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SBB: Passionierter Bähnler ohne Fernweh

Carl Waldis kennt alle Details der Gotthardbahn – obwohl er nie bei den SBB arbeitete. Um sein Wissen weiterzugeben, investiert er Stunden freiwilliger Arbeit.
Carl Waldis im Bahndepot Erstfeld, wo verschiedene historische Bahnwagen eingestellt sind. (Bild Urs Hanhart)

Carl Waldis im Bahndepot Erstfeld, wo verschiedene historische Bahnwagen eingestellt sind. (Bild Urs Hanhart)

Die Luft ist abgestanden im Triebwagen BDe 4/4 1646. Carl Waldis setzt sich in einen gepolsterten Sessel ans Fenster. «Da muss man andächtig drinsitzen», sagt er. «Diese Sessel waren früher im Bundesratswagen.» Das Fahrzeug steht heute im Bahndepot in Erstfeld und wird für Führerstandsfahrten noch immer eingesetzt. Das ehemalige Passagierabteil wurde mit den Sesseln, mit einer Leinwand und einer Beamervorrichtung so umgebaut, dass darin Vorträge gehalten werden können. Öffentliche Vorträge zu Bahnthemen sind in Erstfeld keine Seltenheit. Seit 2009 findet alle drei Monate im Casino die Bahnplattform statt. Bahnkenner geben an den Veranstaltungen ihr Wissen weiter. Gestern fand die 25. Ausgabe statt. Waldis (69) ist der Initiant. Er erinnert sich noch gut an die erste Durchführung. «Wir rechneten mit 30 Leuten. Gekommen sind 80.» Inzwischen hat sich die Besucherzahl bei 60 bis 70 eingependelt.

Viel Zeit im Archiv verbracht

Das Bahndepot Erstfeld wurde 1882 mit der Eröffnung der Gotthard-Bergstrecke in Betrieb genommen. Die kleine Gemeinde entwickelte sich fortan zum stattlichen Bähnlerdorf. Die SBB benötigten Fachleute und mussten diese auch in Erstfeld unterbringen. Die Gesellschaft kaufte ganze Quartiere und baute neue Häuser. Waldis kennt die ganze Entwicklung. Dabei hatte er beruflich nie etwas mit den SBB zu tun, und Geschichte sei nicht sein Ding gewesen. «Ich war als Schüler richtig gefrustet, weil unser Lehrer immer nur Jahreszahlen wissen wollte, die ich mir einfach nicht merken konnte.» Dann wollte es Waldis besser machen – und wurde selber Lehrer.

Seine Faszination für die Bahn entwickelte sich im Hobbykeller. In den 1960er-Jahren haben Bahnfans begonnen, mit Modelleisenbahnen die Realität abzubilden. Um die Details erschaffen zu können, machte sich Waldis daran, die Landschaft entlang der Bahnlinie zu fotografieren. Zur selben Zeit übernahm er als Primarlehrer eine neue Stufe. In der dritten und der vierten Klasse stand die Geschichte des Kantons Uri auf dem Lehrplan. Waldis verbrachte viel Zeit in Archiven. Dort erkannte er die Bedeutung der Gotthardbahn. «Es ist einfach genial, wie weitsichtig und verantwortungsvoll damals geplant und gebaut wurde», schwärmt der Altdorfer. Die Bahn steht für Mobilität. Doch Waldis packte nie das Fernweh. Er sah sich die Züge stets lieber von aussen an.

In seinem Fundus finden sich 5000 digitalisierte historische Bilder. Auch selber hat der Altdorfer Tausende Fotografien und stundenlange Videoaufzeichnungen produziert. Die Filme hat er selber geschnitten, selber vertont und die Booklets selber gestaltet. Und auch die Webplattform www.gotthardbahn.ch hat er eigenhändig programmiert. «Ich teile mein Wissen gern», sagt Waldis. So stellt er jeden Monat eine andere Auswahl seiner historischen Bilder ins Netz. Auf das Wissen von Waldis wurden auch die SBB aufmerksam. Zum 100-Jahr-Jubi­läum der Gotthardbahn organisierte er auf Anfrage eine Ausstellung im Bahnhof Göschenen. Die Idee der «Bahnplattform» kam ihm, als in Oerlikon Dampfbahnliebhaber einen Verein auflösten, der Referate zu Bahnthemen angeboten hatte. Waldis führte die Tradition fort. «In der Schweiz existiert so viel Know-how, dass man dies der Öffentlichkeit doch zugänglich machen sollte.» Waldis organisiert die Plattform zum Selbstkostenpreis. Ihn würden die vielen positiven Rückmeldungen antreiben.

Neat lässt ihn kalt

Vor elf Jahren musste Waldis seinen Job als Lehrer wegen Ungereimtheiten mit dem Schulrat aufgeben. Umso mehr Elan steckt er in seine Freizeitprojekte. 2006 lancierte er einen 23,4 Kilometer langen Wanderweg entlang der Gotthardlinie. Wehmütig stimmt Waldis, dass nicht viele bereit sind, denselben Elan aufzubringen. «Die Politik hat es 1999 verpasst, dass Uri zum Zentrum der Bahngeschichte geworden ist.» Denn es habe Pläne für eine Schauwerkstatt in Erstfeld gegeben, wo historische Züge vor Publikum repariert worden wären. Heute ist der Sitz von SBB Historic in Windisch. Im Fokus der Bahnwelt ist Uri im Juni 2016, wenn der Neat-Basistunnel eröffnet wird. Allerdings lässt das Waldis eher kalt. «Klar ist es ein wahnsinniges Bauwerk», sagt er. «Aber für mich bleibt das unerreicht, was die Bauleute der Gotthard-Bergstrecke vor 130 Jahren hinbekommen haben.» Für Waldis ist wichtig, dass das historische Erbe der Bergstrecke erhalten bleibt. «Ich erhoffe mir, dass es SBB Historic gelingt, das touristische Potenzial der Bergtrecke in Uri zu nutzen. «Leider habe ich momentan den Einduck, dass dies nicht der Fall ist.» Wer weiss, vielleicht hat ja er die zündende Idee.

Florian Arnold

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