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Replik – Duplik: Ja was denn nun?!

Aus dem Alltag einer Gerichtsreporterin
Carmen Epp, Redaktorin
Carmen Epp, Redaktorin. (Bild: Urner Zeitung)

Carmen Epp, Redaktorin. (Bild: Urner Zeitung)

Ich erinnere mich noch gut an den Tag im März 2012, an dem ich zum ersten Mal als Journalistin im Gericht sass. Nicht, weil ich selber gegen ein Gesetz verstossen hätte – so weit kam es bisher glücklicherweise noch nie. Ich begleitete einen erfahrenen Kollegen, um jene journalistische Disziplin zu lernen, die mir inzwischen mitunter die liebste ist: die Gerichtsberichterstattung.

Da sassen wir also, in der hintersten Reihe des Gerichtssaals im Zierihaus in Altdorf, den Klapptisch zurechtgerückt, Schreibblock bereit, den Kugelschreiber gezückt. Den Ablauf hatte mir mein Kollege vorgängig geschildert: Zuerst wird der Angeklagte vor dem Gericht befragt. Dann hält die Verteidigung ihr Plädoyer, gefolgt vom Plädoyer der Staatsanwaltschaft. Daraufhin haben beide Parteien die Gelegenheit, auf die Plädoyers der Gegen­seite zu reagieren, die erste Antwort nennt sich Replik, die zweite Duplik. Und am Schluss hat, wie man es aus dem Fern­sehen kennt, der oder die Beschuldigte das letzte Wort.

So viel zur Theorie. Die Praxis erwies sich dann als weitaus komplexer. Einem Ehepaar wurde vorgeworfen, in ihrem Haus Gäste bewirtet zu haben, obwohl ihnen die Be­willigung dazu fehlte. Bei der Befragung durch den Richter beteuerten beide ihre Unschuld. Sie hätten lediglich ein paar Wanderern etwas zu trinken gegeben, sagte die Ehefrau. Wenn jemand Geld dafür gegeben habe, sei dies stets freiwillig geschehen. Dass sie gegen das Gastwirtschafts­gesetz und das Bundesgesetz gegen den unlauteren Wettbewerb verstossen haben sollen, sei «absolut absurd», sagte der Mann.

Dasselbe sagte dann auch der Verteidiger.Er führte Argument um Argument auf, die für die Unschuld seiner Mandanten sprachen, und verwies auf Zeugen, die das in ihrer Befragung bestätigten. Je länger sein Plädoyer dauerte, desto deutlicher wuchs in mir die Überzeugung: Die beiden sind unschuldig.

Zu diesem Zeitpunkt ahnte ich noch nicht, dass das nicht lange währen würde. Nach dem Plädoyer der Staatsanwältin zeigte sich die Sache in einem neuen Licht. Sie widerlegte die Argumente des Verteidigers und verwies auf handfeste Hinweise auf einen Gastwirtschaftsbetrieb wie ein «Eichhof»-Schild, einen Flyer im Internet und einen Vertrag mit Getränkelieferanten. Der Verteidiger stritt weiter ab, die Staatsanwältin verwies auf weitere Beweise, und das Ehepaar zeigte sich bei ihrem letzten Wort weiterhin keiner Schuld bewusst.

Wie gerne würde ich mein Gesicht sehen,mit dem ich meinen Kollegen beim Ver­lassen des Gerichtsgebäudes damals angeschaut haben muss – wohl eine Mischung aus Verblüffung, Ernüchterung und «Ja was denn nun!?» War ich bis dahin bei Terminen, die ich als Journalistin besuchte, hinterher meist schlauer, wusste ich nach dieser Verhandlung im März 2012 schlichtweg nicht mehr, wo mir der Kopf stand.

Seither habe ich als Journalistin schon manche Gerichtsverhandlung besucht, dort brutale, tragische, teilweise aber auch komische Geschichten gehört, über Prozesse und Urteile des Land- und Obergerichts berichtet und das eine oder andere Bundesgerichtsurteil in die Zeitungsspalten gebracht. Mein Interesse für die Gerichtsberichterstattung ging gar so weit, dass ich mir im Sommer 2013 zwei Wochen Ferien nahm, um die 16 Bundesordner zum Fall Walker zu studieren.

Doch obwohl ich inzwischen weiss, wie eine Verhandlung abläuft und wie weit die behaupteten Tatversionen bisweilen auseinanderliegen können, so ist das Gefühl von damals geblieben. Noch immer fühle ich mich hin und her gerissen, wenn ich der Anklage und der Verteidigung zuhöre. Und noch immer bin ich froh, dass ich nur berichten und das «Ja was denn nun?!» zwischen den Zeilen stehen lassen kann. Im Gegensatz zu den Richtern. Sie müssen die Frage beantworten. Und dabei Urteile fällen, die manchmal nur das Portemonnaie, bisweilen aber auch das ganze Leben einer Person beeinflussen können.

So auch im aktuellen Fall, dem Tötungsdelikt in der «Mühle»,der am Mittwoch vor dem Obergericht verhandelt wurde. Der Staatsanwalt plädiert auf Mord, der Verteidiger auf vorsätzliche Tötung. Mit der Berichterstattung über die Berufungsverhandlung von gestern habe ich meine liebste Arbeit getan – und beneide die Richter nicht um ihre.

Carmen Epp, Redaktorin

carmen.epp@urnerzeitung.ch

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