Exil-Urnerin inspiriert sich in den Städten

Raffaela Zenoni ist künstlerisch weltweit tätig, hat aber auch zu ihrer einstigen Heimat nach wie vor eine enge Beziehung. Im Jahr 2020 hat sie bereits einiges vor.

Markus Zwyssig
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Die Exil-Urnerin und Künstlerin Raffaela Zenoni in ihrer Berliner Wohnung.

Die Exil-Urnerin und Künstlerin Raffaela Zenoni in ihrer Berliner Wohnung.

Bild: Martin Jepp

Berlin ist Raffaela Zenonis Wahlheimat – und auch die ihrer Familie. «Mein Mann, Urs Hammer, ist Diplomat und daher sind wir immer auf Reisen», sagt die Exil-Urnerin und Künstlerin. Als ihr Mann an der Schweizerischen Botschaft in Berlin arbeitete, habe sich die Familie derart wohlgefühlt, dass sie nicht mehr wegwollte. Diplomaten gehen jedoch vertraglich eine Versetzungspflicht ein und ziehen mit ihrer Familie alle drei bis vier Jahre in eine andere Stadt. «Die Lösung bestand darin, dass wir uns etwas Dauerhaftes, eine Wohnung mit Atelier für mich, in Berlin suchten und auch fanden.» Raffaela Zenoni verbringt jedoch die meiste Zeit am Arbeitsort ihres Mannes, um ihn bei Anlässen in der Residenz zu unterstützen und um ihre Kinder zu betreuen.

2017 ist die Familie nach Frankfurt am Main gezogen. Raffaela Zenonis Mann wurde dort zum Schweizerischen Generalkonsul ernannt. Sohn Zeno geht dort zur Schule. Sohn Basil studiert in Den Haag, wo mit Heinz Walker-Nederkoorn zurzeit ein Urner die Botschaft leitet. Raffaela Zenoni hat sich auch in Frankfurt ein provisorisches Atelier im Keller eingerichtet. Sie ist künstlerisch vielfältig tätig und weltweit bekannt. Ihre Gemälde und Skulpturen werden in Städten in Deutschland, Luxemburg und in der Schweiz ausgestellt. Werke der Exil-Urnerin sind in Sammlungen in Belgien, Deutschland, Frankreich, Luxemburg, der Schweiz, Singapur und in den USA anzutreffen.

Enges Urnerland ist zum Motor für Kunst geworden

Zu ihrer einstigen Heimat Altdorf hat Raffaela Zenoni eine sehr enge Beziehung. Vieles, was sie ursprünglich zum Weggehen animiert habe, relativiere sich durch die räumliche Distanz: «Aus der Ferne werden Dinge, Umstände oft weicher, die Berge weniger hoch, der Föhn weniger zerstörerisch, weniger laut, eher nur noch wie ein Wärmebringer, ein Farbenkünstler.» Die vor langer Zeit empfundene Enge wurde für Zenoni zum positiven Motor: «Sie gab mir Kraft, hinter dem Gitschen und dem Urirotstock neue Horizonte zu suchen.» Sie hat sich weiterentwickelt, ist ihren eigenen Weg gegangen, um als Künstlerin tätig zu werden.

Ab und zu kehrt Raffaela Zenoni jedoch in den Kanton Uri zurück. «Während unserer Zeit in Bern war es regelmässig der Fall.» Jetzt geschehe dies eher sporadisch. «Mir war es aber stets ein Anliegen, dass unsere Söhne Basil und Zeno auch im Kanton Uri Wurzeln fassen konnten», sagt Zenoni. Es sei schön, zu sehen, wie sie sich bei den Grosseltern im «Siessen Winkel» in Altdorf zu Hause fühlen würden. «Sie kennen das Brunnital, den Gruonbach und das Urner Matterhorn, den Bristen», so Raffaela Zenoni. «Sie sprechen sogar Ürner Dialekt.» Zudem kennen sie die «Ürner Biräweggä» und vieles mehr.

Kulinarische Spezialitäten vermisst auch Raffaela Zenoni manchmal; «Ofächrapfä» oder «Hufiisä» aus einer Urner Bäckerei. Ihre Brüder Gerold, Giulio und Felice sowie ihr Vater Gerold versorgen sie damit bei ihren Besuchen.

Das Künstlerische begleitete Raffaela Zenoni von klein auf. «Meine Fantasie war schon in meiner Kindheit mein grosses Geheimnis», verrät sie. 

«Ich träumte in Uri, war manchmal wohl kein einfaches Kind.»

Es sei eine Zeit reich an Erlebnissen und Gefühlen gewesen. Die verstorbene Urner Künstlerin Erna Schillig war einst Nachbarin. «Bei dieser edlen Dame, ich habe sie fein und interessant in Erinnerung, war ich oft zu Besuch.» Ein anderer Nachbar war Bildhauer. Zenoni erinnert sich, dass sie damals schon viel zeichnete und malte. Auf ihren Reisen durch die Metropolen Europas traf Raffaela Zenoni viele Künstler, neue Freunde. «Die Kreativität in mir ist ein Geschenk», gibt sie sich überzeugt. Und da erkenne sie das «Ürnermeitli» mit überschäumender Fantasie in ihr wieder. «Es war immer da und ging nie weg.»

Zwei Ausstellungen zeigen drei Künstlerpositionen

Künstlerisch steht für Raffaela Zenoni die Ausstellung Trilogie im Zentrum. In Stuttgart und Berlin sind Arbeiten von ihr sowie von Axel Venn und Willy Wiedmann zu sehen. Ins Rollen gebracht hat das Projekt Raffaela Zenonis Kunstagentin in Frankfurt, Petra Becker. Die Künstlerin mit Urner Wurzeln und Axel Venn besuchten das Künstlerhaus von Willy Wiedmann in Stuttgart–Bad Cannstatt. Dabei kam der Wunsch auf, sich einer Verbindung zum Werk des 2013 verstorbenen Künstlers zu stellen.

Und was ist als Nächstes geplant? Seit mehr als drei Jahren arbeitet Raffaela Zenoni an einer Art Kunst-Geschichte. Sie hat Bilder dazu gemalt, sich die Personen ausgedacht. Zurzeit hat die Geschichte Pause. Die Erzählung gehe weiter, sobald die Zeit reif dazu sei. Ein weiteres Projekt sind neue Bilder und Skulpturen-Köpfe in ihrer Reihe «Die andere Ahnengalerie». Für 2020 sind zudem neue Ausstellungen angedacht.

Bespielung der Bilder ist geplant

Gespannt ist Raffaela Zenoni auf ein weiteres Vorhaben. So ist eine Bespielung ihrer Bilder durch den Schweizer Jazzmusiker Daniel Guggenheim geplant. «Mir gefallen ungewöhnliche Ausstellungsräume und Situationen», sagt die Künstlerin mit Urner Wurzeln. «Wenn ich alte Fabriken sehe, grosse Hallen, geheimnisvolle leere Räume oder Klöster, dann hätte ich noch viele Ideen, wie man neue Ausstellungen und Begegnungsorte schaffen könnte.»

Das Kunstbuch «Axel Venn, Raffaela Zenoni, Willy Wiedmann – Trilogie – Aspekte Appelle Aktionen» ist für 32 Franken in der Buchhandlung Bido in Altdorf erhältlich.