REALP: Der «Furkavirus» hat ihn gepackt

Bis 2000 war Anton Stadelmann Urner Baudirektor. Momentan arbeitet er fast täglich mit Pickel und Schaufel. Alle seine «Weggefährten» betreten hingegen Neuland.

Bruno Arnold
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Alt Regierungsrat Anton Stadelmann arbeitet zurzeit zusammen mit Asylbewerbern im Furkagebiet. (Bilder Bruno Arnold)

Alt Regierungsrat Anton Stadelmann arbeitet zurzeit zusammen mit Asylbewerbern im Furkagebiet. (Bilder Bruno Arnold)

«Okay, let’s go!», ruft Anton Stadelmann. Dann nimmt er als Erster den Wanderweg vom rund 2430 Meter über Meer gelegenen Hotel Furkablick hinunter Richtung Bahnhof Furka der Dampfbahn Furka-Bergstrecke (2160 Meter über Meer) unter die Füsse. Sofort folgen ihm acht Asylbewerber. Ausgerüstet sind diese mit diversen Arbeitsgeräten, Getränken und Proviant. Auf halbem Weg bleibt Stadelmann stehen, ruft einem Afrikaner, gibt ihm in gebrochenem Englisch Anweisungen. Der nigerianische Asylbewerber John* hat den Auftrag offensichtlich verstanden: Der Fadenmäher heult auf, Gras, aber auch Steine fliegen. Schon nach kurzer Zeit muss der Faden ein erstes Mal ausgewechselt werden. Wladimir* aus Weissrussland sorgt derweilen für die Sicherheit: Er schaut, dass John Helm und Brille trägt, aber auch, dass dem ungeübten Mäher niemand zu nahe kommt. «Er macht das heute zum ersten Mal», sagt Wladimir – und lacht vergnügt und vielsagend.

Arbeiter erhalten Lob vom Chef

Weiter unten zeigt Anton Stadelmann dem jungen Syrer Omar*, wie er mitten auf dem Weg einen Stein platzieren und sichern muss. Dann fordert er Ahmed aus Eritrea auf, einen kleinen Wassergraben auszuschaufeln. Gut 200 Meter oberhalb des Bahnhofs Furka wird der Wanderweg über ein paar Meter neu angelegt. Stadelmann zeigt seiner Truppe, wie man Grasziegel abtrennt und verschiebt, wie man richtig pickelt, schaufelt und stampft. Die Mannschaft versucht, die Anweisungen umzusetzen. Der «Vorarbeiter» beobachtet das Ganze aus Distanz. «Turn the tool!» tönt es kurz darauf. Schon hat Stadelmann das Werkzeug wieder selber in der Hand und zeigt nochmals, wie man es machen sollte. «Okay?», fragt er. Sechs Köpfe nicken, dann wird wieder gepickelt, grösstenteils verkehrt herum ... Stadelmann hebt trotzdem den rechten Daumen: «Very good!», lobt er seine «Weggefährten» – im wahrsten Sinne des Worts. «Auch wir Schweizer sind nicht durchwegs handwerklich begabt», sagt der 74-jährige Altdorfer. «Auch bei uns in der Schweiz kann man nicht alle für alles brauchen!» Der ehemalige Urner Regierungsrat zeigt Verständnis für seine Gehilfen: «Sie kommen aus einem anderen Kulturkreis, haben eine andere Mentalität, und die Motivation ist nicht immer überragend», sagt er. «Viele von ihnen kommen nur mit, um für kurze Zeit aus der Monotonie in der Asylunterkunft Schweig auszubrechen, um einmal etwas anderes tun zu können», glaubt Stadelmann. «Nur immer die Berge rundherum anschauen oder in den Fernsehapparat glotzen? Ich begreife, dass sie Abwechslung suchen.»

Den Virus aus England gebracht

Anton Stadelmann arbeitet seit Jahren für die Dampfbahn Furka-Bergstrecke (DFB). Im Auftrag der Bauabteilung der DFB unterhält er die Wanderwege im Tal der Furkareuss, von den DFB-Bahnhöfen bis hinauf zur Passstrasse. «Gute, sichere Wanderwege locken auch mehr Gäste für die Bahn an», sagt Stadelmann. Seine «Schwäche» für Dampfbahnen hat er vor vielen Jahren in England entdeckt. «Dort haben mehrere Generationen für den Erhalt einer ganzen Strecke gekämpft.» Mit Erfolg: Stadelmann gerät ins Schwärmen, wenn er von diesem «faszinierenden lebenden Museum» in England erzählt.

Auch eine soziale Komponente

Nach seinem Rücktritt aus dem Regierungsrat habe ihn der «Furkavirus» so richtig gepackt, zuerst als Mitarbeiter im Schiebedienst, danach im Unterhalt der Wanderwege. «Auch wenn es unter den Bahnfreaks zum Teil doch recht ‹eigene› Leute gibt, so schätze ich halt doch in erster Linie die sehr gute Kameradschaft und die interessanten Begegnungen, die mir hier ermöglicht werden.» Die Mentalität dieser Leute sei einfach anders: «Den DFB-Freunden geht es nicht um den ökonomischen Erfolg, das kann es natürlich auch nicht. Aber hier sind sehr viel Enthusiasmus und Engagement im Spiel. Das bringt dem Urner Tourismus einiges», betont Stadelmann. «Oder brächte zumindest», korrigiert er kurzerhand. «Nicht alle verstehen es, sich eine Scheibe davon abzuschneiden.» Was Stadelmann nicht explizit sagt, aber durchblicken lässt: Das Warten auf das touristische Manna ist definitiv die falsche Taktik. Ohne eigenes Engagement der Tourismusbranche läuft nichts. Spricht Stadelmann von seinen Einsätzen bei der DFB, hebt er aber speziell auch die soziale Komponente hervor: «Ich habe erlebt, wie bei der DFB vielen Leuten, die sonst ‹abgestürzt› wären, eine Heimat geboten werden konnte. Das ist echte Einglie­derungsarbeit», betont der ehemalige Urner Baudirektor.

Fachleute helfen mit

In diesem Sommer arbeitet Stadelmann rund vierzig Tage für die DFB. Im Vordergrund steht das Beheben von Winterschäden am Wanderweg zwischen dem Bahnhof Furka und dem Hotel Furkablick. «Ein weiteres Ziel ist es, den Wanderweg vom Hotel Tiefenbach hinunter zum DFB-Bahnhof ­Tiefenbach neu anzulegen – als Serpentinenweg.» Schliesslich will er mit den Asylbewerbern die Trockenmauern beim «Steinsäumli» erneuern. «Dazu benötigen wir allerdings die Hilfe von Fachleuten», sagt Stadelmann.

Sicherheit steht über allem

Was Stadelmann an diesem Mittwochmorgen mehrmals betont: «Wenn ich mit den Asylbewerbern arbeite, dann geht die Sicherheit über alles.» Seine Devise lautet: «Ich tue alles, was möglich ist, es muss aber zumutbar und vertretbar sein.» Ein paar Grundsätze: die richtigen Leute am richtigen Ort einsetzen («man merkt bald einmal, wer sich für was eignet oder eben nicht»), genau erklären, wie man sich im Notfall verhalten muss («die Rettungsorganisationen müssen schnell alarmiert werden können»), die Arbeitsabläufe möglichst genau erklären («damit jeder begreift, was wozu gut ist»). Und selbstverständlich seien auch einige «externe Faktoren respektive Voraussetzungen» zu beachten: gutes Schuhwerk und Handschuhe tragen, den Helm oder die Schutzbrille aufsetzen, wo es Sinn macht. «Bisher ist alles gut gegangen», freut sich Stadelmann. «Aber ‹Holz aläängä›!»

Streng sei es hier – und kalt, sind sich John und Omar in der Mittagspause einig. Die Unterkunft in der Schweig sei «good for recreation», so der Nigerianer. «Aber draussen sieht man nur Felsen, nichts als Felsen und nochmals Felsen.» Er vermisse das Internet, das ihm Kontakte mit seinen Angehörigen ermögliche. Nur schlafen, warten und nichts tun, davon hat auch Omar inzwischen mehr als genug. «Ich würde gerne arbeiten, hätte gerne mehr Kontakt zu Schweizern. Ich möchte ihre Kultur kennen lernen», sagt er.

Zürich, Bern und Basel locken

Am Wochenende verreisen sie deshalb allesamt. Mit der Bahn geht es dann nach Zürich, Basel, Bern oder Lausanne. «Einmal unter anderen Leuten sein», begründen sie den Abstecher. Auch am Mittwoch fahren die «Wegbauer» mit der Bahn. Als Belohnung geht es mit der Dampfbahn zurück nach Realp. Dort warten allerdings nicht andere Leute, sondern wieder die Leidensgenossen in der Unterkunft Schweig – fernab der Familie, Heimat und Zivilisation.

Hinweis

* Namen von der Redaktion geändert.