Seelisberg ist um eine Attraktion reicher

Bekannte Gesichter und unbekannte Anekdoten: Die feierliche Eröffnung des Erlebnisweges «Geschichtsreise Seelisberg-Rütli» ist geglückt – auch dank dem guten Wetter.

Christian Tschümperlin
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Einst waren es die Würdenträger, die man in einer Sänfte hoch nach Seelisberg trug. Bei der Einweihung der «Geschichtsreise Seelisberg-Rütli» am Donnerstag trugen dagegen politische Würdenträger Mutter Helvetia. Sie waren alle gekommen, um der Realisierung einer Idee beizuwohnen, die vor rund acht Jahren entstanden war.

Die Regierungsräte Daniel Furrer (Uri, rechts) und Othmar Filliger (Nidwalden) sowie Landammann Petra Steimen-Rickenbacher (Schwyz, links) und Gemeindepräsidentin Judith Durrer (Seelisberg) tragen die Helvetia zur Holzbeige.
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Die Regierungsräte Daniel Furrer (Uri) und Othmar Filliger (Nidwalden) sowie Landammann Petra Teimen-Rickenbacher (Schwyz) und Gemeindepräsidentin Judith Durrer (Seelisberg) eröffnen die Geschichtsreise Seelisberg-Rütli.
Einweihung der Geschichtsreise Seelisberg-Rütli: Helvetia entdeckt die Station Nummer 7.
Publizist Erich Herger stellt Fragen an Daniel Furrer.
 Publizist Erich Herger stellt Fragen an Othmar Filliger und Petra-Steimen-Rickenbacher.
Ausstellungsmacher Killian T. Elsässer hat einiges zu berichten.
Das ist die Station Nummer 7 der Geschichtsreise Seelisberg-Rütli: Offen für die Gäste ab 1. August 2020.
Eine Touristin blickt auf den blauen Urnersee.

Die Regierungsräte Daniel Furrer (Uri, rechts) und Othmar Filliger (Nidwalden) sowie Landammann Petra Steimen-Rickenbacher (Schwyz, links) und Gemeindepräsidentin Judith Durrer (Seelisberg) tragen die Helvetia zur Holzbeige.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung

Der Erlebnisweg «Geschichtsreise Seelisberg-Rütli» ab Treib ist als Freiluftausstellung konzipiert und erzählt das Werden der Schweiz. Typisches Gestaltungselement sind Holzbeigen, die als Träger neuerer Technik dienen: Auf der Treib erwartet die Gäste eine «Hördusche», also auf Knopfdruck ein Hörspiel mit Profi-Schauspielern. In der Tal- und Bergstation hat es eine «Wunderbox» mit alten Bildern und Dokumenten, beim Schibenboden laufen Kurzfilme und beim Pavillon Sonnenberg sprechen die Porträtbilder. An zwölf Stationen erhält man Einblicke in Geschichten und Sagen – von Wilhelm Tell über das Rütli bis zum Gotthard. Diese lassen sich – mit Sicht auf Mythen und Vierwaldstättersee – von Treib bis Marienhöhe auf einer zweistündigen Reise spazierend erfahren. «Man kann aber auch nur einen Teilabschnitt begehen», sagt Christoph Näpfli, der aufgrund seines grossen Wissens zur Gemeinde auch als «Mr. Seelisberg» gehandelt wird.

Publizist Erich Herger begrüsst die geladenen Gäste, die sich «geografisch gesehen im Herzen der Schweiz und von der Geschichte abgeleitet in der Wiege der Schweiz» befänden. Er verrät mit einem Augenzwinkern, im Buch «Das wahre Leben der Helvetia» gelesen zu haben, dass Helvetia bei der Gründung des Bundesstaates die Leute habe erziehen wollen und sie daher in den Seelisbergsee geworfen wurde. Damit musste Hobby-Schauspielerin Tanya Schläpfer am Montag nicht rechnen. Ganz entspannt kann sie sich in der Sänfte chauffieren lassen, was sie sich vom Theater her gewohnt sei. «Normalerweise sind es zwei Sänftenträger. Mit vieren geht's aber schon viel schneller», meint sie und geniesst die Aussicht der Station Nummer 7 des brandneuen Erlebnisweges. Auch bei der symbolischen Enthüllung einer Holzbeige darf Helvetia natürlich nicht fehlen.

Die Erfindung des Rütli

Dass sich nur drei von zwölf Etappen um das Rütli drehen, habe damit zu tun, dass der Mythos «ein heisses Eisen» sei, wie Ausstellungsmacher Kilian Elsasser durchblicken lässt. Aber immerhin: Behandelt werden die Erfindung des Rütli, die Sorge um den Mythos und was dieser heute noch taugt. «Dass das Rütli eine Erfindung ist, das ist natürlich provokativ», gesteht Elsasser. Tatsache sei jedoch, dass das Rütli erstmals schriftlich 1470 erwähnt wurde – also 179 Jahre nach dem Rütlischwur. Und provokativ müsse es eben sein. «Jedes Land braucht einen Mythos, den man pflegen muss. Dann kann man ihn zur richtigen Zeit nützen», kommentiert der langjährige Museumsexperte mit Blick auf den Rütlirapport vom 25. Juli 1940.

Einweihung der Geschichtsreise Seelisberg-Rütli: Ausstellungsmacher Kilian T. Elsasser.

Einweihung der Geschichtsreise Seelisberg-Rütli: Ausstellungsmacher Kilian T. Elsasser.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung

Kilian Elsasser gilt als Vater des Inhaltes oder, modern ausgedrückt, als Software-Entwickler des Erlebnisweges. «Diese Freiluftausstellung soll niemanden kalt lassen. Mir ist es lieber, die Leute regen sich darüber auf, als dass es ihnen gleichgültig ist.» Trotzdem hoffe er natürlich, das eine oder andere Schmunzeln auslösen zu können. Das Rütli sei kein verstaubter Ort. «Es ist das einzige leere Denkmal der Welt und lässt daher viel Interpretationsspielraum. Mit diesem Weg bekommt es einen modernen Anstrich, mehr Swissness.»

Spagat zwischen Tourismus und Bundesinventar

Die Idee von der «Geschichtsreise Seelisberg-Rütli» sei 2012 an einem Workshop entstanden, nachdem ein anderes Projekt nicht habe umgesetzt werden können. «Das Gemeindegebiet von Seelisberg unterliegt dem Bundesinventar von nationaler Bedeutung. Daher braucht jedes Projekt hier einen Sondereffort», weiss er.

Einweihung der Geschichtsreise Seelisberg-Rütli: Paul Dubacher.

Einweihung der Geschichtsreise Seelisberg-Rütli: Paul Dubacher.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung

Als zuständig für die Umsetzung von Elsassers Vision gibt sich Paul Dubacher zu erkennen, den Publizist Erich Herger als «einen Mann der Tat» vorstellt. Sein Engagement brachten ihm schon die Namen «Wanderpapst» oder «Mister Vier-Quellen-Weg» ein. «Das Planen ist das eine, das Umsetzen das andere», weiss Dubacher. Dank dem «Rütligeist» sei aber eine hervorragende Zusammenarbeit zu Stande gekommen, die all dies ermöglicht habe.

Eine halbe Million für die Region

Das ganze Projekt kostete laut Gemeinderat André Hafner eine halbe Million Franken. «Damit konnten wir wirtschaftliche Leistungen in der ganzen Zentralschweiz auslösen, vom Künstler bis zum Handwerker. Es ist ein Projekt von der Region für die Region», sagt er.

Einweihung der Geschichtsreise Seelisberg-Rütli: Gemeindepräsidentin Seelisberg Judith Durrer.

Einweihung der Geschichtsreise Seelisberg-Rütli: Gemeindepräsidentin Seelisberg Judith Durrer.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung

Von Gemeindepräsidentin Judith Durrer wollte Moderator Erich Herger mit Blick auf ihren Nidwaldner Namen wissen, wie viel Nidwaldner-Blut denn noch in der Urner Gemeindepräsidentin fliesse. «Gar keines, ich bin eingeheiratet», sagte sie zum Amüsement der Gäste. Für sie ist der Weg ein Vorzeigeprojekt, weil Seelisberg seit jeher auf Tourismus angewiesen ist.

Einweihung der Geschichtsreise Seelisberg-Rütli: Vereinsvorstand Angela Schori.

Einweihung der Geschichtsreise Seelisberg-Rütli: Vereinsvorstand Angela Schori.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung

Angela Schori, Präsidentin Vereinsvorstand «Geschichtsreise Seelisberg-Rütli», hat denn auch bereits ein paar «Erweiterungen» im Hinterkopf. «Wir wollen künftig mit Bildungsangeboten zusammenarbeiten, Führungen in vier Sprachen anbieten und den Schiller-Balkon ausbauen», sagt sie.

Mythos oder Fakt, das ist nicht die Frage

Einweihung der Geschichtsreise Seelisberg-Rütli: Regierungsrat Daniel Furrer.

Einweihung der Geschichtsreise Seelisberg-Rütli: Regierungsrat Daniel Furrer.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung

Vor den Gästen erklärte der frisch gewählte Urner Regierungsrat Daniel Furrer, Geschichte habe ihn schon immer interessiert. «Ob das Rütli Mythos oder Fakt ist, das ist nicht relevant. Wichtig ist, dass der kleine Kanton Uri Gründungsmitglied der Eidgenossenschaft war.» Beim Apéro verrät er zudem, dass er mit der Familie bisher eher im Urner Oberland Ferien gemacht habe. «Es ist denkbar, dass wir dank dem neuen Weg auch mal in Seelisberg zu Gast sind.»

Einweihung der Geschichtsreise Seelisberg-Rütli: Regierungsrat Othmar Filliger.

Einweihung der Geschichtsreise Seelisberg-Rütli: Regierungsrat Othmar Filliger.

Christian Tschümperlin / Urner Zeitung

Der Nidwaldner Regierungsrat Othmar Filliger sagt auf die Frage nach der Bedeutung des Anlasses: «Dass Vertreter der drei Urkantone hier sind, zeigt die gute Zusammenarbeit. Diese ist, genau wie die lokale Verankerung, das A und O im Tourismus.»

Die Publikumseröffnung der «Geschichtsreise Seelisberg-Rütli» findet am 1. August 2020 statt – als Ersatz für die Bundesfeier auf dem Rütli quasi. Inbegriffen sind Gratis-Führungen in Deutsch und eine Gratis-Bergfahrt Treib–Seelisberg. Es finden Führungen über den ganzen Tag hinweg statt, mit Mutter Helvetia (Tanya Schläpfer) oder mit Älpler Stephan Ferber und Sonnenberghotelier Michael Truttmann.

Für weitere Informationen geschichtsreise-seelisberg.ch.