Reportage
Mit Stirnlampe und «Fiddlirutscher»: Ein Schulweg für unerschrockene Bürgler

Tag für Tag steigen Louis, Wendy und Dario Marti 600 Meter vom Bauernhof im «Waldli» ob Bürglen ins Tal hinab – und abends wieder zurück. Ein beschwerlicher, aber abenteuerlicher Schulweg für die Geschwister.

Stefan Müller
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Jäh bricht das fröhliche Lachen der Kinder ab. Ein dumpfes Grollen schwellt an, der Boden zittert. Die Kinder recken sofort die Köpfe zur Quelle des unheimlichen Geräusches. Ein paar Meter oberhalb von ihnen hat sich ein Schneebrett gelöst und donnert in die Tiefe. Den kleinen Louis erfasst es an den Füssen und schleift ihn ein paar Meter mit. Nach ein paar Sekunden endet der Spuk. Louis hat Glück. Er ist nur etwas benommen. Die beiden grösseren Geschwister Dario und Wendy buddeln ihn rasch aus den Schneemassen – Louis lächelt zaghaft. Und schon hocken alle wieder auf ihren «Fiddlirutschern» und die rasante Talfahrt geht unbeirrt vergnügt weiter.

Am schnellsten geht's in der direkten Falllinie den Berg hinunter: Die Marti-Kinder bei ihrer winterlichen Talfahrt. Ein Nachbarskind ist dazugestossen.

Am schnellsten geht's in der direkten Falllinie den Berg hinunter: Die Marti-Kinder bei ihrer winterlichen Talfahrt. Ein Nachbarskind ist dazugestossen.

Bild: Christoph Ruckstuhl/NZZ (Bürglen, 18. Dezember 2020)

Langweilig wird es den drei Geschwistern Louis (5), Wendy (7) und Dario Marti (9) auf dem über zwei Kilometer langen Schulweg nie. Doch so abenteuerlich wie heute ist der einstündige Schulweg nicht immer, von hoch oben von ihrem Bauernhof auf über 1200 Metern steil hinab zur Talgemeinde Bürglen. «Das habe ich noch nie erlebt», gibt sogar Dario zu, der Fünftklässler, den wenig aus der Ruhe zu bringen scheint. Viel Abwechslung bietet der Schulweg aber auch so. Es gibt viele «coole» Themen, die die Kinder unter sich besprechen können, einmal ohne Erwachsene. Im Sommer verlocken leckere Beeren am Wegrand, im Herbst lässt sich lustig im Laub herumtollen. Rehe, Füchse oder Eichhörnchen trifft man das ganze Jahr. «Einmal stob ein ganzes Hirschrudel direkt an unserem Haus vorbei», entsinnt sich Dario. Am lustigsten aber ist es im Winter, wenn es Schnee hat. Doch der lässt sich im Reusstal immer seltener blicken. Zu oft bläst der Föhn die engen Talschluchten hinunter.

Über Whatsapp-Chat mit Nachbarshöfen im Austausch

Eine halbe Stunde vorher sitzen Kinder und Eltern noch gemütlich am Frühstückstisch. «Wenn man hier oben lebt, macht man sich nicht ständig Gedanken. Das ist Alltag», antwortet die Mutter Verena Marti auf die Frage, ob sie sich nie wegen des Schulweges sorgen. Die 42-Jährige bewirtschaftet zusammen mit ihrem Mann den zehn Hektaren grossen Bauernhof im «Waldi» oben. Wenn es aber beispielsweise Anfang Winter viel Schnee aufs Mal gebe, müsse man schon vorsichtig sein. Da würden die Kinder etwa mit ihrem Mann oder einem Nachbar mit dem Auto hinunterfahren. Ein Whatsapp-Chat hilft überdies den Schulweg mit den anderen Kindern der Nachbarshöfe zu koordinieren. «Bei ganz schwieriger Witterung organisieren wir einen Taxidienst», sagt Verena Marti und giesst den Gästen dampfenden Kaffee in ihre Kacheln, bevor die Mutter um 7 Uhr zum Aufbruch mahnt.

Dick eingepackt machen sich Louis (von links), Wendy und Dario Marti auf den Weg. Die Mutter Verena Marti schaut, dass alles sitzt.

Dick eingepackt machen sich Louis (von links), Wendy und Dario Marti auf den Weg. Die Mutter Verena Marti schaut, dass alles sitzt.

Bild: Christoph Ruckstuhl/ NZZ (Bürglen, 18. Dezember 2020)

Den Auftakt machen immer die Kinder der Familie Marti, weil sie am höchsten wohnen. Auch an jenem Freitag, an einem kalten Dezembermorgen. Die drei Kinder treten aus der warmen Bauernstube hinaus in die klirrende Kälte, dick eingemummelt, mit Stirnlampen und Plastikrutschern ausgerüstet. Über ihnen ein klarer Sternenhimmel, der fast einen Meter hohe Schnee schimmert blass, am Horizont erheben sich schwarze Felszacken in das zarte Morgengrauen. Man hört das Knirschen des Schnees unter den Gummistiefeln, die Reflektoren an Jacken und Hosen leuchten gespenstisch. Nicht für die Kinder, die munter plappernd die Hofeinfahrt hinausmarschieren. Als sie das gepflügte Bergsträsschen erreicht haben, schliesst sich den Martis bereits der erste Nachbarsjunge an. Jetzt hüpfen sie einer nach dem anderen auf ihren Plastikrutschern – und los geht's. Nicht den Serpentinen der Strasse entlang, sondern den kürzesten Weg, gerade hinunter. Die Kinder quietschen vor Freude.

Jedes zehnte Kind in Bürglen hat mehr als eine Stunde zur Schule

Jedes zehnte Schulkind hat in der Gemeinde Bürglen, das knapp 4000 Einwohner zählt, einen Schulweg von mehr als einer Stunde pro Tag. Das überrascht nicht, denn die Hälfte der weitläufigen Gemeinde besteht aus Alpgebieten. Die Meisten gehen zu Fuss zur Schule, zum Teil auch mit Bergbahnen oder dem Postauto. «Damit möglichst viele Kinder zu Hause mittagessen können, bietet die Gemeinde zu Mittag einen Schulbus an», erklärt Schulleiter Jürg Janett. Für diejenigen, die sehr abgelegen wohnen, gibt es einen grossen Mittagstisch, den auch die Kinder der Familie Marti nutzen.

Der Schulleiter schüttelt nur den Kopf über die Frage, ob solch lange Schulwege zumutbar seien. «Die Eltern in unserer Gemeinde sind sehr pragmatisch», befindet er, zudem seien die Schulwege grösstenteils sicher. Allerdings könne es Probleme geben bei viel Neuschnee oder starkem Föhnsturm. Da würden etwa die Seilbahnen nicht fahren. Manchmal kämen auch die Kinder wegen grosser Schneemengen verspätet oder gar nicht zur Schule. Wenn die Seilbahnen ihren Dienst einstellen, sind auch die Marti-Kinder betroffen, weil sie auf dem Heimweg ebenfalls eine Seilbahn nehmen, die ungefähr einen Kilometer talaufwärts sich in die Höhe des «Waldi»-Hofs hinaufschwingt.

600 Meter talwärts den Hang hinunter: für die Schulkinder ein Riesengaudi.

600 Meter talwärts den Hang hinunter: für die Schulkinder ein Riesengaudi.

Bild: Christoph Ruckstuhl/ NZZ (Bürglen, 18. Dezember 2020)

«Jetzt kommt das Loch und danach der ‹Jump›»

Inzwischen hat die Kinderschar die Hälfte des Schulwegs und den Schrecken mit dem Schneebrett hinter sich. Sie sind nun bereits zu sechst. Unten im Tal funkelt in der Morgendämmerung das Lichtermeer von Bürglen und Altdorf. Wendy ist ganz aufgeregt: «Jetzt kommt das Loch und danach der ‹Jump›», freut sie sich und springt auf den Rutscher. Und tatsächlich nach ein paar Metern macht es «plumps», und sie landet sanft in einem Schneeloch. Sie lacht fröhlich und fährt gleich weiter. Kurz danach fliegt sie über eine Mauer direkt auf die Fahrbahn – ein Riesengaudi! Mit den Rutschern kommen die Kinder natürlich schneller vorwärts, ohne Schnee dauert der Schulweg länger. «Dennoch kommen die Kinder kaum je zu spät in die Schule», stellt Verena Marti fest. Die Grossen passten auf die Kleinen auf. Nur wenige Male, erinnert sie sich schmunzelnd, als Dario noch im Kindergarten war, passierte es. Er habe eben «Tierli» zugeschaut.

Ein Nebeneffekt des langen Schulwegs ist, dass die Kinder eine gute Kondition haben. Das beobachten die Eltern immer, wenn sie sommers «Zberg» gehen. «Da rennen sie uns um die Ohren», entrüstet sich Verena Marti gespielt. Und in der Schule gehörten sie stets zu den Schnellsten. Dennoch gibt es Momente, wo sie es lieber bequemer hätten. So frage Wendy gelegentlich, ob sie nicht mit dem Auto «mitreiten» dürfe.

Rund um den Hof einen idealen Abenteuerspielplatz

Die Eltern erwarten nicht, dass die Kinder auf dem Hof viel mithelfen. «Priorität hat die Schule», betont Verena Marti. Einzig beim Heuen während der Sommerferien zählt jede Hand, die zupackt. Es bleibt jedoch neben Schule und Hof genügend Zeit zum Spielen. «Wir haben rund um den Hof einen idealen Abenteuerspielplatz – ein riesiger Wald», lacht die Bauersfrau.

Die Kinder stehen jetzt vor dem «Hexenwäldchen». Sie klemmen die Rutscher unter die Arme. Der schmale Waldpfad durch den hohen Schnee führt über knorrige Wurzeln und Löcher, bis zu einem steilen Bord hinunter auf die vereiste Strasse. Hier kommen die Rutschen wieder zum Einsatz. Plötzlich ruft der kleine Louis: «Mein Rutscher ist kaputt», und er hält die zwei Plastikhälften verständnislos in die Luft. Das macht allerdings nichts, denn das Schulhaus unten im Dorf ist bereits in Sicht. Der Talboden ist erreicht. Die Schulglocke schrillt, Punkt 8 Uhr. Louis, Wendy und Dario Marti sowie die fünf weiteren «Bergkinder» stehen vor dem Schulhaus. Zusammen mit vielen anderen Schulkindern stürmen sie jetzt ins Gebäude. Erfüllt von vielen Erlebnissen eines abwechslungsreichen Schulweges.

Geschafft: Pünktlich auf das Schrillen der Schulglocke ist das Ziel nach einem abenteuerlichen Ritt erreicht.

Geschafft: Pünktlich auf das Schrillen der Schulglocke ist das Ziel nach einem abenteuerlichen Ritt erreicht.

Bild: Christoph Ruckstuhl/ NZZ (Bürglen, 18. Dezember 2020)

Ein zumutbarer Schulweg

(mü) Nach wie vor gehen in der Schweiz fast drei Viertel der 6- bis 12-Jährigen zu Fuss zur Schule. Mehr als ein Drittel von ihnen hat einen Schulweg von mehr als einem Kilometer, also etwa eine halbe Stunde oder länger. Über die Beschwerlichkeit der Schulwege gibt es hingegen keine Erhebungen. Einzig, was sich sagen lässt, dass die Zahl der langen Wege, die die Schulkinder pro Tag zurücklegen, in den letzten Jahren abgenommen hat. «Das hat mit der Schaffung von Tagesschulen und Tagesbetreuungen zu tun und der damit verbundenen Zentralisierung», sagt Pascal Regli vom Fachverband «Fussverkehr». In kleineren und mittleren Gemeinden mit nur einem Schulhaus führe das teilweise zu längeren und gefährlichen Schulwegen. Die Gemeinden reagierten darauf einerseits mit baulichen Massnahmen und Geschwindigkeitsreduktionen. Anderseits macht die Einführung von Schulbussen, Lotsen-Diensten zur Querung von Strassen oder Pedibussen, ein «Bus auf Füssen», die Schulwege sicherer. Oder die Eltern steigen auf das «Elterntaxi» um.

Was ein idealer Schulweg ist, beschäftigen Eltern und Behörden seit jeher – und immer wieder auch die Gerichte. Was zumutbar ist, hängt stark vom Alter und Reife des Kindes ab, von der Länge des Schulweges und dessen Gefährlichkeit. Gemäss der aktuellen Gerichtspraxis kann einem vierjährigen Kindergärtler in der Regel maximal ein 1,5 Kilometer langer Schulweg auf einer verkehrsarmen, mit einem Trottoir gesicherten Strasse zugemutet werden. Doch im internationalen Vergleich sind unsere Schulwege nach wie vor geradezu harmlos. Der Dokumentarfilm «Auf dem Weg zur Schule», der vor ein paar Jahren in den Schweizer Kinos lief, illustriert anschaulich, was Kinder auf den verschiedenen Kontinenten in Kauf nehmen, um in die Schule zu kommen. So müssen sich beispielsweise Kinder in Kenia auf ihrem mehrstündigen Schulweg vor gefährlichen Raubtieren in Acht nehmen. In Marokko oder Patagonien kämpfen sie sich zu Fuss oder zu Pferd stundenlang durch schroffe, unzugängliche Berggebiete.

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