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POLITIK: «Gebt dem Kompromiss wieder eine Chance»

Gabi Huber (59) tritt als Nationalrätin bald ab. Im Interview erklärt die Urnerin, wie man als FDP-Fraktionschefin eine Horde «wilder Freisinniger» zähmt.
Bei den eidgenössischen Wahlen im Oktober will Gabi Huber die Früchte der Anstrengungen der vergangenen Jahre ernten. Danach strebt sie endlich eine Fünf-Tage-Woche an. (Bild Boris Bürgisser)

Bei den eidgenössischen Wahlen im Oktober will Gabi Huber die Früchte der Anstrengungen der vergangenen Jahre ernten. Danach strebt sie endlich eine Fünf-Tage-Woche an. (Bild Boris Bürgisser)

Frau Huber, wer sich mit Ihnen anlege, müsse sich warm anziehen, denn Sie seien «Urner Granit». Ein schönes Kompliment Ihres Parteipräsidenten Philipp Müller?

Gabi Huber: Für mich schon. Im Gotthardkanton, aus dem ich komme, ist Granit ein guter und währschafter Stein, den ich mit positiven Eigenschaften assoziiere.

Müller meinte auch, Sie hätten es geschafft, den wilden Haufen freisinniger Alphatiere zu bändigen. Welche Peitsche haben Sie dazu verwendet?

Huber: Die Kraft der Argumente, denn mit Befehlen kommt man bei den Freisinnigen nicht weit. Wir haben eigenständige Leute, die man nur mit Argumenten einigen kann. In unserer Fraktion gibt es um die wichtigen Fragen immer eine intensive Auseinandersetzung. Es braucht auch eine gewisse Hartnäckigkeit und Sattelfestigkeit.

Ihre Vorgänger hatten zwar auch gute Argumente, haben das Kunststück dennoch nie fertiggebracht, die Reihen zu schliessen. Was ist Ihr Erfolgsrezept?

Huber: Man muss dauernd den Kontakt mit allen Fraktionsmitgliedern pflegen, ihnen zuhören und sie in die Positionierung einbeziehen. Das beginnt bereits, wenn die Partei eine Vernehmlassungsantwort verfasst. Wir pflegen eine Kultur, bei der die Meinungsmacher in den jeweiligen Gebieten von Anfang an einbezogen sind. Auf jeder Stufe ist die Positionierung wieder breit abgestützt zu besprechen. Rechtzeitig, nicht erst in der Fraktionssitzung. An der Sitzung sind die Differenzen zu bereinigen. Mit dem Beschluss hört es aber nicht auf. Man muss immer grosse Ohren haben, um zu hören, wie die Befindlichkeit ist und was läuft. Bis zur letzten Sekunde vor dem Knopfdruck.

Das klingt nach Knochenarbeit.

Huber: Es ist sehr zeitintensiv. Man muss immer am Ball sein, immer das Gespräch suchen. Und wenn sich einmal jemand nicht an die Abmachung hält, darf man nicht denken: «Jä nu, jetzt ist es halt so.» Vielmehr gilt es nachzufragen, warum und wieso, und was sich der Betreffende dabei gedacht hat. Man muss wirklich immer dranbleiben.

Immer dranbleiben: Ist das Ihr Tipp für die CVP, um ebenfalls wieder auf einen grünen Zweig zu kommen?

Huber: Ich hüte mich, anderen Tipps zu geben. Ich kann nur sagen, wie ich es versucht habe: Immer im Dialog sein mit allen, zuhören und argumentieren, nicht einfach dozieren.

Was ist mit jenen, die sich Argumenten gegenüber nicht offen zeigen?

Huber: In der schweizerischen Politik braucht es Kompromissbereitschaft von allen. Eigentlich wäre es auch zwischen den Fraktionen im Rat so. Innerhalb der Fraktion aber ist es einfach unabdingbar. Es kann nicht jeder meinen, am Ende der Debatte stehe seine Maximalposition. Geschäfte, die für die Partei zentral sind, klären wir mit einem qualifizierten Mehr. Eine Enthaltung ist dann das höchste der Gefühle. Eine Ausnahme wird höchstens jenen zugestanden, die zuvor jahrelang eine andere Position vertreten haben. Auch da braucht es den Dialog bis am Schluss.

Wenn sich jemand nicht an den Beschluss hält, wird er weder beschimpft noch sanktioniert, sondern Sie sprechen einfach mit ihm?

Huber: Sanktioniert wird sicher nicht, das ist Kindergarten. Bei uns weiss jeder: Wenn ich mich nicht daran halte, kommt sie. Es gibt mit jeder Garantie eine Diskussion, warum und wieso.

Wie gross ist Ihr persönlicher Anteil daran, dass die FDP nach langer Durststrecke wieder auf die Siegerstrasse geraten ist?

Huber: Mit Prozenten kann ich nicht dienen, denn es ist ein Gemeinschaftswerk. Es braucht immer ein Team, sowohl für den Erfolg wie auch für das Gegenteil. Bei der Verabschiedung von Fulvio Pelli hatte ich gesagt: Er wird ernten können. Und so wird es nun hoffentlich kommen.

Sein Nachfolger Philipp Müller kann die Ernte einfahren?

Huber: Ja, die Früchte langjähriger Arbeit eines Teams, das sich auch zeitlich aufgeopfert hat. Dazu gehören der Parteipräsident, die Leute im Generalsekretariat, unser Wahlkampfleiter und auch ich. Jeder hat seinen Anteil. Es ist nie eine One-Man- oder One-Woman-Show. Wichtig ist, dass es einen harten Kern gibt, der immer am gleichen Strick zieht und in dem hundertprozentiges Vertrauen herrscht. Für mich zählt zu den schönsten Erlebnissen, dass es bei uns funktioniert hat. Auch 2011, als es wirklich schwierig war. Da wurde die FDP praktisch täglich flächendeckend zu Tode geschrieben. Trotzdem blieb der harte Kern immer wasserdicht, es ist nie irgendetwas rausgegangen.

Also sollte man es nicht so machen wie die CVP, wo der Parteipräsident öffentlich für die Wiederwahl von Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf plädierte, der Fraktionschef aber für das Gegenteil?

Huber: Unabhängig von der Partei ist es in meinen Augen ein Grundsatz: Parteipräsident und Fraktionschef müssen absolut harmonieren und praktisch blind kommunizieren können. Wie siamesische Zwillinge.

Die Auguren sehen Ihre Partei als den grossen Favoriten der kommenden Wahlen. Wie lautet Ihre Prognose?

Huber: Unser Ziel lautet, die SP zu überholen. Darauf arbeiten wir bis zum 18. Oktober hin. Ob wir es erreichen, weiss man erst, wenn ausgezählt ist.

Die nächste Session wird Ihre letzte nach zwölf Jahren sein. Bedauern Sie nicht, jetzt zu gehen, wo Ihre Partei wieder auf der Siegerstrasse ist?

Huber: Es ist ein sehr guter Zeitpunkt. Bisher habe ich fast alle Ämter – und es waren nicht wenige – acht Jahre lang ausgeübt. Diesmal bin ich sogar zwölf Jahre geblieben, was ich für eine gute Dauer halte. Ich habe es bewusst so entschieden. Und ich war immer Milizpolitikerin. Wenn man nicht «nur» Politik macht, sondern auch seinen Beruf ausübt, macht es einen unabhängig und gibt einem Freiheit. Ich konnte in völliger Unabhängigkeit für mich entscheiden, ob es der richtige Zeitpunkt sei, und musste nicht schauen, ob es danach finanziell noch reicht. Wenn es jetzt noch gelingen sollte, dass wir am 18. Oktober Wähleranteile zulegen, dann gibt es gar keinen besseren Zeitpunkt, um zu gehen.

Wie planen Sie Ihre Zeit danach?

Huber: Mein Ziel ist eine Fünf-Tage-Woche. Mit Politik, Beruf und dem Amt als Fraktionspräsidentin ist es eine Sechs-, manchmal auch Sechseinhalb-Tage-Woche. Deshalb will ich auch einmal eine Fünf-Tage-Woche haben. Übrigens das erste Mal in meinem Berufsleben.

Ganz ohne Politik?

Huber: Auf jeden Fall. Ich werde zwar ein politischer Mensch bleiben und mich weiterhin interessieren, aber nur noch als normales Mitglied der FDP-Liberalen Uri ohne Charge.

Für welches politische Projekt ist am meisten von Ihrem Herzblut geflossen?

Huber: Für den Neuen Finanzausgleich NFA. Als Finanzdirektorin des Kantons Uri musste ich unter dem alten, absurden Finanzausgleich leben. Danach habe ich am Projekt des NFA mitgearbeitet. Nach der Volksabstimmung war ich im Nationalrat Mitglied in zwei Spezialkommissionen zur Umsetzung der Verfassungsbestimmung, was für mich ein Erfolgserlebnis der Konsensfindung war. Ich hoffe sehr, dass auch heute wieder die Einsicht überwiegt, dass man eine solidarische Konsenslösung finden muss. Vor allem müssen die Nehmerkantone bereit sein, einen Schritt zu tun.

Was sie aber nicht getan haben.

Huber: Die Nehmerkantone müssen das grösste Interesse daran haben, dass es den Wirtschaftsmotoren gut geht. Wenn man ein Ziel abmacht und dieses erreicht ist, muss man auch die Grösse haben, ein bisschen nachzugeben. Deshalb habe ich den Vorschlag des Bundesrats zur Reduktion des Ressourcenausgleichs nichts als fair gefunden, obwohl zum Beispiel auch der Kanton Uri damit weniger bekommt, und bedauere es sehr, dass das keine Mehrheit gefunden hat. Jetzt machen sich die Geberkantone natürlich bemerkbar und fahren teilweise grobes Geschütz auf. Es wäre aber wichtig, dass der Geist der Solidarität auch bei einer Anpassung des Systems gepflegt wird. Und dass nicht einfach alle das Maximum behalten wollen.

Wenn Sie einen Wunsch an die Politik hätten …

Huber: …dann würde ich sagen: Gebt den Kompromisslösungen wieder eine Chance. Kompromiss ist im schweizerischen politischen System keine Schwäche, sondern eine Stärke. Das sollte man wieder etwas mehr pflegen. Das heisst nicht, dass sich alle Meinungsmacher bis zum Gehtnichtmehr verbiegen müssen. Oftmals reicht ein kleiner Schritt.

Wollen Sie künftig häufiger auf Bergtouren gehen?

Huber: Auf jeden Fall. Und ich werde mich nach der Wetterprognose richten statt nach der Agenda. In den letzten Jahren war häufig ausgerechnet an dem Tag, an dem endlich eine Tour geplant war, das Wetter schlecht.

Schlagen Sie ein, wenn Ihnen ein Verleger anbietet, ein Rezeptbuch für Parteien zu verfassen, wie der Niedergang aufzuhalten sei?

Huber: Nein, das würde mich nicht besonders reizen.

Interview Eva Novak

Bei den eidgenössischen Wahlen im Oktober will Gabi Huber die Früchte der Anstrengungen der vergangenen Jahre ernten. Danach strebt sie endlich eine Fünf-Tage-Woche an. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

Bei den eidgenössischen Wahlen im Oktober will Gabi Huber die Früchte der Anstrengungen der vergangenen Jahre ernten. Danach strebt sie endlich eine Fünf-Tage-Woche an. (Bild: Boris Bürgisser / Neue LZ)

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