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POLIZEI: «Integrität ist für mich das höchste Gut»

Seit einem halben Jahr ist Reto Pfister Kommandant der Kantonspolizei Uri. Im Interview erzählt er, wie er die erste Zeit erlebt hat, wie er zu den Negativschlagzeilen steht und welche Veränderungen er anpeilt.
Carmen Epp
Reto Pfister hat klare Vorstellungen davon, wie ein Polizeikorps sein sollte. (Bild: Florian Arnold (Altdorf, 22. März 2017))

Reto Pfister hat klare Vorstellungen davon, wie ein Polizeikorps sein sollte. (Bild: Florian Arnold (Altdorf, 22. März 2017))

Carmen Epp

carmen.epp@urnerzeitung.ch

Reto Pfister, Sie haben am 1. September 2016 das Amt als Polizeikommandant angetreten. Wie wurden Sie aufgenommen?

Sehr gut. Sowohl an meinem neuen Arbeitsplatz als auch sonst im Kanton habe ich von Anfang an sehr viel Goodwill erfahren.

Wie unterscheidet sich die Kantonspolizei Uri von jener in Schwyz, bei der sie zuvor 17 Jahre tätig waren?

Die Kantonspolizei Schwyz hat fast zweimal mehr Mitarbeiter und andere Schwerpunkte. Im Kanton Schwyz ist kriminalpolizeilich mehr los mit deutlich mehr Einbrüchen, Sachbeschädigungen und Raufereien. Im Kanton Uri hingegen hat der Verkehr eine viel grössere Bedeutung im Polizeialltag. Diese Unterschiede waren mir schon vor meinem Amtsantritt bewusst. Überrascht hat mich hingegen die unterschiedliche Anspruchshaltung der Leute gegenüber der Polizei.

Was meinen Sie damit?

Der Kunde in Schwyz ruft schneller die Polizei als in Uri. Wir haben zum Beispiel fast keine Anrufe wegen Lärmstörungen, während man in Schwyz erfahrungsgemäss schnell mal die Polizei ruft, wenn der Nachbar zu laut ist. Die Urner sind da pragmatischer und probieren zuerst, die Sache selber zu regeln. Das ist wohl das Augenfälligste, das mir aufgefallen ist.

Reto Habermacher war vor Ihnen 22 Jahre Polizeikommandant. Was machen Sie anders als er?

Ich bin fast 20 Jahre jünger als Reto Habermacher, eine andere Generation Polizeikommandant, und bringe damit sicher auch andere Ideen mit. So ist mir zum Beispiel die Zusammenarbeit mit Feuerwehr und Sanität, um nur einige zu nennen, extrem wichtig.

Und wie unterscheiden Sie sich als Chef von Ihrem Vorgänger?

Ich habe Reto Habermacher nie als Chef erlebt, war auch nie bei seinen Kommandorapporten dabei. Deshalb kann ich über seinen Führungsstil nichts sagen und ihn auch nicht mit meinem vergleichen.

Wie sieht denn Ihr Führungsstil aus?

Ich weiss, was es heisst, als Polizist zu arbeiten, Einvernahmen zu machen und Leute zu verhaften. Als Chef pflege ich einen engen Kontakt zu den Mitarbeitern. Sodass sie sich bei Problemen oder Anliegen vertrauensvoll an mich wenden können. Ich denke, das haben die Mitarbeiter in den vergangenen Monaten auch zu spüren bekommen.

Ihr Vorgänger war bekennender Autonarr. Wie haben Sie es mit Autos?

Ein Auto ist für mich nicht mit Emotionen verbunden. Es muss vier Räder haben und fahren, fertig. Mir ist nur wichtig, dass meinen Leuten auf der Strasse, die das Auto als Hauptarbeitsmittel brauchen, gute Patrouillenfahrzeuge zur Verfügung stehen. Hier sind wir verglichen mit anderen Korps gut ausgerüstet. Ich selber fahre einen Skoda Octavia.

Die Kapo Uri stand in der Vergangenheit häufig in der Kritik. Stichwort Fall Walker, Polizist X., Überstunden, Befangenheit. Wie gehen Sie damit um?

Ich werde hie und da auf diese Vorfälle angesprochen. Das zeigt, dass die von den Medien geäusserte Kritik an der Bevölkerung nicht spurlos vorbeigegangen ist. Zwischenzeitlich haben sich einige Punkte aber bereits geklärt. So wurden eine klare Überstunden-Obergrenze sowie die Rahmenbedingungen meiner Tätigkeit am Schweizerischen Polizeiinstitut festgelegt. Auch die Empfehlungen aus den Untersuchungen zum Fall des Polizisten X. haben wir grösstenteils bereits umgesetzt. Für den Fall Walker gilt: Wenn sich aus dem rechtskräftigen Urteil Weisungen zuhanden der Polizei ergeben, werde ich diese natürlich umsetzen. Grundsätzlich startet meine Verantwortung aber am 1. September 2016. Was vorher war, möchte ich nicht kommentieren.

Wieso?

Weil das nicht seriös, nicht zielführend und auch nicht fair wäre. Ich habe mir aber Gedanken gemacht über diese Fälle und die dazu geäusserte Kritik. Und habe durchaus eine klare Vorstellung davon, wie ein Polizeikorps sein sollte.

Die da wäre?

Integrität ist für mich das höchste Gut. Ich will eine Polizei mit integren Mitarbeitern, von denen man weiss, dass man sich auf sie verlassen kann. Ausserdem möchte ich, dass Polizisten die Anliegen der Bevölkerung ernst nehmen. Die Leute sollen mit allen Sorgen und Nöten zur Polizei kommen können und ernst genommen werden, auch wenn nicht an allen Fällen etwas dran ist. Und schliesslich sollen Polizisten auch eine gewisse Zuversicht haben und auch die schönen Punkte im Polizeiberuf sehen. Integrität, Einsatzwillen und Zuversicht sind die drei Punkte, die ich fest in mir trage und schon in Schwyz gelebt habe. Darauf lege ich auch in Uri Wert.

Sie haben gleich nach Ihrem Amtsantritt einem Polizisten gekündigt. Wie war das für Sie?

Ich habe vom Fall des besagten Polizisten gleich an meinem ersten Arbeitstag erfahren. Das war nicht schön und habe ich auch keineswegs gesucht. Aber das Verhalten des Polizisten war mit den von mir geforderten Werten schlichtweg nicht vereinbar. Integrität bedeutet für mich auch, dass ein Polizist das, was er bei der Arbeit durchsetzt, auch privat lebt.

Wie hat das Korps auf diese Entscheidung reagiert?

Gejubelt hat natürlich niemand. Der betroffene Mitarbeiter war über 40 Jahre bei der Polizei. Aber ich glaube, die Mehrheit der Mitarbeiter hat meinen Entscheid verstanden und nachvollziehen können. Und auch wenn das keine schöne Situation ist, so habe ich doch gezeigt, dass ich das, was ich predige, auch lebe. Wenn man A sagt, muss man auch B sagen, so brutal das manchmal auch sein kann.

Sie wollen also mit gutem Beispiel vorangehen?

Als Polizeikommandant stehe ich im Schaufenster. Die Leute schauen ganz genau hin, was ich privat tue, wie ich mich gebe, wie ich Auto fahre, mich in der Öffentlichkeit gebe. Ich muss mich da aber auch überhaupt nicht verstellen und kann abends mit gutem Gewissen in den Spiegel schauen.

Sie sind vor 18 Jahren als Betriebsökonom Polizist geworden. Wie kommt’s?

Die meisten meiner Studienkollegen haben ihr Wissen bei einer Bank eingebracht oder bei der Wirtschaftsprüfung. Mich hat aber die Polizei schon immer fasziniert, schon als kleiner Bub. Und als sich die Möglichkeit ergab, bei der Kantonspolizei Schwyz im Bereich Wirtschaftsdelikte mitzuarbeiten, habe ich die Chance gepackt. Dort konnte ich mein Wissen aus dem Studium gleich eins zu eins umsetzen.

Und als Polizeikommandant?

Im Studium ging es sehr viel um Betriebswirtschaft, um Führung von Personal, um Finanzen, Organisationsfragen und so weiter. Das ist eins zu eins das, was ich auch als Polizeikommandant mache: Ich führe einen Betrieb. Die Polizei könnte genauso gut ein grösserer Schreinerbetrieb sein, die Führungsaufgaben wären dieselben.

Kann man denn überhaupt betriebswirtschaftlich denken in einem öffentlich-rechtlichen Betrieb?

Selbstverständlich. Natürlich hat die Polizei als öffentlicher Betrieb andere Voraussetzungen. Wir müssen nicht akquirieren, sind nicht gewinnorientiert und müssen uns nicht um Margen kümmern. Das hat Vorteile, aber auch Nachteile. So haben wir zum Beispiel deutlich komplexere Budgetprozesse als in der Privatwirtschaft, können nicht nach Belieben Personal einstellen oder entlassen. Aber von der Organisationsstruktur her und auch bezüglich personeller Fragen sind die Themen dieselben wie in der Privatwirtschaft.

Die Polizei habe zu wenig Personal, erklärte Kripo-Chef Ruedi Huber in einem Interview mit unserer Zeitung. Wie stehen Sie dazu?

Jeder Polizeichef würde gerne mehr Leute anstellen. Der Lead liegt hier bei der Politik. Was ich mir wünschen würde, ist ein Globalbudget für die ganze Polizei.

Wieso?

Ein Globalbudget würde uns als Kader die Gelegenheit geben, auch mal kurzfristig etwas zu realisieren, ohne warten zu müssen, bis es im Budget ist, genehmigt wurde und dann das Jahr eintrifft, in dem umgesetzt werden kann. So könnte man beispielsweise mal ein geplantes Auto nicht anschaffen und stattdessen in einem anderen Bereich aufrüsten. Das ist zwar zu einem gewissen Teil schon heute möglich, mittels Nachtragskrediten zum Beispiel. Aber betriebswirtschaftlich reagieren kann man damit nicht. Vielleicht bin ich da auch etwas verwöhnt von Schwyz, wo es ein solches Globalbudget für die Kantonspolizei gab. Mir ist aber auch bewusst, dass das im Moment in Uri nicht zur Debatte steht und höchstens Zukunftsmusik ist.

Welche Projekte werden Sie stattdessen in Angriff nehmen?

In den nächsten Jahren stehen im Kader einige Pensionierungen an. Es wird also zu einer starken Verjüngung kommen im Kader. Das ist einerseits eine Chance für junge Mitarbeitende, anderseits besteht aber auch die Gefahr, dass Know-how verloren geht. Dieser Nachfolgeprozess wird mich weiterhin beschäftigen. Daneben sind wir auch daran, ein Leitbild zu erstellen.

Was soll dieses Leitbild denn klären?

Es soll aufzeigen, in welche Richtung die Kapo Uri künftig gehen soll. Wie gehen wir mit den Mitarbeitenden um? Wollen wir sie fördern und damit die Gefahr eingehen, dass sie uns abspringen? Welche Regeln befolgen wir in der Medienarbeit? Wie strikt sind wir bei Kontrollen? Gehen wir stur nach Gesetz, oder legen wir das Opportunitätsprinzip eher grosszügig aus? Diese und weitere Fragen werden wir intern, aber auch zusammen mit dem Sicherheitsdirektor klären. Damit letztlich alle am selben Strang ziehen.

Gibt es weitere Pläne?

Während meiner ersten Monate habe ich gemerkt, dass die Ausrüstung der Kapo Uri zwar gut ist, im Bereich Technik aber Nachholbedarf besteht. So brauchen wir dringend ein Einsatzleit­system. Das würde die Arbeitsabläufe deutlich schneller und sicherer machen. Davon würden auch unsere Partnerorganisationen profitieren.

Inwiefern?

Wenn heute der Polizei beispielsweise ein Brand gemeldet wird, erscheint die Meldung auf dem Bildschirm in der Einsatzzentrale. Der Zentralist muss sich dann umdrehen, zur Schublade greifen und dort das Dossier zur Hand nehmen, die zuständige Feuerwehr ausfindig machen und so weiter. So vergehen 20 bis 30 Sekunden, bis die Feuerwehr ausgelöst werden kann. Mit einem Einsatzleitsystem wäre das mit zwei Mausklicks in 3 Sekunden erledigt. Ein solches Einsatzleitsystem ist zwar nicht ganz günstig, aber notwendig. Schliesslich sind wir einer der letzten Kantone in der Schweiz, die das noch nicht haben. Dasselbe gilt für die technische Ausstattung der Polizisten an der Front.

Was fehlt denen?

Wenn heute die Polizei an einen Verkehrsunfall kommt, hat jeder Polizist ein schwarzes Büchlein in der Hand, in dem er alles notiert. Diese Büchlein würden wir gerne durch Tablets ersetzen, wie das andere Polizeikorps bereits kennen. Damit könnten die Polizisten an der Front schon vor Ort direkt ins Rapportsystem schreiben, das Fahrzeugschild fotografieren, einen automatischen Abgleich beim Strassenverkehrsamt tätigen und so weiter. Auch das würde die Arbeit viel schneller machen. So könnte der Polizist in der Zeit, die er sonst am Computer verbringen würde, draussen präsent sein.

Themawechsel: Der Urner Kripo-Chef hielt gegenüber unserer Zeitung fest, dass Ermittlungen im Bereich von Betäubungsmitteln schwierig seien. Macht es sich da die Kapo Uri nicht zu leicht?

Nein, ganz und gar nicht. Wenn es um Betäubungsmittel geht, interessieren uns in erster Linie die Hintermänner, die im grossen Stil handeln und Geld verdienen. An die ranzukommen, ist nicht einfach und braucht einen grossen Aufwand. Da kommt ein kleines Korps, wie wir es haben, irgendwann an seine Grenzen. Da braucht es Durchhaltevermögen, Zeit und Biss.

Hat die Kripo diesen Biss?

Wir haben sehr viele sehr gute Leute bei der Kripo. Erst kürzlich wurde ein grosser Fall von über 100 Graffiti-Sprayereien über Monate minutiös aufgearbeitet. Das hat zwar nichts mit Betäubungsmitteln zu tun, zeigt aber, dass unsere Kriminalpolizistinnen und -polizisten durchaus den nötigen Biss haben.

Bezüglich Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz steht der Verdacht im Raum, die Dealer würden aus Polizeikreisen gewarnt. Gehen Sie dem nach?

Nein. So viel ich weiss, ist die Geschichte, die zu diesem «Verdacht» führte, fast zehn Jahre her. Seit meinem Amtsantritt gab es nie Anhaltspunkte, die auf einen Maulwurf hindeuten würden. Sollte sich das ändern, werde ich dem umgehend nachgehen. Denn das wäre fatal für die Polizei und ihre Vertrauenswürdigkeit.

Sie sind nun seit einem halben Jahr hier. Wie lange bleiben Sie noch?

Wenn man sich meinen Lebenslauf anschaut, sieht man, dass ich nicht einer bin, der alle zwei Jahre etwas Neues sucht. Ich habe auch keine Ambitionen dahingehend, dass die Kapo Uri für mich nur eine Treppe zu einem grösseren Korps wäre. Ausserdem sind meine Frau und ich auf der Suche nach Wohneigentum in Uri. Von daher kann ich mir durchaus vorstellen, für längere Zeit hier zu bleiben. Einen genauen Zeitplan habe ich aber nicht.

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