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RAUBTIER: Immer mehr Wölfe ziehen in die Schweiz

In Nidwalden und Uri ist höchstwahrscheinlich ein Wolf unterwegs. Raubtierexperte Ralph Manz erklärt, warum deshalb kein Grund zu Panik besteht.
Anian Heierli
Vor zwei Jahren riss dieser Wolf im Wallis Schafe – jetzt geht wohl auch in der Zentralschweiz einer um. (Bild: Keystone)

Vor zwei Jahren riss dieser Wolf im Wallis Schafe – jetzt geht wohl auch in der Zentralschweiz einer um. (Bild: Keystone)

Interview Anian Heierli

Bei der Isleten in Uri hat ein Autofahrer mutmasslich einen Wolf fotografiert. Das Foto entstand vergangene Woche in der Nacht auf Donnerstag in der Nähe von bewohnten Häusern. Eine Nacht später wurden in Emmetten, Nidwalden, acht Schafe gerissen. Nun soll eine DNA-Analyse der Schafe zeigen, ob es sich beim Raubtier tatsächlich um einen Wolf handelt. Doch schon jetzt gehen Experten mit hoher Wahrscheinlichkeit davon aus. Ralph Manz leitet das Schweizer Wolfs-Monitoring bei der Raubtierforschungsstelle Kora, die im Auftrag des Bundes handelt.

Sie kennen das Foto des Autofahrers und Bilder der gerissenen Schafe. War hier tatsächlich der Wolf am Werk?

Ralph Manz: Das Foto ist etwas unscharf und deshalb nicht eindeutig zu interpretieren. Trotzdem deuten wichtige Körpermerkmale auf einen Wolf hin. Typisch sind unter anderem die dunkle Rückenpartie, der kurze Schwanz mit der schwarzen Spitze, die eher runden Ohren und die helle Schnauzen- und Bauchpartie. Es gibt in der Schweiz aber zwei Hunderassen, die auch in Frage kommen könnten und die einem Wolf zum Verwechseln ähnlich sehen. Es sind dies der Saarloos und der tschechische Wolfshund. Von ihrer Grösse her wären beide Rassen in der Lage, acht Schafe zu reissen.

In Uri leben zwischen zehn und fünfzehn ausgewachsene Luchse. Könnte ein Luchs die Schafe gerissen haben?

Manz: Nein. Ein gesunder Luchs tötet nicht mehrere Beutetiere auf einmal. Acht gerissene Schafe deuten auf ein hundeartiges Raubtier hin.

Acht Risse in einer Nacht: Das klingt nach einem Massaker. Ist ein blutrünstiges Problemtier dafür verantwortlich?

Manz: Mit Blutrünstigkeit hat das gar nichts zu tun. Dieses Verhalten ist natürlich und vergleichbar mit dem eines Fuchses im Hühnerstall, der innert kürzester Zeit mehrere Hennen tötet. Experten vermuten, dass bei hundeartigen Raubtieren der Tötungsreflex immer wieder neu ausgelöst wird, und zwar solange, wie sich etwas bewegt.

Warum reissen Wölfe dann keine ganzen Hirschherden?

Manz: Im Gegensatz zu Nutztieren besitzen Wildtiere wie Hirsche und Rehe eine enorme Fluchtgeschwindigkeit. Steinböcke fliehen in felsiges Gebiet, wo der Wolf keine Chance hat. Wenn ein Wolf beispielsweise Hirsche überrascht, sprengt die Herde auseinander, und die Tiere verschwinden innert Sekunden in alle Richtungen. In freier Wildbahn erwischen Wölfe normalerweise nur die angeschlagenen, kranken oder alten Wildtiere.

In Uri wurde der mutmassliche Wolf auf einer Strasse in der Nähe von bewohnten Häusern fotografiert. Ist nun nachts Vorsicht geboten?

Manz: Es besteht kein Anlass zur Besorgnis. Wölfe bewegen sich vor allem nachts durch unsere Kulturlandschaft. Junge Wölfe, die keinem Rudel angehören, wandern weite Strecken auf der Suche nach einem Partner, um sich fortzupflanzen. Erst wenn ein Partner gefunden wird, besetzen sie ein Territorium. Auf ihren Wanderungen wählen sie dann oft geradlinige, bequeme Routen wie Wege und Strassen. Aus diesem Grund werden auch immer wieder Wölfe von Autos und Zügen überfahren. Das Bild vom bösen, gefährlichen Wolf ist kulturgeschichtlich bedingt. Für Bergbauern war früher eine gerissene Geiss oder ein getötetes Schaf existenzbedrohend. Es gibt nicht den bösen oder den guten Wolf. Er ist ein Tier wie jedes andere, das sich ernähren und fortpflanzen will.

Bereits vor zwei Jahren hat ein Wolf im Urner Etzlital 21 Schafe gerissen. Woher kommen diese Raubtiere?

Manz: Alle in der Schweiz lebenden und gesichteten Wölfe stammen aus der italienischen Population, die von der italienischen Halbinsel bis zu den französischen Alpen reicht. In den vergangenen vierzig Jahren hat sich dieses Verbreitungsgebiet nach Norden verschoben. Heute leben in den piemontesischen und französischen Alpen schätzungsweise 35 Wolfsrudel. Ein Wolfsrudel hat pro Jahr im Schnitt vier Junge. Die Jugendsterblichkeit infolge Krankheiten, Hunger- und Verkehrstod kann je nach Situation bis zu 50 Prozent betragen. Dazu kommt die Wilderei. Von den überlebenden Jungwölfen gründen einige in Italien oder Frankreich ein neues Rudel, und andere tauchen in der Schweiz auf. Es ist davon auszugehen, dass es in den Schweizer Alpen in Zukunft noch mehr Wölfe geben wird.

Die Schweiz ist eines der am dichtesten besiedelten Länder weltweit. Hat es Platz und Nahrung für Wölfe?

Manz: Ja. Der Wolf ist sehr anpassungsfähig, was den Lebensraum betrifft. Alles, was er braucht, sind genug Beutetiere und Ruhe, um die Jungen grosszuziehen. Die Alpen und der Jura mit den hohen Wildtierbeständen bieten in der Schweiz geeigneten Lebensraum für Wölfe. Dazu zählt auch die Zentralschweiz. Ein gutes Beispiel liefert das Calanda-Rudel aus St. Gallen/Graubünden. Das Rudel lebt rund ums Calandamassiv und hat seit 2012 dreimal Junge zur Welt gebracht. Übrigens ist der Wolf auch in Deutschland zurückgekehrt. Und Deutschland ist ebenfalls dicht besiedelt.

Urner und Nidwaldner Bauern haben Sorge um ihre Tiere – die acht getöteten Schafe von letzter Woche sind keine kleine Zahl. Wie können die Tiere jetzt geschützt werden?

Manz: Noch sind die meisten Schafe auf der Frühjahrsweide. Als Sofortmassnahme kann ein Elektrozaun eingesetzt werden. Oder man holt die Schafe nachts in den Stall. Im Sommer, wenn die Tiere frei auf der Alp weiden, gibt es verschiedene Möglichkeiten wie etwa den Einsatz von Herdenschutzhunden oder Koppeln. Welches System man für die Alp wählen will, muss im Einzelfall beurteilt werden. Heute gibt es in der Schweiz Organisationen mit 20 Jahren Herdenschutzerfahrung. Dieses Wissen kann abgeholt werden. Das Planen des Herdenschutzes muss sorgfältig und von Praktikern vorgenommen werden, und dafür ist genügend Zeit einzurechnen – gerade wenn Herdenschutzhunde eingesetzt werden sollen.

Die betroffenen Bauern können sich nicht sofort Schutzhunde anschaffen?

Manz: Dazu braucht es einen Sachkundenachweis. Zudem müssen Schutzhunde rechtzeitig bestellt werden. Nicht jede Alp und jede Herde eignet sich für den Einsatz von Hunden gleich gut.

Inwiefern?

Manz: Schutzhunde sollten am besten zu zweit gehalten werden, da es soziale Tiere sind. Je nach Herdengrösse rechnet sich das finanziell nicht.

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