RETTUNG: «Jeder Einsatz geht uns nahe»

Wer im längsten Tunnel des Landes in Not gerät, dem kommt Dominik Reinhard (37) zu Hilfe. Der Berufsfeuerwehrmann über verantwortungslose Autofahrer, die Genugtuung beim Retten und sein Hobby, das Malen.

Interview Annette Wirthlin
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«Stau bringt immer Risiken mit sich»: Dominik Reinhard von der Schadenwehr Gotthard in der 13 Kilo schweren Brandschutzausrüstung. (Bild Nadia Schärli)

«Stau bringt immer Risiken mit sich»: Dominik Reinhard von der Schadenwehr Gotthard in der 13 Kilo schweren Brandschutzausrüstung. (Bild Nadia Schärli)

Interview Annette Wirthlin

Waren Sie auch in den Sommerferien?

Dominik Reinhard: Ja, ich war im Dachsteingebirge am Wandern, wo ich die Gelegenheit hatte, Dreharbeiten zur TV-Serie «Die Bergretter» mitzuerleben, von der ich ein grosser Fan bin. Und zum Abschluss war ich noch in Hannover an der weltgrössten Feuerwehrmesse. Meine Ferien waren aber schon im Juni, damit ich zurück war, als der grosse Sommerferienverkehr am Gotthard anfing.

Dieses Wochenende kommt am Gotthard der grosse Ferienendverkehr. Was heisst das für Sie als Mitarbeiter der Schadenwehr Gotthard?

Reinhard: Mittlerweile verteilt sich der Rückreiseverkehr eigentlich gut auf zwei bis drei Wochen. Wir hatten schon vor 14 Tagen grosse Rückstaus von Süden her.

Bedeutet Stau auch mehr Gefahr und somit mehr Arbeit für Sie?

Reinhard: Ideal ist beim Gotthard, wenn der Verkehr fliesst, dann haben wir weniger zu tun. Stau bringt immer Risiken mit sich, sei es, weil sich Menschen auf der Fahrbahn aufhalten, oder weil so leichter Auffahrunfälle passieren.

Da sitzen also 365 Tage rund um die Uhr je vier Feuerwehrleute an beiden Enden des Tunnels und warten darauf, Einsätze zu leisten. Und wenn nichts passiert, haben Sie einen langweiligen Arbeitstag.

Reinhard: Nein, ein Warten ist es sicher nicht. Wir sind ja keine Rambos, die süchtig auf Action sind. Wir sind Retter, und jeder Einsatz geht uns nahe. Wir haben pro Jahr 100 bis 150 Einsätze bei Bränden oder Verkehrsunfällen und 300 Abschleppeinsätze. Es gibt Tage, an denen nichts passiert, an anderen müssen wir dafür gleich dreimal ausrücken. Langweilig wird uns nie. Es ist immer eine gewisse Grundspannung da, weil es jede Sekunde «bimbele» könnte. Man weiss nie, was einen erwartet. Das gefällt mir an diesem Beruf.

Was tun Sie den lieben langen Tag, wenn keine Notfälle passieren?

Reinhard: Wir bringen das Feuerwehrmaterial von Einsätzen zum Stützpunkt zurück, reinigen und ordnen es, sodass wir jederzeit wieder einsatzbereit sind. Ähnliche Arbeiten verrichten wir auch immer wieder an Armeematerial, da wir ja der Armee angehören. In jeder Schicht absolvieren wir zudem in einem Vor­tunnel oder im Freien eine realistische, zirka zweistündige Einsatzübung, sei es eine Brandbekämpfung oder eine Strassenrettung. Wir sind nur je vier Leute, da muss jeder Handgriff sitzen. Auch müssen wir uns sportlich fit halten.

Wie, Sie gehen während der Arbeitszeit «ins Fitness»?

Reinhard: Ja, das gehört zum Beruf dazu. Wir haben einen eigenen Fitnessraum im Werkhof Göschenen, wo wir zwei bis vier Stunden pro Woche während der Arbeitszeit trainieren. Und man sollte sich zusätzlich auch in der Freizeit sportlich betätigen, denn unser Job ist eine Belastung für den Körper.

Inwiefern?

Reinhard: Bei einer Brandlöschung schleppe ich ein 20 Kilo schweres Atemschutzgerät mit zwei Sauerstoffflaschen auf meinem Rücken herum. Dazu kommen Brandschutzkleider inklusive Helm, 13 Kilo, und allerlei Material wie Schläuche oder eine Wärmebildkamera, mit der ich im Rauch Personen suchen kann, die sich in der Panik irgendwo versteckt haben. Und das alles bei teils extremer Hitze ...

Wie warm ist es im Tunnel?

Reinhard: Im Sommer kann es gut 40 Grad heiss sein. Und ein Brand jagt die Temperatur natürlich gleich nochmals nach oben. Da kommt man schnell an die körperlichen Grenzen.

Sie wollen sagen, die Sauna haben Sie nicht mehr nötig?

Reinhard: Allerdings, Sauna kommt bei mir nicht in Frage! (lacht)

Ihre Arbeitseinsätze dauern jeweils von 7 Uhr bis 7 Uhr des Folgetages. Heisst das, Sie schlafen auch am Arbeitsort?

Reinhard: Im Gotthard geht es nachts normalerweise zum Glück ruhig zu und her. Ja, wir haben im Werkhof durchaus Nachtruhe, wir müssen einfach innert zwei Minuten ausrücken können, wenn der Alarm losgeht.

Schlafen Sie etwa voll angezogen?

Reinhard: Nein, aber man muss sich die Hose und die Feuerwehrstiefel schon so hinlegen, dass man sie im Notfall sofort anhat. Da hat jeder seine eigene Taktik. (lacht)

Der Gotthard-Strassentunnel ist mit 16,9 Kilometern Länge der dritt­längste Strassentunnel der Welt. Unterschätzen die Menschen etwas die Gefahren, die da lauern?

Reinhard: Wenn ich morgens auf der Raststätte meinen Kaffee trinke, frage ich mich das teilweise auch. Manche Leute haben Velos, Koffer, ja sogar Stühle einfach mit einem Seil aufs Auto gebunden und den Kofferraum bis zum Deckel vollgestopft. Die Kinder sitzen anstatt im Kindersitz auf Pampers-Packungen, den Kopf direkt unter dem Autodach. Da will man nicht daran denken, was bei einer Vollbremsung passieren würde. Auch im Zusammenhang mit Lastwagen erlebt man viele haarsträubende Dinge: halb platte Pneus oder kaum Vorrat an Kühlerwasser etwa. Gerade bei der Hitze im Tunnel wird ein Fahrzeug noch viel eher ausser Gefecht gesetzt.

Was sollte man besonders beachten beim Durchfahren eines langen Tunnels?

Reinhard: Viele Pannen im Tunnel könnte man sicher verhindern, wenn man vor der Durchfahrt etwas die Augen und Ohren offen halten würde, ob mit dem Auto wirklich alles in Ordnung ist. Zu oft denkt man: «Da ist so ein komisches Geräusch, also möglichst schnell durchs ‹Loch› auf die andere Seite.» Meine simplen Tipps lauten, erstens: genug Benzin tanken. Ja, Sie lachen jetzt, aber es passiert immer wieder, dass den Autos mitten im Tunnel das Benzin ausgeht. Zweitens: Fahren Sie nicht unausgeruht durch einen Tunnel. Die mangelnde Frischluft und der Röhrenblick sind grosse Einschlafrisiken. Drittens: Hände weg vom Radio oder dem Handy. In einem Tunnel mit Gegenverkehr ist man innert Sekundenbruchteilen auf der falschen Fahrbahn. Viertens: Abstand halten. Darauf wird im Tunnel per Radio auch ständig aufmerksam gemacht.

Seit dem verheerenden Brand mit elf Toten im Jahr 2001 ist die Zahl der Unfälle laut Statistik drastisch zurückgegangen. Woran liegt das?

Reinhard: Der Tunnel wurde mit einem Tropfensystem ausgerüstet, das die Lastwagen mittels Ampeln zwingt, mit 150 Me­tern Abstand zueinander in den Tunnel einzufahren. Wenn ein Lastwagen brennt, kann ein zweiter Lastwagen bei weniger als 100 Metern Abstand allein aufgrund der Hitzeentstehung, ohne dass Flammen übergreifen, ebenfalls in Brand ge­raten. Man hat zudem Überwachungskameras im ganzen Tunnel angebracht. Und es wurde eine Schwerverkehrskontrolle eingeführt, dank der jeder Lastwagen angehalten und kontrolliert wird, bevor er weiterfahren kann. Das erspart uns nachher einige Rettungs­einsätze.

In der Freizeit sind Sie auch noch bei der Ortsfeuerwehr und in der Bergrettung tätig. Haben Sie ein Helfer-Syndrom?

Reinhard: (studiert lange) Ja, vielleicht schon. Ich helfe anderen Menschen wirklich sehr gerne, wenn zum Beispiel ein Nachbar Hilfe braucht im Garten oder auf dem Bauernhof. Als Berufsfeuerwehrmann ist ja Helfen mein Beruf. Logisch, wird man da gerne auch in der Ortsfeuerwehr gesehen. Ich bin ja selber vielleicht auch einmal froh, wenn es bei mir einmal brennen sollte. Ich habe ein selbst gebautes Haus.

Selbst gebaut?

Reinhard: Ja. Gleich nach der Zimmermannslehre habe ich gemeinsam mit meinem Bruder ein Doppel-Einfamilienhaus nach unseren eigenen Vorstellungen gebaut. Ein Architekt hat unsere Handzeichnungen umgesetzt. Wir verbrachten unsere ganze Freizeit auf der Baustelle und machten, was irgendwie möglich war, selbst. Darauf bin ich bis heute stolz.

Zurück zum Helfen. Was gibt Ihnen die Tätigkeit als Bergretter?

Reinhard: In den Bergen kann ich sehr gut runterfahren. Ich liebe es, in der Natur und an der frischen Luft zu sein, denn bei der Schadenwehr Gotthard sind wir ja oft im «Loch» drin. Es ist für mich Erholung und Genugtuung zugleich, auch wenn es darum geht, einen Verletzten oder im schlimmsten Fall einen Toten zu bergen.

Man würde denken, es sei eher eine Belastung ...

Reinhard: Im Jahr 2013 haben wir in den Bergen mehr Tote geborgen als Verletzte. Das ging tatsächlich sehr nahe. Aber so ist das Leben. Ich mache mich immer aufs Schlimmste gefasst, wenn die Meldung reinkommt. Man bereitet sich auf dem Weg zur Unfallstelle mental vor. Und bevor wir nach Hause gehen, besprechen wir alle unsere Einsätze immer noch im Team, denn sonst würde man das Belas­tende mit nach Hause tragen. Nie vergessen werde ich jedoch den F/A-18-Absturz am Lopper vor zwei Jahren, da war ich noch als Betriebsfeuerwehrmann der Luftwaffe im Einsatz. Das war sehr heftig, denn ich kannte den Piloten.

Können Sie von Natur aus gut ruhig Blut bewahren?

Reinhard: Früher war ich zwar vor Einsätzen schon noch etwas nervös. Aber bei der Berufsfeuerwehr habe ich gelernt, damit umzugehen. Wir arbeiten schnell, aber ruhig, auch auf der Fahrt zum Einsatzort gibt es keine Hektik, man bespricht, was uns dort erwarten könnte. Unser Motto ist: «Langsam, es pressiert.» Diese Ruhe habe ich mit der Routine bekommen und auch ins Private mitgenommen. Was will ich mich beispielsweise aufregen, wenn ich im Restaurant dreimal die Bedienung rufen muss?

Sie regen sich wirklich nie auf?

Reinhard: Doch, schon. Wenn ich etwa bei meinem Hobby, beim Malen, etwas verpatze, fluche ich schon mal ein bisschen herum. Aber ich glaube nicht, dass das bis zu den Nachbarn durchdringt. (lacht) Dann geht es halt darum, eine Lösung B zu suchen.

Sie malen?

Reinhard: Ja, ich fertige in meiner Freizeit Babytafeln an. Das begann durch Zufall, als ein befreundetes Paar ein Kind erwartete. Da ich als gelernter Zimmermann gerne mit Holz arbeite, fand ich: Wieso mache ich die Tafel für meine Freunde nicht selbst? Und so sprach sich das zuerst im Freundeskreis und dann immer weiter herum, sodass ich heute in der Woche zwischen 2 und 6 Tafeln verkaufen kann. Ein schönes Sackgeld. Es werden zum Glück immer neue Babys geboren. (lacht) Jetzt habe ich den Auftrag bekommen, als Sujet eine Parkscheibe zu machen. Keine Ahnung wieso, womöglich entstand das Kind auf einem Parkplatz?

Babytafeln – ein sehr gegensätzliches Hobby zu Ihrer «zähen» Arbeit im Tunnel.

Reinhard: Für mich ist das die beste Erholung. Lustigerweise glaubt mir auch niemand – vor allem keine Frau –, dass ich die Tafeln wirklich selbst bemale. Irgendwie traut man mir nicht zu, dass ich schön malen kann. (lacht)

Ist die Tafel fürs eigene potenzielle Kind schon vorskizziert?

Reinhard: Nein, das noch nicht. Aber ich habe eine Vorstellung davon, was ich mir zur Geburt eines Kindes als Motiv von meinen Freunden wünschen würde.

Was wäre das?

Reinhard: Natürlich ein Feuerwehrmann – oder, wenn es ein Mädchen wäre, eine Feuerwehrfrau.

Was Sie bereits haben, ist Hund Athos. Das ist aber kein gewöhnlicher Hund ...

Reinhard: Nein, es ist ein pensionierter Diensthund, ein belgischer Malinois. Meine damalige Stelle als Betriebswächter bei der Luftwaffe Emmen bekam ich mit der Bedingung, einen Hund zu fassen bei der Armee. In Bern wurde mir ein Hund zugewiesen, der vom Typ her zu mir passen sollte. Er hat eine super Ausbildung im Schutzdienst genossen, etwa in der Gebäudedurchsuchung. Er war mein Partner, ich arbeitete tagtäglich mit ihm. Mittlerweile ist er zehnjährig und pensioniert. Da ich mich beruflich verändert habe, habe ich ihn aber immer noch zu Hause. In der Freizeit ist er immer mit dabei, sei es in den Bergen oder auf dem Campingplatz. Bei den Bergrettungen leider nicht, da er schon zu alt war, als ich mit ihm die Ausbildung anfangen wollte.

Sie gehen oft campen?

Reinhard: Ich habe einen festen Platz auf einem Campingplatz im Thurgau. Da kann ich so richtig die Seele baumeln lassen. Das Einzige, was ich dort mit Brand­löschen zu tun habe, ist das Appenzeller Bier mit dem Namen «Brandlöscher», das ich dort im Liegestuhl trinke.

Retter in der Not

Der Feuerwehrmann Dominik Reinhard (37) arbeitet bei der Schadenwehr Gotthard, die als selbstständige Berufsfeuerwehr im Auftrag des Bundesamtes für Strassen (Astra) den Strassentunnel betreut und der Armee angehört. Aufgewachsen in Melchtal bei Kerns (OW), liess er sich zuerst zum Zimmermann ausbilden. Kurz nach der Lehre wechselte er in die Sicherheitsbranche und erlangte später den eidg. Fachausweis Sicherheit und Bewachung. Er arbeitete etwa bei Securitas und als Hundeführer bei der Luftwaffe Emmen. In der Freizeit ist er in der Feuerwehr Kerns sowie als Bergretter bei Alpine Rettung Schweiz, Sektion Sarneraatal, tätig. Er wohnt im selbst gebauten Haus in Melchtal.