RÜCKTRITT: Karriere, die sich nicht kopieren lässt

Markus Stadler wurde als parteiloser Urner Vertreter nach Bern gewählt und kehrt nach fünf Jahren als Mitglied der Grünliberalen zurück. Eines hat sich für ihn nie verändert: «Ich bin nach wie vor nicht der Parteimensch.»

Florian Arnold
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Markus Stadler hat eine besondere Karriere. Im Bild: Markus Stadler als er 2011 in den Ständerat gewählt wurde. (Bild: Keystone/ Urs Flüeler)

Markus Stadler hat eine besondere Karriere. Im Bild: Markus Stadler als er 2011 in den Ständerat gewählt wurde. (Bild: Keystone/ Urs Flüeler)

Florian Arnold

Er wirkt aufgestellt und locker. Zum Interviewtermin erscheint er mit Lederjacke und dunkelblauen Jeans. Ob der schicke, aber legere Look für ihn zu einem gewöhnlichen Samstagnachmittag gehört oder ob er damit symbolisieren will, dass er genug hat von der biederen Politwelt?

Nach fünfeinhalb Jahren gibt Markus Stadler mit 67 den Rücktritt aus dem Ständerat. Ein Mann, der es geschafft hat? «Gute Frage», sagt er und überlegt lange. «Nicht, dass alles super gewesen wäre. Nicht, dass alles gelungen wäre. Aber in den grossen Zügen kann man es so stehen lassen.» Sicher habe er bei seiner Arbeit immer Engagement gezeigt. Doch zur politischen Karriere habe auch viel Glück und ein gutes Umfeld gehört. «Ohne diese Konstellation hätte ich als Parteiloser keine Chancen gehabt.»

Glückslos GLP

Seine Parteilosigkeit zieht sich durch die ganze Laufbahn. Auch wenn Stadler letztlich als Mitglied der Grünliberalen Partei (GLP) in Bern politisierte, sagt er: «Ich bin nach wie vor nicht der Parteimensch.» Ihm sei es wichtig, die Freiheit zu wahren. «Ich wollte immer ungebunden von engen Erwartungen sein.» Einzig die Urner Wähler wollte er immer berücksichtigen. Mit der GLP habe er ein Glückslos gezogen. «Mir kam die junge Partei entgegen. Denn sie muss sich nach wie vor finden. Mir war es immer wichtig, entscheiden zu können, ohne darauf achten zu müssen, wie es die Partei in der Vergangenheit gemacht hat.» Nach seinem Rücktritt will Stadler zwar GLP-Mitglied bleiben. «Ich tue dies aber mehr wegen der Verbundenheit mit den Menschen, die ich über die Partei kennen gelernt habe.»

Schon als junger Mann begann sich Stadler für Politik zu interessieren. Im Studium der Volkswirtschaft in St. Gallen befasste er sich mit der breiten Bevölkerung, deren Beschäftigung und der Umwelt. «Grenzen des Wachstums war ein Knüllerthema, das mich politisiert hat.» Doch selber in die Politik einzusteigen, war damals kein Thema. Der junge Urner liebäugelte mit einer akademischen Laufbahn und forschte längere Zeit in den USA. Auf Umwegen war er dann plötzlich wieder in Uri. Er begann, sich für die öffentliche Hand zu interessieren und übernahm das Amt des Staatskassiers.

Berater des Gegners

Aus dieser Position entwickelte Stadler das Interesse, die Seite zu wechseln, vom Regierungsberater zum Regierungsrat. 1988 entschloss er sich zur Kandidatur. Es reichte nicht, und so beriet er plötzlich seine Wahlkampfkonkurrenten. «Das war teilweise sehr unangenehm», erinnert er sich. Nach sechzehneinhalb Jahren machte er sich selbstständig. Und just in dem Moment, als er mit interessanten Mandaten, unter anderem für die Weltbank oder das Deza, beglückt wurde, kamen wieder Regierungsratswahlen. Ganze vier Vakanzen gab es zu besetzen. «Das Umfeld hat gestimmt, sodass ich mich nochmals meldete. Das war totales Risiko.» Aber das Interesse an der Tätigkeit sei stärker gewesen. Im zweiten Wahlgang klappte es – auch ohne Partei.

Nach zehn Jahren als Urner Regierungsrat (Gesundheits- und Finanzdirektor) wollte Stadler nach Bern. Die Geschichte ist bekannt: Er kandidierte, und ihm wurde in Aussicht gestellt, dass er parteilos der CVP-EVP-GLP-Fraktion beitreten könne. Eine Woche vor Amtsantritt erhielt Stadler die Nachricht, dass er der CVP beitreten müsse. «Das hat mich total verunsichert», so Stadler. «Ich wollte in die grosse Fraktion und in den Kommissionen mitarbeiten. Und auf der anderen Seite wollte ich nicht zu etwas gezwungen werden.» Schliesslich trat er der GLP bei.

Antworten bei nächstem Mal

Die Parteizugehörigkeit war aber nicht das Einzige, was eine grosse Umstellung bedeutete. Stadler spürte vor allem den Wechsel von der Regierung ins Parlament. «Als Exekutivmitglied geht man aus einer Sitzung hinaus, zieht ein Fazit und überlegt sich, wem man welche Aufgabe zuteilt. Als Legislativpolitiker stellt man am Schluss einer Kommissionssitzung Fragen, die dann beim nächsten Mal beantwortet werden.» Doch der Wechsel sei ihm rasch gelungen. Beide Aufgaben möchte er nicht missen.

Etwas gestossen hat sich Stadler an gewissen Ratskollegen. «Ich schätze Voten, bei denen man merkt, dass sie über das eigene Portemonnaie hinausgehen. Ich bin aber enttäuscht, wenn ich irgendwelche Floskeln höre, dahinter aber die Interessenbindung der Person erkenne, die ihr Spektrum verengt.» An dieser Stelle zweifle er manchmal am Milizsystem, auch wenn es den Vorteil biete, dass Berufsleute ihre Erfahrungen mit ins Parlament bringen.

Aber auch Stadler ist nicht frei von Mandaten. So ist er Präsident einer gemeinnützigen Stiftung – aber auch in einem Beirat der UPC Cablecom. «Mit Interesse teste ich mich dort selber, wie weit ich meine Unabhängigkeit behalte», sagt Stadler. «Es war von Anfang an abgemacht, dass ich unabhängig bleiben kann. Man muss einfach den Mut haben, dem Beirat mitzuteilen, dass man zum Beispiel nicht gegen die Netzneutralität stimmen könne.»

Er freut sich auf leere Agenda

«Für mich wäre es falsch gewesen, nochmals zu kandidieren», sagt der 67-Jährige. «Die Dinge, die wegen der Politik zu kurz gekommen sind, haben an die Tür geklopft.» Besonders freue er sich aber auf eine leere Agenda. «Vermissen werde ich vor allem die Diskussionen. Das hat die Tage sehr abwechslungsreich gemacht», wenn auch das pulsierende Leben in Bern an den Kräften gezehrt habe.

Rückblickend ist Stadler zufrieden mit dem Erreichten, auch wenn es so etwas wie eine Karriereplanung nie gegeben habe. «Es hat sich einfach alles so ergeben.» Würde Markus Stadler seinen Weg auch anderen empfehlen? «Mein Weg lässt sich nur schwer kopieren. Am einfachsten wäre es vermutlich, einer Partei beizutreten.»

Aus eigenen Reihen

«Liebenswert und sorgfältig»

Die Zürcher Ständerätin Verena Diener ist der eigentliche Grund, weshalb Markus Stadler der Grünliberalen Partei (GLP) beigetreten ist. Die beiden kannten sich aus der Zeit, als sie und Stadler die Gesundheitsdirektionen ihrer Kantone leiteten. Diener war von 1995 bis 2007 Zürcher Regierungsrätin. Früher hatte sie den Grünen angehört und präsidierte diese von 1992 bis 1995.

«Ein historischer Schritt»

Über Markus Stadler schreibt sie auf Anfrage der «Neuen Urner Zeitung»: «Seit knapp sechs Jahren vertritt Markus Stadler Uri im Ständerat – und dies als Grünliberaler. Das war für Uri ein historischer Schritt, und die achtsamen Augen der politisch Interessierten verfolgten ihn wohl kritisch prüfend auf diesem Weg. Ich habe Markus Stadler – als Sitznachbarn, Parteikollegen, aber auch als Freund – als liebenswerten, sorgfältig denkenden und handelnden Urner erlebt. Seinem Heimatkanton treu, den liberalen, ökologischen und sozialen Grundpfeilern verpflichtet, stand er mit mir und dem Rat im Dialog.»

«Wichtiges Kommissionsmitglied»

«Wir waren uns in vielem einig. Unsere gelegentlichen Unterschiedlichkeiten waren denn auch geprägt von gegenseitigem Respekt und darum für beide bereichernd. Beim Nationalen Finanzausgleich (NFA) gehörte sein Herz Uri – meines schlug für Zürich. Bei der zweiten Röhre am Gotthard lag uns der Alpenschutz gleich nahe. Und unsere zwei grünliberalen Stimmen waren immer auch mal zur Mehrheitsbeschaffung entscheidend. Das reiche politische Wissen und die entsprechenden Erfahrungen von Markus Stadler verhalfen ihm im Ständerat rasch zu einer respektierten und geschätzten Stellung. Gerade seine seriöse Arbeitsweise, die nicht auf mediale Schlagzeilen ausgerichtet war, machte ihn zu einem wichtigen Kommissionsmitglied in der Geschäftsprüfungs- und der Rechtskommission, aber auch in der Kommission für Verkehr und Fernmeldewesen. Und diese Arbeit leistete er mit Freude. Gangbare Wege suchen und Brücken bauen – genau das Richtige für einen erfahrenen Urner.»

Aus fremden Reihen

«Dann und wann philosophisch»

Der Schwyzer SVP-Ständerat Peter Föhn hat in den vergangenen vier Jahren zusammen mit Markus Stadler in der Kleinen Kammer politisiert. «Ich selber habe gestaunt, dass ihn das Urner Volk als Parteilosen gewählt hat», erklärt der Muotathaler Unternehmer. «Für mich war Stadler nach aussen eigentlich ein CVP-Vertreter. Dass er sich nach der Wahl in den Ständerat für die Grünliberalen entschieden hat, war für mich doch höchst erstaunlich.»

«Relativ schnell aufgefallen»

«Er ist in Bern – vermutlich nicht nur mir – relativ schnell aufgefallen», sagt Föhn rückblickend. «Ich habe Markus Stadler als etwas speziellen Typ wahrgenommen», erklärt der gelernte Primarlehrer. «Ich denke da nicht unbedingt an sein Erscheinungsbild, sondern in erster Linie an seine Voten», so der Ständerat aus dem nördlichen Nachbarkanton. «Seine Reden und Voten waren für mich dann und wann doch recht philosophisch, ab und zu habe ich sie aber auch als wirklich amüsant, köstlich und unterhaltsam empfunden, manchmal sogar als lustig», so Föhn. «Diese persönliche Wahrnehmung hat aber sicher auch damit zu tun, dass er sachpolitisch nicht auf meiner Linie liegt.» Föhn könnte sich sogar «durchaus vorstellen, dass ich Stadler von seiner Art her vermissen werde». Um im gleichen Atemzug mit einem Schmunzeln zu betonen: «Sachpolitisch wird er mir natürlich ganz und gar nicht fehlen.»

«Konsequent auf seiner Linie»

Für Föhn hat Stadler konsequent auf seiner Linie politisiert. «Seine Politik war meines Erachtens nicht immer Kanton-Uri-gemäss», glaubt der 63-jährige SVP-Politiker. Darüber habe er doch ab und zu gestaunt. «Während Isidor Baumann stets versucht hat, eine – zumindest aus meiner Sicht – gute Linie für den Gotthardkanton zu fahren, hat Stadler eher einen dann und wann gar etwas stur anmutenden Kurs gefahren.» Für einen Urner habe Markus Stadler «doch recht links» politisiert. «Gerade in Umweltfragen hat mein Ratskollege alles gegeben, koste es, was es wolle. Ich denke da vor allem auch an die zweite Röhre am Gotthard.»