SEELISBERG: «Das Projekt passt nicht allen»

Am 31. Juli feiert das Freilichtspiel «Tell trifft Wagner» Premiere. Karl Huser sagt, warum man das Wagnis eingegangen ist, und weshalb es mit dem Vorverkauf harzte.

Interview Markus Zwyssig
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Karl Huser: «Wir sind verwöhnt und sehen gar nicht mehr, wie schön unsere Landschaft ist.» (Bild: Markus Zwyssig / Neue UZ)

Karl Huser: «Wir sind verwöhnt und sehen gar nicht mehr, wie schön unsere Landschaft ist.» (Bild: Markus Zwyssig / Neue UZ)

Diesen Sommer haben Kulturinteressierte in Uri die Qual der Wahl. Ist neben «Tyyfelsbrigg» und «Alpentöne» ein Freilichtspiel in Seelisberg nicht zu viel des Guten?

Karl Huser: Betrachtet man das grosse Kulturangebot im Kanton Uri in diesem Sommer, ist unser Freilichtspiel eine Veranstaltung unter vielen. Aber: Seelisberg braucht die Grossveranstaltung.

Weshalb?

Huser: Weil unser Dorf ein bisschen abgeschieden liegt, sind wir fürs Überleben auf uns selber angewiesen. Unser Projekt passt nicht allen in den Kopf. Uns hilft aber niemand, wenn wir nicht weiterkommen. Der Zeitpunkt ist gut gewählt. Den 200. Geburtstag Wagners kann man nicht erst 2014 feiern. Das muss im Jubiläumsjahr geschehen. Unser Freilichtspiel ist etwas Spezielles und wird die anderen Kulturveranstaltungen nicht gross konkurrenzieren.

Schwierig war es wohl, für etwas zu werben, was noch niemand kennt?

Huser: Das ist ein grosses Problem. Wir müssen es irgendwie schaffen, den «Gwunder» der Bevölkerung für etwas Neues zu wecken. Erschwerend kam hinzu, dass wir unter grossem Termindruck standen. Zuerst mussten wir uns um die Finanzen kümmern. Dabei haben wir das Marketing etwas vernachlässigt. Der Vorverkauf lief zuerst schlecht. Doch nun haben wir die Werbung intensiviert. Jetzt hat auch der Vorverkauf merklich angezogen. Zudem hoffen wir auf Touristen, die dem Weg der Schweiz entlangwandern und sich spontan für einen Besuch bei den Freilichtspielen ent scheiden.

Weshalb lohnt sich ein Besuch in Seelisberg?

Huser: Die Lage ist sehr speziell. Das ist es bereits wert, nach Seelisberg zu kommen. Das Waldweidli, auf dem das Freilichtispiel stattfindet, ist die Rütli-Wiese Nummer 2. Wir haben eine derart schöne Landschaft und vor allem eine atemberaubende Aussicht. Es ist aber wichtig, dass wir unsere Gemeinde auch gut vermarkten und dadurch touristisch weiterkommen.

Trotzdem: Nur die Landschaft alleine reicht nicht.

Huser: Richtig, wir brauchen Produkte und einen Aufhänger wie die Freilichtspiele. Das Stück wurde speziell für uns geschrieben. Mit Andrea Zogg, Fabienne Hadorn, Katka Kurze und Albrecht Hirche stehen Profis auf der Bühne. Meret Matter, die Tochter von Mani Matter, führt Regie.

Wie kam man auf Tell und Wagner?

Huser: Wagner war keine einfache Person. Tell war es wohl auch nicht. Sie stammen aus verschiedenen Zeitepochen. Einer hat gelebt, beim anderen ist es nicht so sicher. Die Münchner Schriftstellerin Ursula Haas und der Basler Kollege Guy Krneta haben ein Theaterstück geschrieben, in dem sich die Männer tatsächlich begegnen: Richard Wagner hat eine Krise beim Komponieren. Wilhelm Tell hilft ihm, da rauszukommen.

Richard Wagner war in seinem Leben tatsächlich in Seelisberg. Ist überliefert, wie der Komponist damals die Gegend erlebt hat?

Huser: Wir wissen, dass ihn die Landschaft mit den schroffen Felsen fasziniert hat. Er fand Erholung und Musse, aber auch Inspirationen für neue Kompositionen. Wir sind verwöhnt und sehen gar nicht mehr, wie schön unsere Landschaft ist. Wir merken erst wieder, was wir haben, wenn uns die Gäste darauf aufmerksam machen.

Ist das Ganze nicht eine Schuhnummer zu gross für Seelisberg?

Huser: Wir haben alles in einer relativ kurzen Zeit auf die Beine gestellt. Die Suche nach Sponsoren ist in der heutigen Zeit tatsächlich eine Knochenarbeit. Wir haben ein Budget von 480 000 Franken. Zudem mussten wir das Gelände mit Strom erschliessen. Es galt, Wasserleitungen zu legen und das Abwasser in den Griff zu kriegen. Wir haben uns entschieden, das Grossprojekt durchzuziehen. Für uns ist es aber ganz klar ein Wagnis.

Was gab den Ausschlag dazu, es tatsächlich zu versuchen?

Huser: Wir sind auf breite Unterstützung gestossen. Die Urner Regierung sprach einen Rahmenkredit und ist bereit, eine Defizitdeckung zu übernehmen. Dadurch wurde es möglich, einen Verein zu gründen. In kurzer Zeit wurden weitere Gelder gesprochen. Unterstützt werden wir auch von den Kantonen Schwyz und Nidwalden und von Seelisberg sowie diversen weiteren Urner und Nidwaldner Gemeinden.

Half Ihnen da auch Ihr namhaftes Patronatskomitee?

Huser: Die bekannten Namen im Hintergrund erleichterten uns die Suche nach Sponsoren. Zwei Banken sowie eine Beleuchtungs- und eine Beschallungsfirma unterstützen das Projekt. Dazu kommen weitere Firmen und Stiftungen. Unser Patronatskomitee ist wirklich prominent besetzt. Präsident ist der Urner Landammann Josef Dittli. Mit dabei sind auch die Innerschweizer Ständeräte Peter Föhn aus Schwyz, Paul Niederberger aus Nidwalden, Isidor Baumann aus Uri sowie der Urner alt Regierungsrat Josef Arnold. Stark unterstützt wurden wir auch vom Urner Kulturbeauftragten Josef Schuler.

Die Musik von Wagner ist schwer verdaulich. Wird das Publikum dadurch nicht zusätzlich von einem Besuch abgeschreckt?

Huser: Nebst dem Theaterspiel gibt es bei uns tatsächlich sehr viel Musik. Chor und Orchester erinnern zwar musikalisch an Wagner, aber alles kommt viel leichter daher als jene tatsächlich nicht leicht verdauliche Musik des deutschen Komponisten. Geschrieben wurde die mystische Musik vom Neuenburger Bertrand Roulet. Ich kann Ihnen versichern, dass dies wesentlich zu einem stimmigen Freilichtspiel beitragen wird.

Wer hatte die Idee zu den Freilichtspielen?

Huser: Der Grundstein wurde im vergangenen September bei einem Workshop gelegt. Unterstützt wurde die Veranstaltung von der Urner Justizdirektion. Dabei stand die Frage im Mittelpunkt, wie man Seelisberg besser vermarkten kann. Denn: Tourismus ist unsere einzige Chance. Die Workshop-Teilnehmer sperrten bei ihrem Besuch Mund und Augen auf. Schnell fragten sie, warum aus dem Potenzial nicht mehr gemacht wird. Kulturvermittler Beat Toniolo ist fast ausgeflippt auf der Wiese. Jetzt konnten wir ihn als künstlerischen Leiter für das Freilichtspiel verpflichten. Das Stück wurde in Auftrag gegeben. In relativ kurzer Zeit wurden die Profi-Schauspieler sowie die Musiker und Sänger gefunden. Nun hoffen wir auf gutes Wetter und natürlich auf eine gute Auslastung bei unseren 12 Vorstellungen.

Hinweis

Karl Huser ist Gemeindepräsident in Seelisberg und OK-Präsident der Freilichtspiele.