SCHÄCHENTAL: Josef Herger: «Kleine Objekte haben keinen Anwalt»

Josef Herger setzt sich für den Erhalt von Kulturobjekten ein – wie etwa die Bielensäge in Unterschächen. Nur erhält er einen Preis.

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Josef Herger (vorne) zeigt einer Besuchergruppe den Wasserzulauf der historischen Bielensäge in Unterschächen. (Bild Elias Bricker)

Josef Herger (vorne) zeigt einer Besuchergruppe den Wasserzulauf der historischen Bielensäge in Unterschächen. (Bild Elias Bricker)

Es ist Mittag: Während die halbe Schweiz um diese Zeit am Tisch sitzt, führt Josef Herger-Kaufmann gerade eine Besuchergruppe durch die Bielensäge in Unterschächen. Die historische, wasserbetriebene Sägerei von 1850 am Eingang zum Brunnital ist Teil von Hergers Lebenswerk. Der 80-jährige Altdorfer hat das Gebäude 1991 vor dem Zerfall gerettet. Er gründete eine Stiftung, hat den Holzbau zusammen mit dem Zimmermann Hans Herger-Kirchler aufwendig restauriert und zu einem Museum à la Ballenberg umgestaltet. Rund 500 Besucher führt er seither jedes Jahr durch die Sägerei. Er erklärt ihnen dabei nicht nur die technische Konstruktion, sondern er demonstriert jeweils gleich selber, wie hier früher Baumstämme zersägt wurden. Am Freitag erhält Josef Herger von der Schweizerischen Gesellschaft für Kulturgüterschutz den Förderpreis 2015. «Der Preis ist eine grosszügige Anerkennung für mich», sagt Herger. «Es zeigt mir, dass man meine kulturelle Arbeit auch ausserhalb des Kantons wahrnimmt.»

Wunsch wurde Realität

Dank des Elans des gebürtigen Spirgners wurden weitere Gebäude zu Kulturobjekten: Auch den Bau des Dörflihauses in Spiringen, die Renovation des Zielhauses auf dem Klausenpass und das Alphütten-Museum auf der Alp Oberalp hat Herger ermöglicht. Im 1995 eröffneten Dörflihaus ist heute neben der Gemeindekanzlei Spiringen und einem Kulturgüterraum auch ein Schächentaler Museum untergebracht. Dort sind unter anderem Urkunden von 1290 über den Ursprung der Eidgenossenschaft, Goldschmiedearbeiten, sakrale Geräte des früheren Churer Bischofs Johannes Vonderach zu sehen. Herger ist Kurator und Museumsführer in einem. Der Altdorfer, der auf dem Urnerboden und in Spiringen aufgewachsen ist, war massgeblicher Initiant des Dörflihauses. Dazu kam er eher zufällig. Denn im Haus, das früher an dieser Stelle stand, lebten Hergers Onkeln und Tanten. Der letzte Erblasser hatte sich gewünscht, dass nach seinem Ableben auf dem Grundstück «etwas Kulturelles» verwirklicht werde. Dem Modell Stiftung Dörflihaus stimmten die Erben und die Einwohnergemeinde Spiringen zu. «Dank dieser neugegründeten Stiftung konnten bei Institutionen, Sponsoren und Behörden fürs Museum und an die Infrastruktur der Gemeinde weit über 1 Million Franken projektbezogene direkte Zuwendungen vermittelt und ausgelöst werden», erläutert Herger.

Kaum war das Dörflihaus eröffnet, liess er sich für die Renovation des Zielhauses auf dem Klausenpass einspannen. Erneut machte er sich auf Sponsorensuche. Das Zielhaus ist heute ein kleines Museum über die Klausenrennen, den internationalen Automobilsportanlass, der hier zwischen 1922 und 1934 ausgetragen wurde. «Die Klausenrennen habe ich leider selber nicht erlebt», sagt Herger. «Dafür kam ich ein Jahr zu spät auf die Welt.» Im Dörflihaus ist die Originalchronometrie von 1924 ausgestellt.

Olympiastadion saniert

Herger setzte sich nicht nur für seine Projekte im Schächental und im Kanton Uri ein. Der Urner engagierte sich jahrelang als treibende Kraft der Organisation Pro Campagna für erhaltenswerte Bau- und Kulturobjekte. Als Delegierter und Berater im Vorstand hat er diverse Projekte in der ganzen Schweiz begleitet – so etwa auch die Renovierung des Olympiastadions von 1928 in St. Moritz. Hergers Flair für die Erhaltung ländlicher Baukultur kommt nicht von ungefähr: Als Mitarbeiter der Urner Justizdirektion war er mehrere Jahre auch für den administrativen und personellen Bereich der Denkmalpflege zuständig. Nach der Pension hat er sich das Kulturelle sozusagen zur Lebensaufgabe gemacht. Doch Herger benötigte für seine Projekte immer wieder viel Optimismus und Hartnäckigkeit. «Kleine Kulturobjekte haben keinen Anwalt», begründet Herger seine Motivation. «Die Kathedrale in Lausanne ist zum Beispiel kein gefährdetes Objekt», sagt er. «Doch Brunnen auf Dorfplätzen oder Mühlen könnten plötzlich verschwinden, alte und wertvolle Gebäude zerfallen, wenn man deren Kulturwert unterschätzt. Es ist schade, wenn Dinge verschwinden, die einst zum Dorfleben gehört haben.»

Zukunft ist aufgegleist

Herger stellt aber auch fest, dass die Bevölkerung und die Behörden heute sensibilisierter mit Kulturgütern umgehen als noch vor Jahrzehnten. «Heute würde man die Kirche in Sisikon oder die spätgotische Kapelle mitten in Realp nicht mehr abreissen. Oder man würde die barocke Pfarrkirche in Spiringen nicht mehr einfach so in die Luft sprengen», sagt er. «Manchmal müsse man aber der Bevölkerung und den Behörden aufzeigen, was warum erhaltenswert ist.» Das sei heute noch Teil seiner Aufgabe.

Josef Herger ist unermüdlich. Es gibt kaum einen Tag, an dem er nicht in irgendeiner Form für seine Projekte arbeitet. «Ein halber Tag ist so schnell verplant», sagt er und lacht. Seine Familie und Frau Edith unterstützen ihn dabei. Inzwischen hat Herger die Zukunft seiner Projekte aufgegleist: Seine Tochter und sein Sohn übernehmen Sitz in den Stiftungsräten und führen sein Werk dereinst weiter.

Elias Bricker

Hinweis

Die Übergabe des Förderpreises der Schweizerischen Gesellschaft für Kulturgüterschutz findet am 16. Oktober um 15.30 Uhr bei der Bielensäge in Unterschächen statt.