Seedorf

Walter Wipfli ist der Dorfmusik sieben Jahrzehnte lang treu geblieben – nun soll Schluss sein

1951 trat Walter Wipfli dem Musikverein Seedorf bei. Nach 70 Jahren möchte der Blasmusiker nun einen ruhigeren Ton anschlagen.

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Walter Wipfli an der Basstuba.

Walter Wipfli an der Basstuba.

Bild: PD
(pd/lur)

«Für mich ist das eine Bereicherung des Lebens», sagt Walter Wipfli. «Wenn ich die musikalische Tätigkeit nicht gehabt hätte, hätte ich etwas verpasst gehabt.» Es ist nicht die einzige, aber die wichtigste Antwort auf die Frage, warum der Seedorfer seit 70 Jahren aktiver Blasmusiker ist. Am 6. Januar 1951 wurde der heute 86-Jährige offiziell in den Musikverein Seedorf aufgenommen. Damals war das erst mit 16 Jahren möglich. Eineinhalb Jahre zuvor, am 1. August 1949, hatte er als 15-Jähriger bei seinem ersten «Ständli» mitgespielt. «Musik ist etwas Wunderbares. Sie vertieft die Lebenssituation. Sie erhöht die Freude und tröstet bei Trauer», sagt er.

Musik, sagt Wipfli, sei schon immer Teil seines Lebens gewesen. «Mein erstes Instrument waren meine Stimmbänder. Wir haben zu Hause viel gesungen. Auch das Mitsingen im Schülerchor hat mich begeistert.» Selber zu musizieren sei das Höchste gewesen in einer Zeit, in der Musik ansonsten nur vom Grammophon oder am Radio zu erleben war, erklärt er. 1942 wurde der Musikverein Seedorf gegründet, «und wenn die gespielt haben, sind wir als Buben immer hinterhergelaufen», erzählt Wipfli. «Für mich war damals klar, da will ich irgendwann mitspielen.» Und an der Posaune wurde das 1949 möglich. Ein paar Jahre später wechselte er aufs Baritonhorn und schliesslich auf die Tuba – das Instrument, das ihn nun seit einem halben Jahrhundert begleitet. Jahrzehnte lang bliess Walter Wipfli dabei mit seinem Kollegen, Ernst Mulle, «der wie ein Bruder für mich war, aber leider viel zu früh verstarb», den Bass.

Walter Wipfli und Sepp Brücker 1970 beim Einzug zum Eidgenössischen Schützenfest in Luzern.

Walter Wipfli und Sepp Brücker 1970 beim Einzug zum Eidgenössischen Schützenfest in Luzern.

Bild: PD

Mit 17 Jahren trat er in den Vorstand ein

Doch Walter Wipfli war nicht nur Musiker. Er war auch zwölf Jahre lang Vorstandsmitglied der Dorfmusik. Bereits mit 17 trat er in den Vorstand ein und wurde später für sechs Jahre dessen Präsident. In dieser Zeit fielen die erste Auslandsreise des Musikvereins 1962 nach Mutters im Tirol sowie der zweite kantonale Musiktag in Seedorf 1965. Er führte – akribisch vorbereitet – den Musikverein als OK-Präsident durch die Neuinstrumentierung 1985, den dritten kantonalen Musiktag in Seedorf mit rund 1000 Teilnehmern – einem seiner Höhepunkte – und das 50-Jahr-Jubiläum mit Neuinstrumentierung und Fahnenweihe 1992.

Walter Wipfli bei seiner Festrede zum dritten kantonalen Musiktag 1987.

Walter Wipfli bei seiner Festrede zum dritten kantonalen Musiktag 1987.

Bild: PD

Sponsoren zu finden nahm er ebenso engagiert in Angriff. Darum geht auch die Gründung des Clubs «100plus», der Donatoren-Vereinigung des Musikvereins Seedorf, wesentlich auf sein Konto. Und 2009 rief er zusammen mit Dirigent Michel Truniger die erste Bläserklasse Seedorf/Bauen ins Leben und brachte praktisch im Alleingang fast 50'000 Franken zusammen. Seit seinem 60-Jahr-Jubiläum beim Musikverein ist er dessen erster Ehrenpräsident.

Geschichtsbuch zur Urner Blasmusik

Es blieb aber nicht beim Engagement in Seedorf. Wipfli war auch neun Jahre lang Präsident des kantonalen Blasmusikverbands, stellte dabei zu dessen 50-Jahr-Jubiläum das Buch «Die Geschichte der Urner Blasmusik» auf die Beine und brachte auch rund 50'000 Franken für den Druck des Werkes zusammen.

Walter Wipfli beim dritten kantonalen Musiktag in Seedorf 1987.

Walter Wipfli beim dritten kantonalen Musiktag in Seedorf 1987.

Bild: PD

Auch im Seedorfer Gemeinderat war er 16 Jahre lang aktiv, davon vier Jahre als Präsident. «Nach dieser Tätigkeit fanden die Musikveteranen, ich solle die Urner Veteranenvereinigung als Präsident führen», sagt Walter Wipfli. Das tat er elf Jahre lange und brachte die Sektionen Glarus, Schwyz, Luzern und Unterwalden als enge Freunde zusammen. Die Musikveteranen wählten ihn zum Ehrenpräsidenten.

Zählt man alle seine Proben zusammen, so komme man auf rund 4200. Dazu noch das Üben – «früher musste ich weniger üben, jetzt will ich jeden Tag üben» –, und es kommen etliche Stunden zusammen, in denen Walter Wipfli musiziert hat. Unter neun Dirigenten hat er gespielt, alle seien sie fleissige Arbeiter gewesen und jeder habe den Musikverein Seedorf ein Stück weitergebracht. Und alle neun wurden zu sehr guten Freunden. «Der Höhepunkt war das Eidgenössische Musikfest in Montreux 2016, wo wir mit 96 Punkten in der zweiten Klasse den zweiten Rang erreichten.»

Im Verein ist auch seine halbe Familie

Die Kollegschaften zu den anderen Musikerinnen und Musikern sind mit ein Grund, warum Walter Wipfli seit 70 Jahren aktiv Musiker ist. Aber auch die Tatsache, dass fast seine ganze Familie im Musikverein Seedorf in irgendeiner Art und Weise involviert ist, spielte eine Rolle. Die Tochter und beide Söhne wirkten oder wirken noch immer mit – Letztere auch als Vereinspräsidenten. Eine Enkeltochter ist ebenfalls mit von der Partie und Wipflis Frau Annelies ist Fahnengotte des Vereins. «Ohne die Unterstützung meiner Frau wäre das alles nicht so gegangen», sagt er.

Nun plant Walter Wipfli nach 70 Jahren aktiver Musikantenzeit aber seinen Rückzug. «Ich bin in einem Alter, in dem man froh ist, im Register gute Unterstützung zu haben. Das Konzert beim Fusionsfest von Seedorf und Bauen soll mein letztes sein», sagt er. Dann aber schmunzelt er und fügt hinzu: «Wenn ich nicht noch einmal richtig Lust bekomme.»