PREIS: Gislers Suche nach dem eigenen Sound

Der Urner Gitarrist Dave Gisler erhält dank des Werkjahrs der Kunst- und Kulturstiftung Uri einen künstlerischen Freiraum. Die finanziellen Sorgen sind weggeblasen, mindestens für die nächsten Monate.

Markus Zwyssig
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Der Urner Gitarrist Dave Gisler bei der Preisverleihung im Haus für Kunst Uri.Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 10. Dezember 2016)

Der Urner Gitarrist Dave Gisler bei der Preisverleihung im Haus für Kunst Uri.Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 10. Dezember 2016)

Dave Gisler freut sich. Ihm wurde von der Kunst- und Kulturstiftung Uri das mit 20000 Franken dotierte Werkjahr zugesprochen (siehe auch UZ vom 9. Dezember). Dieser Preis gibt dem Urner Profimusiker die Möglichkeit, ein Jahr lang ohne finanzielle Sorgen zu arbeiten. «Es ist sehr schwierig, von der Musik zu leben», sagt der 33-Jährige. Als freischaffender Jazzmusiker habe er kein geregeltes Einkommen. «Es ist ein ständiges Auf und Ab.» Die meisten würden sich mit Unterrichten finanziell über Wasser halten. Auch er mache das so. Immer wieder springe er ein, um Stellvertretungen an der Musikschule oder an der Hochschule zu übernehmen.

Dave Gisler ist mit Musik und Kunst aufgewachsen. Sein Vater, Felix Gisler, arbeitet als Gitarrenlehrer und Dozent. Seine Mutter, Mary Anne Imhof, ist als Künstlerin tätig. Kindheit und Jugendjahre von Dave Gisler verliefen eher ungewöhnlich und multikulturell. Eineinhalb Jahre lang besuchte er die Primarschule in Gurtnellen. Danach war Dave Gisler mit seinen Eltern ein Jahr lang in Indien. Ein weiteres Jahr lebte er in Italien, mehrere Jahre in Frankreich. Er genoss Privatunterricht bei den Eltern. Der Vater erteilte ihm Gitarrenunterricht. Die Mutter, diplomierte Primarlehrerin, brachte ihm vor allem Mathematik und Deutsch bei. «Dadurch wurde ich viel und früh gefördert – vor allem auf der Gitarre», so Dave Gisler.

Sechs bis acht Stunden üben ist keine Seltenheit

Das war ein Vorteil für die nächsten Jahre und für die Ausbildung zum Musiker. In Frankreich besuchte er eineinhalb Jahre lang das Collège. «Dabei habe ich vor allem Französisch gelernt», blickt Gisler zurück. Der Privatunterricht bei den Eltern wurde weitergeführt. Zurück in der Schweiz, besuchte Gisler bereits mit 15 Jahren die Jazzschule Luzern. Mit 18 Jahren war er in der Berufsabteilung der Schule. «Ich war damals der Jüngste», so Gisler. Obwohl er früh und intensiv mit dem Gitarrenspielen begann, muss er auch heute viel tun. Dass er an einem Tag sechs bis acht Stunden lang übt, sei keine Seltenheit. Es gebe zwar auch ab und zu einen Tag Pause, aber im Schnitt seien es zwei bis vier Übungsstunden.

Big Apple war grosse Inspiration

Von der Kunst- und Kulturstiftung Uri respektive der damaligen Danioth-Stiftung ist Dave Gisler bereits in früheren Jahren ausgezeichnet worden. So sprach sie ihm nicht nur einen Förderbeitrag, sondern auch das New-York-Atelier zu. «Der Aufenthalt in Amerika war etwas Spezielles», so Gisler. «Der Big Apple ist das Mekka der Jazzmusik.» Historisch bedingt komme viel von dort. Viele der angesehensten Jazzmusiker würden dort leben oder sich mindestens dann und wann in der Stadt aufhalten. Gisler selber hat zwei gute Freunde in New York getroffen: den Tenorsaxofonisten Christoph Irniger und den Bassisten Raffaele Bossard. Zusammen mit Schlagzeuger Nasheet Waits gründeten sie die Jazzband No Reduce. Gemeinsam waren sie in Europa und in den USA unterwegs. «Die Zusammenarbeit, vor allem mit Waits, war sehr wertvoll», sagt Gisler. «Von einem so erfahrenen Musiker kann man viel lernen.»

Dave Gisler ist zurzeit vor allem mit zwei Bands besonders aktiv: Pilgrim und Weird Beard. Zudem spielt er gegenwärtig auch bei zwei Big Bands: beim Swiss Jazz Orchestra und beim Luzern Jazz Orchestra. «Die Arbeit für die Big Bands ist eine Herausforderung, aber auch eine gute Schule», so Gisler. Die Musik sei schwierig zu spielen.

Daneben hat Dave Gisler seit geraumer Zeit seine eigene Formation aufgebaut, das Dave Gisler Trio. Am Mittwoch, 22. Februar 2017, gibt Dave Gisler zusammen mit Raffaele Bossard (Bass) und Lionel Friedli (Schlagzeug) ein Konzert im Q 4 in Altdorf.

Am liebsten ist Dave Gisler auf Tournee. «Da hört man am besten, wie sich die Musik praktisch von Tag zu Tag weiterentwickelt.» Er reise gerne und freue sich, neue Leute kennen zu lernen. Unterwegs zu sein, sei aber oftmals sehr anstrengend. In Erinnerung geblieben ist ihm eine Tournee durch Russland. «Da lebten wir alles andere als luxuriös», erinnert sich Gisler. «Schlafgelegenheiten und Essen waren mehr schlecht als recht.» Trotzdem habe er wertvolle Erfahrungen gesammelt. «Konzerte sind in der Provinz in Russland ein seltenes Ereignis, darum kommt das Publikum in Scharen.» Das andere Extrem sei Köln. «Dort gibt es eine super Jazz-Szene. Das Publikum ist aber auch entsprechend verwöhnt», so Gisler. «Da kommen nur wenige Leute, wenn man nicht einen grossen Namen hat.»

Je experimenteller, desto weniger Publikum

Als Jazzmusiker fülle man kein Hallenstadion. Gisler spielt dafür oft an Festivals oder in Jazzklubs. «Manchmal kommt nur eine Hand voll Gäste, dann sind es wieder 200 Zuhörer.» Je experimenteller man spiele, umso weniger zahlreich sei das Publikum. Dave Gisler tritt jedoch gerne in kleinen Klubs auf. «Da ist man nahe beim Publikum. Man spürt den unmittelbaren Kontakt.»

Seit sechs Jahren lebt Dave Gisler in Zürich. Früher wohnte er in Luzern, ein halbes Jahr in Berlin. Ein Tapetenwechsel sei sehr inspirierend für die Musik, so Gisler. In der Jazzmusik gebe es zurzeit nur noch minimale Weiterentwicklungen. Früher war das anders. Swing, Be Bop, Cool Jazz oder Jazz-Rock und Fusion – da lagen Welten dazwischen. Das ist aber auch in anderen Musikstilen so. «Letzthin habe ich eine ältere Frau im Tram getroffen», so Gisler. «Sie sagte mir, sie sei in Ohnmacht gefallen, als sie zum ersten Mal Elvis gehört habe.» Eine solche musikalische Offenbarung habe er noch nie erlebt, gesteht er.

Gespannt ist der Altdorfer, wie die Musik und vor allem der Jazz in zehn Jahren tönen. «Einen eigenen Stil zu finden, ist das Ziel», sagt Gisler. Wenn er Musik höre, erkenne er seine Kollegen schnell an der Art und Weise, wie sie spielen. «Jeder entwickelt seinen persönlichen Sound», ist er überzeugt. Und daran kann er nun, auch dank des Werkjahrs, weiter feilen.

Markus Zwyssig

markus.zwyssig@urnerzeitung.ch

Urner Musiker sahnen tüchtig ab

Das Haus für Kunst in Altdorf beziehungsweise dessen Hauptausstellungsraum platzte am Samstag für rund eine Stunde schier aus allen Nähten. Als Besuchermagnet wirkte die von der Urner Band Zunderobsi musikalisch umrahmte Übergabefeier der Kunst- und Kulturstiftung Uri. Ausgehändigt wurden die diesjährigen Urner Werk- und Förderpreise.

Stiftungspräsidentin Elisabeth Fähndrich wies in ihrer Begrüssung darauf hin, dass im Hinblick auf die diesjährige 35. Auflage verschiedene Änderungen und Anpassungen vorgenommen worden seien. «Das Stiftungsvermögen wird nicht mehr weiter geäufnet», erklärte sie. «Deshalb steht nun für das Urner Werkjahr neu ein Betrag von 20000 Franken zur Verfügung, was eine deutliche Aufwertung darstellt. Neu müssen die Bewerber einen echten Bezug zum Urnerland nachweisen. Es reicht also nicht mehr, nur einen Heimatschein aus dem Kanton Uri vorweisen zu können oder irgendwann im Stau vor dem Gotthardtunnel gestanden zu haben.» Das sei wohl der Hauptgrund, weshalb die Zahl der Eingaben von 37 im Vorjahr auf 26 zurückgegangen sei. 21 stammten aus dem Bereich der bildenden und angewandten Kunst. Fünf Eingaben betrafen die Sparte Musik, Tanz und Theater.

Finanzspritzen für Urner Musiker

Der Förderpreis «Urner Werkjahr» ging an den Jazzgitarristen Dave Gisler (siehe Haupttext). Der Altdorfer tritt seit fünfzehn Jahren mit grossem Erfolg im In- und Ausland auf. «Dave Gisler gehört zu den besten Schweizer Jazzmusikern und zeichnet sich durch Ideenreichtum und Improvisationskunst aus», sagte Kulturjournalist Urs Bugmann in seiner Laudatio. Förderbeiträge in der Höhe von je 5000 Franken durften der Jazzkontrabassist Lukas Traxel und der Schlagzeuger Christoph Gautschi entgegennehmen. Beide sind im Kanton Uri aufgewachsen. Im Bereich bildende Kunst ging der traditionelle viermonatige Atelieraufenthalt in Berlin an das in Basel lebende und arbeitende Urner Künstlerpaar Peter Spillmann und Susanne Schär.

Zwei Werke zum Ankauf empfohlen

Vor kurzer Zeit hat der Urner Regierungsrat eine kantonale Kunstankaufskommission eingesetzt. Das Kuratorium hat die Möglichkeit, ihr Werkankäufe zu empfehlen. Davon macht es in diesem Jahr gleich in doppelter Hinsicht Gebrauch. Die erste Empfehlung betrifft die Altdorfer Künstlerin Franziska Furrer. Sie ist an der aktuellen Förderungsausstellung mit einer fragilen Installation vertreten. Die Seelisbergerin Barbara Hauser zeigt eine ganz spezielle Videoinstallation. Auch diese wird der Kommission zum Ankauf empfohlen. Die sogenannte «Carte blanche» wurde an den Künstler Thomi Dittli vergeben. Er darf an der Werk- und Förderungsausstellung 2017 im Danioth-Pavillon eine Sonderausstellung realisieren.

Urs Hanhart, urs.hanhart@urnerzeitung.ch

Die Preisträger; von links: Lukas Traxel, Dave Gisler, Christoph Gautschi, Susanne Schär und Peter Spillmann.Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 10. Dezember 2016)

Die Preisträger; von links: Lukas Traxel, Dave Gisler, Christoph Gautschi, Susanne Schär und Peter Spillmann.Bild: Urs Hanhart (Altdorf, 10. Dezember 2016)