SAWIRIS-PROJEKT: «Den Bauern droht ein Identitätsproblem»

Beim Sawiris-Projekt dürfe es nur Sieger geben, heisst es immer wieder. Soziologin Valeria Kunz hat aber ein paar Verlierer gefunden.

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Die Soziologin Valeria Kunz. (Bild pd)

Die Soziologin Valeria Kunz. (Bild pd)

Für Ihre Arbeit sprachen Sie mit Urschner Bauern über Sawiris, das Bauerntum und die Zukunft des Urserntals. Was hat Sie bei den Gesprächen am meisten beeindruckt?

Kunz: Die Emotionalität. Die Bauernfamilien sind durch das Tourismusprojekt von einem Wandel betroffen, dessen Folgen noch nicht absehbar sind. Bei meinen Gespräche habe ich eine tief greifende Verunsicherung herausgespürt.

In Ihrem Buch beschreiben Sie das Schicksal zweier Bauernfamilien: Die eine gibt den Betrieb auf und zieht weg, die andere bleibt in Ursern und erhofft sich Arbeit im Sawiris-Resort. Welche Variante ist vernünftiger?

Kunz: Das ist natürlich subjektiv. Wenn man die Frage aber unter rein ökonomischen Gesichtspunkten beantwortet, ist es rationaler, den Bauernbetrieb aufzugeben und auf den Tourismus zu setzen.

Für einen stolzen Urschner Bergbauern muss es aber ziemlich entwürdigend sein, wenn er zu einem subventionierten Landschaftsgärtner reduziert wird.

Kunz: Tatsächlich. Bergbauer ist kein Beruf wie jeder andere. Bergbauer ist ein Lebensstil. Man arbeitet unabhängig, selbstständig, eng verbunden mit der Natur. Der Beruf des Greenkeepers ist eigentlich genau das Gegenteil davon: Man hat geregelte Arbeitszeiten, einen direkten Vorgesetzten, und der Golf-Rasen, den man pflegt, dient einzig und allein der Ästhetik und hat den Zweck, dass Touristen dort ihren Spass haben.

Besteht nicht die Gefahr, dass die Bauern zu einer künstlichen Kulisse für Touristen verkommen?

Kunz: Doch. Und ich glaube, im Falle von Andermatt ist das durchaus gewollt: Samih Sawiris betonte ja immer, er wolle, dass die Kühe auf dem Golfplatz weiden, er wolle ein nebeneinander von Landwirtschaft und Tourismus. So soll das Alpenresort authentisch wirken. Diese Absichten sind zwar legitim. Allerdings muss es auch für die Bauern stimmen. Wenn sie merken, dass ihre Lebensweise nur noch für die Touristen inszeniert ist, verliert sie ihren Sinn und ihre Würde. Daraus kann sich ein gesellschaftliches Problem ergeben.

Interview von Philipp Arnold

Den ausführlichen Artikel lesen Sie am Samstag in der Neuen Urner Zeitung.