PROJEKT: «Es ist mehr als ein reines Abenteuer»

Die Urner Künstlerin Corina Gamma war Gast im Swiss Camp in der Eiswüste von Grönland. Nun verarbeitet sie ihre Erfahrungen in einem Dokumentarfilm.

Gabriela Tscharner
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Den Schlittenhunden machen auch Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt kaum etwas aus. (Bild: Corina Gamma/pd)

Den Schlittenhunden machen auch Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt kaum etwas aus. (Bild: Corina Gamma/pd)

Wenn man an Arktis-Reisende denkt, stellt man sich Abenteurer wie Roald Amundsen oder Fridtjof Nansen vor. Ernste, ältere Herren mit eiszapfenbehangenen Bärten, die in von der Sonne gegerbten Gesichtern hängen. Die Urner Künstlerin Corina Gamma sprengt dieses Klischee. Ihr ansteckendes Lachen erhellt ihr Gesicht, wann immer die Rede auf Grönland kommt. «Entweder liebst du das Eis, oder du kannst mit dieser Landschaft gar nichts anfangen», schwärmt sie, als die «Neue Urner Zeitung» die Altdorferin in ihrer Wahlheimat Los Angeles besucht. Nach acht Jahren in der Wüste von Palm Desert hat Gamma ihre Zelte nun in Los Angeles aufgeschlagen, wo sie im Künstlerviertel von Los Feliz der Betonwüste der Grossstadt entflieht. In Kalifornien leben, wenn man das Eis liebt, ist das kein Widerspruch? «Gar nicht», entgegnet Gamma. «Wüste und Eis haben viel gemeinsam. Beide machen die Zivilisation schwer, und das fasziniert mich.»

Ökosystem stark beeinträchtigt

Vor zwei Jahren reiste sie zum ersten Mal ins Swiss Camp in Grönland. Professor Konrad Steffen, heutiger Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL), war damals Professor an der Universität in Colorado und Direktor des Instituts für Umweltwissenschaften, Cires. Er hat diese Forschungsstation 1990 im Auftrag der ETH Zürich aufgeschlagen. Seither messen automatische Wetterstationen in Grönland die Stärke der Sonnenstrahlung, Schnee- und Eistiefe, Windstärke und Lufttemperatur und stellen diese Klimatologen auf der ganzen Welt zur Verfügung. Gamma lernte Steffen kennen, als sie beim Schweizer Konsulat in Los Angeles im Büro aushalf. «Das global Warming ist in Grönland enorm spürbar», fasst Gamma ihre Eindrücke zusammen. «Im Sommer 2012 haben die Gletscher Grönlands Eisberge gekalbt, die grösser waren als die Insel Manhattan. Die oberste Eisschicht wurde auf Rekordtemperaturen erwärmt, gleichzeitig reduzierte sich das Eis im Meer. Das hat enorme Auswirkungen auf das Ökosystem.»

Fondue in der Eiswüste

Gamma wurde von Steffen als Artist in Residence eingeladen, zwei Wochen im Swiss Camp zu verbringen und ihre Eindrücke künstlerisch umzusetzen. Was heisst das konkret? «Ich habe viel fotografiert, gefilmt, aber auch gekocht und abgewaschen», lacht sie. «Jeder macht im Swiss Camp alle Arbeiten.» Gammas romantische Vorstellung vom Leben in der Eiswüste wurden jedoch schnell von der Realität eingeholt. «Am meisten überrascht hat mich, dass das Eis mit einer dicken Schneedecke bepackt ist, die von steifen Winden ständig umhergeblasen wird.» Die Schlafzelte müssen deshalb jeden Tag während einer Stunde mit einer Schaufel vom Schnee, der sich vor dem Eingang in Wehen aufbaut, befreit werden. «Dabei kommt man, trotz Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt, ganz schön ins Schwitzen.» Am meisten mit der Kälte zu kämpfen hatte die Fotografin jedoch beim Schlafen in den völlig ungeheizten Zelten. «Jedes Luftloch im Schlafsack ist ein Problem. Die Bettflasche, die ich mitgebracht hatte, leckte, und ein nasser Schlafsack ist noch viel kälter als ein trockener.» Zu den Höhepunkten des Lebens im Swiss Camp gehörten für Gamma gemeinsame Abendessen, die auf den mit Gas angefeuerten Kochplatten des Hauptzelts zubereitet wurden. «Zu den kulinarischen Höhenflügen gehörte ein Sushi-Dinner, und fürs Heimweh gabs auch mal ein Fondue.»

Mehr als ein reines Abenteuer

Um ihren Film (siehe Box) zu aktualisieren, macht sich Gamma dieser Tage noch einmal nach Grönland auf, um Änderungen im Leben ihrer Protagonisten festzuhalten. «Ich könnte noch Jahre an diesem Projekt arbeiten«, schwärmt sie, aber sie ist sich bewusst, dass sie es sich und ihren Protagonisten schuldig ist, dieses Projekt abzuschliessen. «Es ist für mich schon fast mehr als reines Abenteuer. Es zieht mich ständig in Regionen, wo noch niemals jemand war. Vielleicht ist etwas in meinem Hirn falsch gewickelt», lacht sie laut. «In der Stadt wird es mir immer wieder zu eng. Ich nenne es meine nie endende Sturm-und-Drang-Zeit.»

Corina Gamma ist Urnerin, geboren in Altdorf. «Ich bin nur ein paar hundert Meter vom Tell-Denkmal entfernt aufgewachsen», sagt sie – nicht ohne Stolz und zur besseren Beschreibung des Wohnorts ihrer Kindheit. Ihr Vater betrieb eine Druckerei, die sich seit Generationen in der Familie befand und die damals auch für den Druck der «Gotthardpost», der Vorgängerin der «Urner Zeitung», verantwortlich war. «Jeden Abend haben alle meine Familienmitglieder Spalten korrigiert», erinnert sie sich. «Und das auf Deutsch, Italienisch und Französisch, denn die ‹Schützenzeitung› wurde in drei Sprachen verlegt. Das war unsere Familienbeschäftigung.»

Liebe für Fotografie geweckt

Später begann sie, für den Vater zu arbeiten und das Fotomaterial zu organisieren, Filme zu entwickeln, zu drucken und zu rastern, wie das im Druckerjargon heisst. Arbeiten, die ihre Liebe für die Fotografie geweckt haben. Schon als Teenager machte sie mit der alten Leica-Fotokamera des Vaters Bilder, vor allem von Uris Nachthimmel, vom Mond und den Sternen. Nach Abschluss des Kollegis ging sie zur Kunstgewerbeschule in Zürich und studierte anschliessend in Lausanne an der ­Ecole des Beaux Arts Malerei und Fotografie.

Hinweis

Mehr über Corina Gammas Dok-Film kann man auf www.gatekeepersofthearctic.com erfahren.