Plötzlich kam die grosse Flut

Genau ein Vierteljahrhundert ist es her, seit der Kanton Uri von einer nie da gewesenen Unwetterkatastrophe heimgesucht wurde. Drei Zeitzeugen erinnern sich.

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Die Häuser im Urner Talboden standen bis zu 4 Meter unter Wasser. (Archivbild Neue Urner Zeitung)

Die Häuser im Urner Talboden standen bis zu 4 Meter unter Wasser. (Archivbild Neue Urner Zeitung)

Heute Samstag jährt sich das Jahrhundertunwetter, welches im August 1987 grosse Teile des Kantons verwüstete, zum 25. Mal. Vielen Urnern ist die Katastrophe noch so präsent, als wäre es gestern gewesen.

Wasserstau im Oberland?

Auch Alois Zurfluh, damals Feuerwehrkommandant in Attinghausen, wird die Nacht vom 24. auf den 25. August nie vergessen. Um 23 Uhr machte er einen Kontrollgang der Reuss entlang. Der Fluss habe zwar Hochwasser geführt, doch nicht in beängstigendem Ausmass. «So hoch wie zu diesem Zeitpunkt war die Reuss schon oft», sagt er. «Wenn ich da schon Evakuierungen angeordnet hätte, hätte man mich wohl als Pessimisten ausgelacht.» Wieder bei der Reussbrücke angekommen, war der Wasserstand dann aber plötzlich so schnell angestiegen, dass Zurfluh die Feuerwehr aufbot. «Da war wohl irgendwo ein Stau im Oberland, der dann plötzlich unkontrolliert abgeflossen ist» mutmasst der 71-jährige.

Die Sturmglocken läuteten

Tatsächlich war im Urner Oberland schon seit Stunden sintflutartiger Regen niedergegangen. Heinrich Walker, damals Gemeinderatsmitglied in Andermatt und verantwortlich für das Ressort Feuerwehr, Militär und Zivilschutz, wurde gegen 1 Uhr morgens vom Anruf des Gemeindepräsidenten aus dem Schlaf gerissen. «Da hörte ich schon die Sturmglocken von der Kirche her läuten. Ich machte mich sofort auf den Weg zur Gemeindekanzlei», erzählt Walker. «Auf dem Weg begegnete mir Pfarrer Marzell Camenzind. Er trug vor der Kirche das Allerheiligste herum und betete. Da wusste ich, jetzt ist es sehr ernst.»

In der Gemeindekanzlei machte sich Heinrich Walker sofort daran, einen Krisenstab zu improvisieren. «Andermatt hatte damals nämlich nur einen Krisenstab für den Winter», erklärt er. «Bei einer Überschwemmung braucht man aber eben keine Lawinenhundeführer.» Zu diesem Zeitpunkt hatte die Unteralpreuss bereits die Dorfbrücke teilweise unterspült. Das Bodenquartier stand schon anderthalb Meter unter Wasser. «Wir entschieden, erst einmal die Leute, die ja überall auf den Balkonen standen, per Megafon vor dem Verlassen ihrer Häuser zu warnen», erinnert sich Walker. «Es war stockdunkle Nacht, der Regen ging in Strömen nieder, und sämtliche Telefonverbindungen waren unterbrochen. Mehr konnten wir zu diesem Zeitpunkt nicht tun.»

Reussdamm weggerissen

In Attinghausen überschlugen sich inzwischen die Ereignisse. Noch während die Feuerwehr bei der Reussbrücke mit Sandsäcken den Damm erhöhte, trat der Fluss unterhalb des Sportplatzes über die Ufer und riss den Damm auf einer Länge von 200 Metern weg. Innert kürzester Zeit standen die umliegenden Häuser bis zu 4 Meter hoch in einem See aus Schlamm und Wasser. «Was sich da alles abgespielt hat, davon bekomme ich heute noch Gänsehaut», sagt Alois Zurfluh mit bedrückter Stimme. «Die Leute schrien um Hilfe, kamen nicht mehr aus ihren Häusern, während das Wasser gegen die Mauern klatschte. In den Ställen waren Kühe gefangen und brüllten in der Dunkelheit. Es war ein schreckliches Hinhören.»

Unverzüglich begann die Feuerwehr mit der Evakuierung des überschwemmten Gebiets. Mit dabei war auch Edwin Arnold, Polizeibeamter und ehemaliger Schiffführer aus Seedorf. «Ich wurde um 2 Uhr in der Nacht geweckt. Im Werkhof in Flüelen ging es bereits drunter und drüber. Es hiess, ich müsse sofort nach Attinghausen.» Kaum dort angekommen, wurde Arnold bereits nach Flüelen geschickt, um Schwimmwesten für die Helfer zu holen. Doch auf der Gotthardstrasse hinderten ihn die Wassermassen an der Rückkehr.
«Ich habe dann in Flüelen nach dem Rechten geschaut», erzählt der pensionierte Polizist. «Im Dorf stand das Wasser etwa einen halben Meter hoch. Auf der Terrasse des Hotels Hirschen stand ein Buschauffeur und schrie, er müsse mit seiner Reisegruppe fort. Ich holte ihn dann da runter und musste ihn noch daran hindern, zu seinem Bus zu waten», erinnert sich Arnold. «Sonst blieb die Lage in Flüelen aber relativ ruhig.»

Vom Unterland abgeschnitten

Als am Dienstag, 25. August, dann endlich der Tag anbrach, wurde das ganze Ausmass der Katastrophe sichtbar.  Andermatt war komplett vom Unterland abgeschnitten. «Zum Glück konnten wir bald feststellen, dass der Oberalppass noch offen war», sagt Heinrich Walker. «So konnten wir Material- und Nahrungsmitteltransporte über Chur leiten.» Noch heute ist der damalige Einsatzleiter erleichtert, dass Andermatt vergleichsweise glimpflich davonkam. «Die zwanzig Personen, die wir in der Umgebung der Dorfbrücke evakuieren mussten, konnten schon am nächsten Tag in ihre Häuser zurückkehren», erinnert sich Walker. «Wir hatten natürlich überall Schäden an Strassen und Gebäuden. Doch verglichen mit dem, was ich ein paar Tage später im Unterland sah, sind wir mit einem blauen Auge davongekommen.»

Hunderte Nutztiere ertrunken

In Attinghausen hatte das Unwetter verheerende Schäden angerichtet. Zwar seien zum Glück keine Menschenleben zu beklagen gewesen, sagt Alois Zurfluh. «Aber die Leute standen ratlos vor ihrem zerstörten, verschlammten Hab und Gut. Und Hunderte Nutztiere waren ertrunken. Das trieb manchem Bauer die Tränen in die Augen, als er zuschauen musste, wie seine lang gepflegten Kühe, am Hals angebunden, vom Helikopter weggeflogen wurden.» Doch einige konnten auch gerettet werden, erzählt der damalige Feuerwehrkommandant. «Als wir am zweiten Tag noch ein letztes Mal auf Kontrollfahrt nach überlebenden Tieren gingen, kam uns in einem Haus in der Mühlestatt tatsächlich von hinter dem Sofa hervor ein Schwein entgegen und grunzte.» Der grosse Mann schmunzelt ein wenig gequält. «Über solche Erlebnisse kann man im Nachhinein lachen. Damals war aber auch das noch gar nicht lustig.»

Wahnsinnig hart gearbeitet

Alois Zurfluh sagt, er selber habe in dieser schwierigen Zeit einfach funktioniert. In den ersten zwei Nächten sei an Schlaf nicht zu denken gewesen. «Ich weiss nicht, wie viele Funkgespräche ich geführt habe. Es müssen Hunderte gewesen sein, ich hatte immer mindestes zwei Funkgeräte dabei.» Beeindruckt hat Zurfluh die grosse Solidarität im Kanton und auch von ausserhalb. «Die Leute haben wahnsinnig hart gearbeitet, da kamen ganze Schulklassen. Wir waren natürlich um jeden froh.» Dem kann Edwin Arnold nur beipflichten: «Man half einander,  die Organisation klappte tadellos. So ist der Urner, wenn es prekär wird, steht man zusammen.»

Franziska Herger