PSYCHOLOGIE: Nach dem Tötungsdelikt: «Meist ist ein Stück Erinnerung noch da»

Wenn jemand etwas Schreckliches erlebt, kann die Erinnerung daran im Unterbewusstsein vergraben werden. Doch nicht jeder Erinnerungsverlust hat mit einem Trauma zu tun, wie eine Expertin im Interview erklärt.

Interview Carmen Epp
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Rosmarie Barwinski ist seit 30 Jahren als Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin tätig. (Bild: PD)

Rosmarie Barwinski ist seit 30 Jahren als Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin tätig. (Bild: PD)

Interview Carmen Epp

carmen.epp@urnerzeitung.ch

Der Mann, der am 24. März 2013 den Wirt des Restaurants Mühle in Schattdorf getötet hat, gesteht die Tat, sagt aber aus, er könne sich an den Ablauf nicht mehr erinnern. Wie ist so etwas möglich? Können Erinnerungen einfach so verschwinden? Und wie holt man sie zurück? Unsere Zeitung hat bei einer Expertin nachgefragt.

 

Rosmarie Barwinski*, wie funktioniert das menschliche Gedächtnis?

In der Gedächtnispsychologie wird zwischen zwei Formen des Gedächtnisses unterschieden. Zum einen gibt es das so genannte explizite Gedächtnis, auch narratives oder Wissensgedächtnis genannt. Darin sind Erinnerungen gespeichert, die wir zeitlich und emotional einordnen können. Erzählt man von der Torte, die man zum 20. Geburtstag erhalten hat oder vom Ausflug mit dem Grossvater, ruft man die Erinnerung aus dem expliziten Gedächtnis ab.

Und die andere Form?

Die wird implizites Gedächtnis genannt. Das beinhaltet Erinnerungen, die uns nicht bewusst sind, sich aber doch auf unser Erleben und Verhalten auswirken. Dazu zählen Erinnerungen an die ersten Lebensjahre oder an elementare Handlungsabläufe wie Gehen oder Velofahren. Die Erinnerungen im impliziten Gedächtnis können wir nicht in Worte fassen, sind losgelöst von Raum- und Zeitgefühl. Und – das Entscheidende, wenn es um Erinnerungsverlust geht – wir können sie nicht bewusst abrufen.

Wenn ich mich also an etwas nicht erinnern kann, ist es in meinem impliziten Gedächtnis verschwunden?

Nicht zwingend. Konnte man sich einmal an etwas erinnern, es in Worte fassen, nacherzählen, die Erinnerung also bewusst abrufen, kann es nicht im Nachhinein vom expliziten ins implizite Gedächtnis gespeichert werden. Wird man hingegen überflutet von einem Ereignis und den Gefühlen, die das auslöst, kann die Erinnerung daran quasi vom Bewusstsein abgespalten und im impliziten Gedächtnis wie ein Abszess eingekapselt, quasi vergraben werden. Das ist das, was bei einem Trauma passiert.

Eine kluge Einrichtung des Gedächtnisses, Erinnerungen an schlimme Erlebnisse einfach wegzusperren.

Für den Moment, ja. Da wird das Bewusstsein, das mit einer Situation nicht zurechtkommt, geschützt. Allerdings sind die Erinnerungen dann nicht einfach weg, sondern kommen durch bestimmte Auslöser automatisch und unkontrolliert wieder hoch – man spricht dann von Flashbacks oder vom Traumazustand. Wenn das passiert, fühlt sich die traumatisierte Person so, als wäre sie wieder zurück in der Situation. Sie erlebt das traumatisierende Ereignis gewissermassen wieder und wieder und kann das nicht bewusst steuern.

Vergisst man dieses Wiedererinnern jeweils auch wieder?

Bei schweren, stark abgespaltenen und frühen Traumatisierungen kann es vorkommen, dass sich Personen nicht an ihre Flashbacks erinnern oder daran, was sie währenddessen getan haben. Konfrontiert man diese Personen damit, dass sie – ausgelöst durch einen Reiz, der Ähnlichkeit mit der traumatischen Situation hat – beispielsweise um sich geschlagen haben, hört man sie oft sagen, das seien nicht sie gewesen. Das sind jedoch seltene Fälle. Meistens ist ein Stück Erinnerung an das Flashback noch da.

Auch Alkohol kann zu Erinnerungslücken führen.

Das geschieht aber nicht auf psychologischer, sondern auf körperlicher Basis. Alkohol stört die Informationsübertragung der Zellen im Gehirn. Geschieht das im Hippocampus, dem Gedächtniszentrum des Gehirns, können neu eintreffende Informationen nicht richtig gefestigt werden.

Von einem Trauma spricht man, wenn einem etwas zugestossen ist. Kann eine schreckliche Tat auch den Täter traumatisieren?

Wenn ein Täter während oder nach einer Tat plötzlich realisiert, was er da gerade Schreckliches getan hat, kann das auch traumatisierend wirken. Das ist aber klar zu unterscheiden vom Trauma, das vom Bewusstsein abgespalten und im impliziten Gedächtnis vergraben wird.

Inwiefern?

Weil er sich der Schrecklichkeit der Tat ja erst bewusst werden muss, ehe sie ihn schockieren kann. Er muss die Tat gedanklich fassen, realisieren, dass sie schlimm ist. Das funktioniert nur, wenn die Erinnerung daran im expliziten Gedächtnis gespeichert wurde.

Einen Erinnerungsverlust, wie ihn Traumaopfer kennen, gibt es dann also nicht?

Doch, dies ist auch möglich. Wenn jedoch ein Täter die Erinnerung an die Tat bewusst abrufen kann, aber sich zum Beispiel dafür schämt und sich deshalb nicht erinnert, spricht man von Verdrängung. Kommen Erinnerungen an ein verdrängtes Erlebnis hoch, ist man nicht überwältigt davon, wie das Traumaopfer sind, sondern eher in der Lage, sie einzuordnen.

Wenn ein Täter also behauptet, sich nicht an eine Tat zu erinnern, hat das mit Verdrängung zu tun?

Nein, so kann man das nicht sagen. Ein Täter kann auch ein Opfer gewesen sein. Statt immer wieder erleiden zu müssen, was ihnen angetan wurde, schlüpfen ganz schwer traumatisierte Personen im Traumazustand von der Opfer- in die Täterrolle – ohne sich hinterher daran zu erinnern. Das sind jedoch Fälle, die unbedingt gut abgeklärt und betreut werden müssen.

Wieso?

Weil so jemand besonders gefährlich ist. Zumal davon auszugehen ist, dass diese Person ihre Tat wiederholt, wenn sie wieder in den Traumazustand wechselt.

Kann ein Erinnerungsverlust durch ein Trauma therapiert werden?

Ja. In einer Traumatherapie versucht man, die abgespaltenen Erinnerungen zu verarbeiten, sie ins explizite Gedächtnis zu holen. Je früher sich die Traumatisierung ereignete und je schwerer sie war, desto mehr Zeit braucht eine solche Therapie meist.

Und bei verdrängten Erinnerungen, wie geht man da vor?

Hier geht es auch darum, Erinnerungen ins Bewusstsein zu holen und fassbar zu machen, aber diese Erinnerungen sind nicht mit diesen heftigen Gefühlen verbunden wie beim Traumata. Man geht gemeinsam der Frage nach, wieso jemand etwas verdrängt –mit dem Ziel, dass der Patient die Erinnerung beziehungsweise das damit zusammenhängende Gefühl irgendwann zulassen kann.

Hinweis

* Rosmarie Barwinski ist seit 30 Jahren als Psychoanalytikerin und Psychotherapeutin tätig, Privatdozentin an der Universität zu Köln und Leiterin des Schweizer Instituts für Psychotraumatologie in Winterthur.