Schriftstellerin lässt sich im Urner Oberland inspirieren

Die ehemalige Wassner Gemeindepräsidentin findet nun wieder Zeit zum Schreiben. Kristin T. Schnider stellte im Haus für Kunst Uri zusammen mit Rafaël Newman ihr neues Buch vor.

Markus Zwyssig
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Kristin T. Schnider las zusammen mit Rafaël Newman im Haus für Kunst in Altdorf in Deutsch und Englisch aus dem Buch «Friction. Faction. Fiction.»

Kristin T. Schnider las zusammen mit Rafaël Newman im Haus für Kunst in Altdorf in Deutsch und Englisch aus dem Buch «Friction. Faction. Fiction.»

Bild: Markus Zwyssig (Altdorf, 16. August 2020)

«Jetzt habe ich die nötige Konzentration zum Schreiben», sagte Kristin T. Schnider am Sonntag am Rande der Lesung im Haus für Kunst Uri. Die zurückgetretene Gemeindepräsidentin von Wassen kann sich nun wieder der Literatur widmen. Als Gemeindepräsidentin von Wassen sei die Ablenkung gross gewesen. Im kleinen Bergdorf gab es in den vergangenen Jahren politisch viel zu tun. Zeitaufwendige Themen wie die Zonenordnung der Gemeinde, der Bau der Zweiten Gotthardröhre und die Neat beschäftigten sie so sehr, dass sie nicht zum Schreiben kam.

Nun aber ist das neue Buch «Friction. Faction. Fiction.» da. Eigentlich ist der Text der Schriftstellerin Kristin T. Schnider bereits im 2019/2020 erschienen. Die geplante Urner Buchtaufe und weitere Veranstaltungen mussten aber wegen der Coronapandemie um ein paar Monate verschoben werden. Nun aber konnte die Literatin ihre Publikation vorstellen.

Das Bergdorf prägt und inspiriert

Rund 30 Personen liessen sich am Sonntagmorgen im Haus für Kunst auf die Texte ein. Gesprochen wurde abwechslungsweise auf Deutsch und Englisch. Kristin T. Schnider und Rafaël Newman lasen in den beiden Sprachen vom Reisen und Leben zwischen den Rissen der Welt. Auch wenn ein Teil der Geschichte in Istanbul – einer Stadt zwischen den Welten – spielt, so hat Schnider den poetischen Text im Urner Oberland geschrieben. «Das beweist, dass man nicht unbedingt in der Stadt sein muss, um inspiriert zu sein.»

In Wassen erlebt Schnider das raue Gebirge hautnah. Im Bergdorf, durch das weltverbindende Verkehrswege führen, liegt es nahe, die Welt und die Menschen vor dem Hintergrund der Topografie zu betrachten. Gedanken steigen hoch über all die Reibungen oder Friktionen, die von Kontinentalverschiebungen bis hin zu den Brüchen in der eigenen Biografie reichen. Im schmalen Bändchen steht dem deutschen Text die englische Übersetzung von Rafaël Newman gegenüber. Newman ist ein guter Freund von Schnider. Der Autor und Übersetzer stammt ursprünglich aus Kanada, ist Wahlschweizer und lebt mit seiner Familie seit 22 Jahren in Zürich.

Aus begründeter Kritik lernen

Die Texte von Kristin T. Schnider sind anspruchsvoll. Die Zuhörer müssen bereit sein, sich darauf einzulassen und in diese Welten einzutauchen. Das mag nicht jedermanns Sache sein. Wie gut kann die Schriftstellerin mit Kritik umgehen? Für sie sind negative Reaktionen kein Problem. Im Gegenteil, sie begrüsst Kritik sogar.

«Mich freut es, wenn die Menschen meine Texte lesen und ihre Meinung dazu äussern», so Schnider. «Wenn es konstruktive, begründete Kritik ist, kann ich daraus Lehren ziehen.» Das, so die Schriftstellerin, könne dann in die nächsten Texte mit einfliessen.

Von der Weltstadt ins Bergdorf

Kristin T. Schnider lebt seit 22 Jahren in Wassen. Begonnen hatte aber alles ganz anders. Geboren wurde sie 1960 in der Grossstadt London, aufgewachsen ist sie in Zürich. Der Wohnortswechsel damals in den Kanton Uri erfolgte insbesondere aus finanziellen Gründen. Die Preise in Zürich waren Ende der 1990er-Jahre explodiert. So kam sie nach einem Aufenthalt in der «Apertura» in Flüelen ins Urner Oberland.

Verbunden mit der Lesung war der Abschluss der Ausstellung «Hauptsache» des Schwyzer Künstlers Anton Bruhin im Haus für Kunst Uri. Für Kristin T. Schnider war der Ort der Lesung auch ein bisschen eine Zeitreise. Sie habe Bruhin in den wilden 1980er-Jahren in Zürich kennen gelernt. «Wir waren an den selben Vernissagen, hingen in den gleichen Spunten rum.» Ab und zu habe es auch eine Party gegeben, bei der Freundschaften entstanden seien, die bis heute andauern würden. Universalkünstler Bruhin sei sich immer treu geblieben. So vielfältig er sei, habe er nie einem Trend nachgegeben. «In den 1980er-Jahren fand ich seine Malerei eher ein bisschen bieder», so Schnider mit einem Schmunzeln. Passend fand sie, dass die Lesung im Danioth-Pavillon stattfand, der mit den Arbeiten Bruhins zum Dämonenzimmer wurde. «Ein bisschen geisterhaft geht es auch in meinem Text zu und her», so Schnider.

Hinweis: «Friction. Faction. Fiction.» von Kristin T. Schnider ist in der édition sacré in Zürich erschienen.