Pässe zeigen im Winter ihr zweites Gesicht – ein Fotograf macht ein Buch daraus

Der ehemalige Physiker Marco Volken präsentiert eindrückliche Bilder von gesperrten Winterpässen – auch von Klausen und Gotthard.

Christian Tschümperlin
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Etliche Pässe in der Schweiz sind im Winter gesperrt. Entsprechend bekommen nur die wenigsten sie je zu dieser Jahreszeit zu Gesicht. Das will Marco Volken mit seinem neuen Buch «Wintersperre» ändern. «Pässe sind Landschaften mit zwei Gesichtern. Sie haben ein Sommergesicht und ein Wintergesicht», sagt der 54-Jährige. Er zieht den Vergleich zur dunklen Seite des Mondes, die auch nur die wenigsten je gesehen haben. «Die Idee des Buches ist es, den Menschen jene Pässe, die sie im Sommer befahren, in ihrem Winterkleid zu zeigen.»

Nicht fehlen in seinem Werk darf der «Passkanton der Schweiz»: Uri. «Nirgends gibt es so viele Pässe auf so engem Raum», sagt Volken. Seine Beziehung zu Uri ist denn auch eine ganz besondere: Der Stadtzürcher ist im Tessin aufgewachsen und war schon als Jugendlicher in den Urner Bergen unterwegs. «Mit dabei war immer meine Kamera», sagt er rückblickend.

Der «Gotthard» während der kalten Jahreszeit.

Der «Gotthard» während der kalten Jahreszeit.

Bilder: PD

In seinem Buch hat er neun Schweizer Pässe dokumentiert, darunter den Klausen und den Gotthard. Dazu reiste Volken jeweils vor Sonnenaufgang an und war bis zum Sonnenuntergang unterwegs. Etwas eigenartig kam es ihm manchmal schon vor, wenn er seine Tourenskier parat legte und an den «Betreten auf eigene Gefahr»-Tafeln vorbeizog. «Der Gotthard ist ein eher lieblicher Pass mit breiter Strasse, der Klausenpass ist aber sehr stark lawinengefährdet, vor allem auf der Schächentaler Seite.» Was ihm besonders aufgefallen war: die Abgeschiedenheit der Pässe. «Es ist einsamer und naturnäher als die allermeisten Bergtouren und Skitouren.» Dieser Kontrast zum Sommer könnte laut Volken grösser nicht sein: Der Gotthard ist während der warmen Jahreszeit eine stark befahrene Bergstrecke. Man bewegt sich in einer gesicherten Umgebung. Leitplanken grenzen den Weg vom Hang ab, die Naturgefahren sind praktisch inexistent, und wenn man mit dem Velo eine Panne hat, eilen die Leute zu Hilfe. Im Winter allerdings befinde man sich in einer Umgebung, die durch Gefahren geprägt sei. «Es ist eine Art Wildnis, aber eine Wildnis, die nur während sechs Monaten besteht.» Volkens Bilder entstanden in den Saisons 16/17 und 17/18.

Einst war der Gotthard im Winter geöffnet

In Volkens «Wintersperre» breitet der Kulturwissenschafter Martin Scharfe auch die historischen Hintergründe der Passsperren aus. «Der Gotthard war im Winter bis nach dem Zweiten Weltkrieg durchgehend offen.» Es habe sogar Zeiten gegeben, in denen in der kalten Jahreszeit mehr Verkehr über den Gotthard rollte als im Sommer. «Heute mit dem Tunnel, der unten durchführt, wäre es zu aufwendig, den Pass offen zu halten.»

Die Passstrasse auf den Klausen.

Die Passstrasse auf den Klausen.

Die Bergfotografie unterscheidet sich laut Volken stark von der technisch aufwendigen Studio- oder Modelfotografie, bei der jeweils viele Lampen und Blitzanlagen im Spiel sind. «In der Bergfotografie kann man das Motiv nicht arrangieren oder inszenieren. Man kann den Stand der Sonne oder der Wolken nicht ändern. Man steht einfach da und ist voll den Rhythmen der Natur ausgeliefert.» Doch diese Rhythmen muss man kennen. Daher erfordert die Bergfotografie viel Planung. «Man muss wissen, wann man wo welche Stimmung findet.»

Die Arbeit nach dem Abknipsen ist nicht weniger aufwendig. «Ich fotografiere im RAW-Format, bei dem grundsätzlich eine Bearbeitung nötig ist.» Volken geht es aber nicht darum, ein Bild zu idealisieren, im Gegenteil. «Man will das Bild möglichst nahe an die gesehene Realität heranbringen.» Schnee unter blauem Himmel erscheint auf einer Fotografie etwa häufig in Blau, weil dieser die Farbe reflektiert. «Das menschliche Auge kompensiert diese Reflexion, weshalb wir den Schnee immer noch in Weiss sehen. Aus diesem Grund muss man die Bilder auf der Kamera zurückkorrigieren.»

Volken hat als junger Mann Physik an der ETH studiert. «Ich fuhr jeden Freitag von Zürich ins Tessin durch den Kanton Uri und am Sonntag wieder zurück.» Nach fünf Jahren Forschung und Doktorat, spürte er aber, dass ihm ein anderes Schicksal bestimmt war. «Ich gründete mit einem Kollegen eine Trekking-Agentur und war fast zehn Jahre lang als Wanderleiter unterwegs.» Die meisten Bergfotografen seien ursprünglich Bergsteiger und keine Fotografen. «Man muss die Berge lieben und geländegängig sein.»

Die Klausen-Passhöhe.

Die Klausen-Passhöhe.

Bereuen tut Volken seine Entscheidung keine Sekunde. Er hat seine Bestimmung gefunden, gesteht aber auch ein, dass die Buchverkäufe stark rückgängig sind. «Teilweise zusammen mit anderen Autoren und Fotografen habe ich bereits 30 Werke publiziert.» Volken kann sich das Phänomen nicht so recht erklären. «Ich kann mich aber an die IKEA-Kataloge vor 30 Jahren erinnern.» Damals habe eine Bücherwand zu jeder guten Stube dazu gehört. «Heute sieht man in den Katalogen eine weisse Wand mit einem Plasma-Bildschirm.»

Volken schlägt sich trotzdem durch. «Dank Stiftungen und kantonaler Beiträge kann man die Bücher finanzieren.» So hat auch der Kanton Uri sein jüngstes Werk unterstützt. Und es gäbe zum Glück immer wieder Kunden, die seine Bilder aus den Büchern bei ihm im Grossformat bestellen würden. Um damit zum Beispiel eine weisse Wand aufzuwerten.

Wintersperre von Marco Volken: Gotthardpass.

Wintersperre von Marco Volken: Gotthardpass.

Hinweis
«Wintersperre» erscheint im März im AS Verlag.