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RÜTLISCHIESSEN: 1142 Schützen feuern und feiern, aber es hapert mit der Jugend

1142 Teilnehmer haben die 155. Ausgabe des traditionellen Rütlischiessens gefeiert. Der Urner Christof Arnold egalisierte mit 89 Punkten den bisherigen Rekord und wurde glanzvoller Tagessieger.
Raphael Zemp
Auf dem Rütli traten 1144 Teilnehmer an. (Bild: Urs Hanhart (Rütli, 8. November 2017))

Auf dem Rütli traten 1144 Teilnehmer an. (Bild: Urs Hanhart (Rütli, 8. November 2017))

Raphael Zemp

raphael.zemp@luzernerzeitung.ch

«Gut Schuss!», schallt es aus dem Lautsprecher. Die ersten 48 Schützen knien in einer Reihe; die Gurte an den Jacken sind festgezurrt, die Kissen unter die Schienbeine geschoben und die Gewehrläufe auf die knapp 300 Meter entfernten Scheiben am Berghang gerichtet. Dreimal trötet das Warnhorn, «drei Schuss in einer Minute», mahnt die Lautsprecherstimme – und kurz darauf hagelt es bereits eine erste Schusssalve, deren Echo sogleich von den Felswänden zurückprallt. Das 155. Rütlischiessen hat begonnen, kaum hat es getagt. Patronenhülsen spicken in hohem Bogen die Böschung hinunter, auf die Seite und selten an einen Schützenkollegen. Vorbei ist die andächtige Morgenruhe. Auf dem Rütli geben nun die Gewehre den Takt an; Ordonnanzkarabiner, Sturm­gewehre 57 oder 90. Bis zwei Uhr werden sie über 17000 Schuss abgegeben haben. Werden sie gerade nicht gebraucht, dann lehnen sie, eingepackt wie Gitarren, an Steinen, hängen in Bäumen oder sind am Boden gestapelt.

Aus allen Landesteilen sind die 1142 Schützen für das älteste historische Schiessen angereist. Nur aus den Kantonen Appenzell, Jura, Genf und Schaffhausen sind keine Teilnehmer gemeldet. Am besten von allen lief es jedoch dem Urner Christof Arnold. Der Bürgler, der heute in Baar wohnt, erreichte von möglichen 90 Punkten 89 und egalisierte damit den Rütlirekord. Der 54-Jährige lag im Mittel der Altersklassen, nahm doch vom 16-jährigen Jungschützen bis zum 82-jährigen Routinier alles teil.

Gastsektion bleibt dem Rütlischiessen geschlossen fern

Die festgelegte Teilnehmerzahl von 1152 haben die Verantwortlichen dieses Jahr indes nicht erreicht. Eine Gastsektion hat sich im letzten Augenblick abgemeldet. Das sei unter Schützen gar nicht ­üblich, meint Heinz Weber, Präsident der organisierenden Vorortssektion Schwyz. Seine Laune trübt das aber so wenig wie das anfangs ziemlich ungemütliche feucht-kalte Herbstwetter. Auch wenn an diesem Morgen eine dicke Wolkendecke sämtliche Zentralschweizer Berggipfel verschluckt hat, Weber rechnet mit gesamthaft 1500 Gästen. «Wir Schützen sind wetterfest», bemerkt er bloss lachend. Und gut ausgerüstet dazu: Kampfstiefel oder Bergschuhe umgeschnürt und Filzhüte tief ins Gesicht gezogen, waten sie mit raschelnden Regenhosen über die schlammige Rütliwiese, vorbei an frühmorgendlich kühl gestellten Weinflaschen und süss dampfendem Kaffee Schnaps. Bald aber durchbricht die Sonne die Wolkendecke, die Standarten der Schützenvereine ­werden zwischenzeitlich aus den Plastikhüllen befreit – ganz zur Freude des Organisators Weber: «Das Wetter hat uns positiv überrascht.»

Erfreut ist der Sektionspräsident auch darüber, dass heuer wieder viele Jungschützen mitschiessen – und auch Jungschützinnen. Diesen Nachwuchs findet man aber vor allem in den Gastsektionen. Mühe, genügend (junge) Schützen aufzutreiben, bekunden hingegen einige Zentralschweizer Stammsektionen, die zusammen über 700 Schü­tzen stellen: mehr als alle anderen zusammen. Betroffen davon ist auch die Urner Delegation. Sie hat 124 Schützen aufs Rütli entsandt, das sind 12 weniger als ihr eigentlich zustünden. Die überzähligen Scheiben haben teils Gästesektionen übernommen. «Dass in gewissen Sektionen der Nachwuchs ausbleibt, bemerkt man auch an anderen 300-Meter-Schiessen im Kanton», sagt Adrian Zurfluh, Präsident der Vorortssektion Uri.

Wer auf dem Rütli schiessen wollte, musste sich gedulden

Als Zurfluh 1993 noch als Student an seinem ersten Rütlischiessen teilnahm, war die Situation eine ganz andere. «Wer schiessen wollte, wurde in eine Liste eingetragen und musste nicht selten zwei Jahre warten.» Man schaue aber nicht tatenlos zu. «Schon vor Jahren haben wir das Mindestalter von 25 auf 20 Jahre gesenkt.» Eine weitere Absenkung plant man derzeit nicht, auch wenn sich das Zurfluh persönlich durchaus vorstellen könnte. Vorerst beschränke man sich darauf, unter den verschiedenen Urner Sektionen weiter für das Rütlischiessen zu werben, erklärt Zurfluh. Und sowieso: «Wegen der gegenwärtigen Situation klappern uns weder die Zähne, noch sind wir am Heulen.» Denn für alle Teilnehmer sei das noch immer ein hoher Feiertag: «wie Ostern und Weihnachten zusammen».

Dass auch im Kanton Uri nicht alle Vereine gleich stark von Nachwuchsproblemen geplagt sind, zeigt das Beispiel der Schützengesellschaft Spiringen. «Wir verzeichnen keinen Rückgang», sagt Esther Herger (40), langjähriges Vereinsmitglied. «Und im nächsten Jahr werden voraussichtlich einige Jungschützen zum ersten Mal mit dabei sein.» Ihr persönlich lief es mit zwei Nullern nicht so gut. «Die Bedingungen sind nicht die gleichen wie im Schiessstand: Der Boden ist nicht eben, die Scheiben sind schräg, und man ist dem Wetter komplett ausgeliefert.» Zudem wird traditionell kniend geschossen, was das Ganze nicht einfacher macht. Beklagen will sie sich allerdings nicht. «Bei diesem Anlass geht es ja in erster Linie darum, Freundschaften zu pflegen.» Und schon locken ihre Kollegen sie mit frechen Sprüchen zurück an den Tisch.

Frauen sind nach wie vor in der klaren Minderheit

Herger ist eine der wenigen Frauen, die am Mittwoch auf dem Rütli mittaten. «Der Schiesssport ist noch immer eine Männerdomäne», bestätigt Organisator ­Weber. Der Anteil Frauen am Schiessen schätzt er auf einen einstelligen Prozentsatz. Auch auf die Unterstützung von FDP-Präsidentin Petra Gössi können die Frauen nicht zählen. Sie war gestern als Ehrengast zum ersten Mal beim Rütlischiessen. Von der «sensationellen Stimmung» ist sie zwar sichtlich beeindruckt, selber Hand anlegen will sie deswegen aber auch künftig nicht.

Interessenten gibt es aber genügend. Die Urner Vorortssektion, die das nächste Rütlischiessen organisiert, muss sich also nicht fürchten, die 1152 Scheibenplätze nicht an den Mann oder die Frau bringen zu können. Wahrscheinlich aber ist, dass künftig die Gäste auf Kosten der Stammsektionen an Bedeutung gewinnen – sofern der hiesige Nachwuchs nicht vermehrt zur Waffe greift.

Meisterschütze Hans-Peter Bucher aus Ennetbürgen wird gefeiert (Bild: Urs Hanhart)

Meisterschütze Hans-Peter Bucher aus Ennetbürgen wird gefeiert (Bild: Urs Hanhart)

Meisterschütze Hans-Peter Bucher aus Ennetmoos erhiet als Bundegabe ein Sturmgewehr. (Bild: Urs Hanhart)

Meisterschütze Hans-Peter Bucher aus Ennetmoos erhiet als Bundegabe ein Sturmgewehr. (Bild: Urs Hanhart)

Die Bechergewinner der Sektion Luzern: Marco Wicki (links) und Fredy Birrer (Bild: Urs Hanhart)

Die Bechergewinner der Sektion Luzern: Marco Wicki (links) und Fredy Birrer (Bild: Urs Hanhart)

Die Bechergewinner der Sektion Uri (von links) Tino Walker, Alex Russi, Paul Aschwanden, Thomas Wipfli und Armin Achermann (Bild: Urs Hanhart)

Die Bechergewinner der Sektion Uri (von links) Tino Walker, Alex Russi, Paul Aschwanden, Thomas Wipfli und Armin Achermann (Bild: Urs Hanhart)

Die Bechergewinner der Sektion Anderhalden (von links): Janik Najer, Christian Schmid, Christoph Rohrer und Wendelin Odermatt (Bild: Urs Hanhart)

Die Bechergewinner der Sektion Anderhalden (von links): Janik Najer, Christian Schmid, Christoph Rohrer und Wendelin Odermatt (Bild: Urs Hanhart)

Rütlischiessen. Die Bechergewinner der Sektion Nidwalden (von links): Thade Waser, Silvan Barmettler, Manuel Lüscher, Paul Dönni, Guido Gander, Andreas Odermatt, Martin Windlin und Martin Walker (Bild: Urs Hanhart)

Rütlischiessen. Die Bechergewinner der Sektion Nidwalden (von links): Thade Waser, Silvan Barmettler, Manuel Lüscher, Paul Dönni, Guido Gander, Andreas Odermatt, Martin Windlin und Martin Walker (Bild: Urs Hanhart)

«Man lernt hier viel über unsere Wurzeln und Traditionen.» sagt Petra Gössi (41), FDP-Parteipräsidentin (Bild: Urs Hanhart)

«Man lernt hier viel über unsere Wurzeln und Traditionen.» sagt Petra Gössi (41), FDP-Parteipräsidentin (Bild: Urs Hanhart)

«Kameradschaft ist auf dem Rütli wichtiger als das Resultat», sagt Esther Herger (40), Schützin aus Spirigen (Bild: Urs Hanhart)

«Kameradschaft ist auf dem Rütli wichtiger als das Resultat», sagt Esther Herger (40), Schützin aus Spirigen (Bild: Urs Hanhart)

«Das Rütlifest ist wie Weihnachten und Ostern in einem.», sagt Adrian Zurfluh (48), Präsident Vorortssektion Uri (Bild: Urs Hanhart)

«Das Rütlifest ist wie Weihnachten und Ostern in einem.», sagt Adrian Zurfluh (48), Präsident Vorortssektion Uri (Bild: Urs Hanhart)

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