsse schwer verletzt.

Strafe um fünf Jahre erhöht

Das Obergericht Uri verurteilte Walker im September 2013 wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und versuchten Mordes in Mittäterschaft zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren und erhöhte damit die vom Landgericht verhängte Strafe um fünf Jahre. Im Dezember 2014 hiess das Bundesgericht eine Beschwerde Walkers teilweise gut, hob das Urteil auf und schickte den Fall zur Neubeurteilung ans Obergericht Uri zurück. Gestern begann die Berufungsverhandlung.