Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

OBERGERICHT URI: Auf ihnen liegt die Last im Fall Walker

Versuchte vorsätzliche Tötung? Versuchter Mord in Mittäterschaft? Raffinierte Intrige? Ein Jurist und vier Laienrichter müssen entscheiden.
Bild: Getty

Bild: Getty

Bruno Arnold

Der Fall Ignaz Walker zählt zu den brisantesten Urner Gerichtsfällen der letzten Jahrzehnte (siehe Box). Die Prozessakten sind mittlerweile auf knapp 10 000 Seiten angewachsen. Befragungsprotokolle, Aktennotizen, Gutachten, Anträge, Verfügungen et cetera füllen nahezu 20 Bundesordner. Verschiedene Gerichte mussten sich Dutzende Male mit dem Fall befassen. Ignaz Walker wurde am 4. Januar 2010 nach einem Schuss vor seiner Nightbar Taverne in Erstfeld verhaftet, anderntags wieder freigelassen. Im November 2010 wurde er – nach Schüssen auf seine damalige Ehefrau Nataliya K. – erneut in Haft genommen, im Januar 2015 vorläufig auf freien Fuss gesetzt, im Mai abermals inhaftiert, um am 22. September wiederum freigelassen zu werden.

Ein Profi und vier Laien

Spätestens mit dem ersten «Rundschau»-Bericht vom Oktober 2014 ist der heute 47-jährige Ignaz Walker schweizweit in die Schlagzeilen geraten. Dem Fall Walker attestieren mittlerweile selbst erfahrene Juristen und Anwälte eine äusserst hohe Komplexität. Versuchte vorsätzliche Tötung? Versuchter Mord in Mittäterschaft? Raffinierte Intrige? Justizirrtum? Bleibt Walker in Freiheit? Muss er zurück ins Gefängnis, wo er seit November 2010 insgesamt bereits 4 Jahre, 7 Monate und 22 Tage Untersuchungs- und Sicherheitshaft abgesessen hat? Diese Fragen werden in den kommenden Tagen und Wochen nicht jene Rechtsprofessoren beantworten, die sich in der Vergangenheit zu Teilaspekten rund um den Fall Walker geäussert haben. Entscheiden müssen einzig und allein fünf Urner Oberrichter.

Thomas Dillier (49), Jurist mit Anwaltspatent, leitet das Gremium, das über die unmittelbare Zukunft von Walker entscheiden wird. Dillier ist nebenamtlicher Vizepräsident des Urner Obergerichts und Vorsitzender der Strafrechtlichen Abteilung. Hauptberuflich arbeitet er als juristischer Unternehmensberater mit Spezialgebiet Vertrags- und Beschaffungswesen. Zum Gremium gehören weiter der ehemalige Lokführer Hansruedi Burgener (75), der pensionierte Werkschullehrer Urs Dittli (64), Personalberater Christoph Wipfli (55) und die gelernte Kindergärtnerin Daniela Bär-Huwyler (54). Ersatzrichter ist der pensionierte Werkmeister Robert Stampfli (63), ausserordentlicher Gerichtsschreiber Andreas Gschwend. Mit Ausnahme von Dittli waren alle Oberrichter bereits bei der Berufungsverhandlung im September 2013 im Amt. Das Fünfergremium fällt sein Urteil in allen Punkten mit einfacher Mehrheit. Jedes Mitglied ist zur Stimmabgabe verpflichtet. Der Gerichtsschreiber hat beratende Stimme. Der Ersatzrichter nähme an den Beratungen nur dann teil, wenn ein ordentliches Mitglied ausfallen würde.

Nur ein Wechsel seit 2013

Der Druck, der auf Dillier, Wipfli, Burgener, Dittli und Bär lastet, ist gewaltig. «Ich stelle ein System mit Laienrichtern nicht grundsätzlich infrage», meinte ein ausserkantonaler Beobachter in einer Prozesspause. «Von Laienrichtern wird ja schliesslich nicht juristisches Detailwissen als Kernkompetenz erwartet, weil ihnen diesbezüglich Profis zur Seite stehen.» Viel wichtiger seien Integrität und gesunder Menschenverstand. Weil in Uri fast jeder jeden kenne, könnten unerfüllte Erwartungen schnell einmal direkte persönliche Konsequenzen haben, so der Beobachter. «Trotzdem unvoreingenommen, unabhängig, ausgewogen, fair und sachlich urteilen zu können, setzt ein hohes Mass an Charakterstärke voraus.» Fast schon unmöglich sei es angesichts der Kleinheit des Kantons Uri, mögliche Befangenheitsvorwürfe gänzlich auszuschliessen, zu eng seien verwandtschaftschaftliche oder bekanntschaftliche Verbindungen, meinte der Beobachter.

«Alles beiseite lassen»

Der Gast aus Zürich sprach aber auch die externen Einflüsse an: «Die Richter stehen im Fokus der Medien. Und ein grosser Teil der Medienschaffenden versucht fast tagtäglich, die Unschuld Walkers herbeizuschreiben.» Hier standhaft zu bleiben und sich nicht beeinflussen zu lassen, sei schwierig. Oberstaatsanwalt Thomas Imholz empfahl den Richtern: «Sie dürfen Ihren Urteilsspruch nur auf rechtmässig erhobene Beweise und sich daraus ergebende Indizien abstützen. Im Grunde können Sie alles, was Sie in den letzten Monaten im Fernsehen gesehen, im Radio gehört und in den Zeitungen gelesen haben, in Ihrer Entscheidfindung beiseite lassen.» Das dürfte einfacher gesagt als getan sein – trotz bestem Willen zu Objektivität.

Bruno Arnold

Das Richtergremium

Der Fall Walker begann 2010

In Kürze bar. Der 47-jährige Ignaz Walker wird beschuldigt, im Januar 2010 ausserhalb seiner Nightbar Taverne in Erstfeld auf den holländischen Gast Johannes Peeters geschossen zu haben. Zudem soll Walker den Kroaten Sasa Sindelic beauftragt haben, seine von ihm getrennt lebende Ehefrau Nataliya K. zu töten. Die aus der Ukraine stammende Frau wurde im November 2010 durch drei Schüsse schwer verletzt. Bei beiden Taten wurde dieselbe Waffe verwendet.

Achteinhalb und zehn Jahre
Im September 2012 befand das Landgericht Uri Sindelic des versuchten Mordes in Mittäterschaft schuldig und verurteilte ihn zu einer Freiheitsstrafe von achteinhalb Jahren. Walker fasste wegen versuchten Mordes in Mittäterschaft und Gefährdung des Lebens eine Strafe von zehn Jahren.

Sindelic akzeptiert Urteil
Während der Kroate das Urteil akzeptierte, legte Walker Berufung ein. Das Obergericht Uri verurteilte ihn in der Folge im September 2013 wegen versuchter vorsätzlicher Tötung und versuchten Mordes in Mittäterschaft zu einer Freiheitsstrafe von 15 Jahren. Die Oberrichter erhöhten damit die vom Landgericht verhängte Strafe um fünf Jahre. Im Dezember 2014 hiess das Bundesgericht eine Beschwerde Walkers teilweise gut, hob das Urteil auf und schickte den Fall zur Neubeurteilung ans Obergericht Uri zurück. Die Berufungsverhandlung hat am 19. Oktober begonnen, das Urteil wird Ende November erwartet.

25 von 30 Richtern sind Laien

Kanton Uri bar. Das Urner Volk hat im März 2015 insgesamt 30 Richter gewählt. Sie sind am Obergericht Uri (13), am Landgericht Uri (10) und am Landgericht Ursern (7) tätig. Ein Studium der Rechtswissenschaften haben 3 vollamtliche Urner Richter (Präsident des Obergerichts Uri, Präsidentin und Vizepräsident des Landgerichts Uri) sowie 2 nebenamtliche Oberrichter (Vizepräsident und ein Mitglied des Obergerichts Uri) abgeschlossen, die restlichen 25 Gewählten sind Laienrichter.

Uri hält bewusst an einem Mischsystem fest. In einem Schreiben des Obergerichts Uri vom Juli 2014 zum «Anforderungsprofil für nebenamtliche Mitglieder des Obergerichts» heisst es: «Ein gemischt zusammengesetztes Gericht mit vollamtlich tätigen Juristen sowie nebenamtlich tätigen Nichtjuristen hat gegenüber einem allein mit vollamtlich tätigen Juristen besetzten Gericht den Vorteil, dass neben juristischer Kompetenz auch eigene Lebenserfahrung samt mehrjährigem Fachwissen aus unterschiedlichen Berufstätigkeiten in die Urteilsfindung eingebracht werden können.»

Im Stundenhonorar tätig
Die Besoldung von Obergerichtsvizepräsident Thomas Dillier erfolgt im Stundenhonorar. Ins Budget 2015 sind für die prognostizierten 800 Arbeitsstunden 74 600 Franken aufgenommen worden. Wegen des Falls Walker rechnet man aber mit zusätzlichen 300 bis 400 Arbeitsstunden. Ende September hat der Landrat deshalb zusätzlich knapp 40 000 Franken gesprochen.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.