Renata Graf ist die erste Frau an der Spitze der Gemeinde Hospental

Erst seit wenigen Tagen im Amt als Gemeindepräsidentin muss sie sich Renata Graf gleich mit einer Vakanz im Gemeinderat beschäftigen. Eine Fusion der 197-Seelen-Gemeinde mit Andermatt ist kein Thema. Hospental setzt vielmehr auf Eigenständigkeit.

Philipp Zurfluh
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Gemeindepräsidentin Renata Graf: «Das Amt des Gemeinderats soll eine Ehre und keine Last sein.» (Bild: Urs Hanhart, 3. Januar 2019)

Gemeindepräsidentin Renata Graf: «Das Amt des Gemeinderats soll eine Ehre und keine Last sein.» (Bild: Urs Hanhart, 3. Januar 2019)

Eine leichte aber kalte Brise weht an diesem Vormittag durch das Urserntal. Die Sonne drückt durch die Schleierwolken – ein traumhafter und perfekter Tag für Wintersportler. Die Autos stehen bereits in der Schöllenen Schlange. Gemächlicher geht es im frisch eingeschneiten Hospental zu und her, das zurzeit geradezu idyllisch daher kommt. Ein Bewohner schaufelt den Schnee vor seinem Hauseingang weg, ein anderer befreit mit Müh und Not sein schneebedecktes Auto. Gemeindepräsidentin Renata Graf geniesst diese Stille und den frischen Duft der Natur. «Ich bin gerne in der Natur unterwegs und liebe solche Wintertage wie heute.»

«Das Amt ist für mich eine Ehre und keine Last.»

Die 63-Jährige steht seit wenigen Tagen dem Gemeinderat vor. «Das Amt ist für mich eine Ehre und keine Last», sagt sie bestimmt. Das Gremium ist im Umbruch: Auf Ende 2018 haben drei Mitglieder (Präsident Beda Regli, Vizepräsident Peter Christen und Verwalter Michael Keller) des fünfköpfigen Gremiums ihre Demission eingereicht. Nach wie vor fehlen zwei Gemeinderatsmitglieder. Am Dienstag steht eine Sitzung auf dem Programm, an der das weitere Vorgehen diskutiert wird. Die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass es am Sonntag, 10. Februar, zu einem Amtszwang kommt, um die beiden freien Sitze im Gemeinderat zu besetzen. Obwohl die Situation verzwickt ist, scheut Renata Graf keine Herausforderung. «Ich habe in die Suche nach neuen Kräften sehr viel Zeit investiert», betont die Gemeindepräsidentin. Ihr sei bewusst, dass sich bereits viele Leute in Vereinen engagieren, doch sie bedauert die nicht vorhandene Bereitschaft. «Ich habe ein gewisses Verständnis, doch ich musste mir auch viele Ausreden anhören.»

«Man kann es nie allen recht machen»

Einen Hauptgrund für das fehlende Interesse an einem Engagement im Gemeinderat sieht Graf an der demografischen Entwicklung: «Die Hälfte der Einwohner ist über 65 Jahre und viele haben bereits ein Amt ausgeführt. Somit gilt für sie auch kein Amtszwang. Und junge Menschen sind hier rar.» Graf sieht auch im Image der Gemeinderäte einen Grund: «Es kommt ab und zu vor, dass man einigen Bürgern auf die Füsse tritt. Das gehört dazu. Man kann es nie allen recht machen.» Die 63-Jährige ergänzt: «Man soll stolz sein, das Amt des Gemeinderats zu bekleiden. Es soll eine Ehre und keine Last sein.»

Zur Person: Gerade mal zwei Jahre im Gemeinderat

Renata Graf (1955, SVP) ist im Kanton Luzern aufgewachsen. Sie hat eine Ausbildung als System-Engineer absolviert. Anschliessend arbeitete sie als Betriebssystemverantwortliche bei einer Versicherung und dann als Abteilungsleiterin in einem Rechenzentrum und bei einer Bank. 1999 machte sie sich selbstständig. 2007 wechselte sie zur Bank Julius Bär. Mit 60 Jahren hat sie sich frühzeitig pensionieren lassen. Renata Graf ist verheiratet und wohnt seit 2011 in Hospental. 2017 wurde sie in den Gemeinderat gewählt. (pz)

Renata Graf ist im Kanton Luzern geboren und aufgewachsen. 2011 wechselte sie zusammen mit ihrem Ehemann den Wohnsitz und nistete sich im beschaulichen Hospental ein. «Der Grund war vor allem unsere Leidenschaft fürs Skifahren.» Das Amt der Gemeindepräsidentin habe sie nicht explizit gesucht. «Hospentaler sind auf mich zugekommen und haben es mir schmackhaft gemacht und nahe gelegt. Die Entscheidung fiel mir nicht leicht, doch ich habe die Fähigkeiten, ein solches Amt auszuüben. Ich fühle mich zu jung, um nichts mehr zu machen», sagt sie selbstbewusst und lächelt.

Renata Graf erteilt Fusionsbegehren eine Absage

Die Abwanderung ist in Hospental ein seit Jahren bekanntes und wiederkehrendes Phänomen. Gibt es ein Gegenrezept? Graf wird nachdenklich. «Nein, so einfach ist das nicht. Es ist schwierig, die Attraktivität zu steigern. Wir wollen aber die vorhandenen Strukturen noch besser ausnutzen.» Dem Gemeinderat sei klar, dass man nicht explosionsartig wachsen könne und wolle, wie dies in Andermatt geschehe. Trotzdem steht für die gebürtige Luzernerin fest: «Wir wollen kein Schlafdorf werden! Es wäre zu bedauern, wenn Hospental im Schatten von Andermatt verschwindet.» Fusionsbegehren erteilt die gewiefte und führungserfahrene Präsidentin eine Absage: «Die Bereitschaft für eine Fusion ist in der Bevölkerung absolut nicht vorhanden.» Und weiter: «Es ist wichtig, dass wir unsere Eigenständigkeit und unseren Dorfcharakter bewahren.»

Zusammenarbeit soll gestärkt werden

Die Zusammenarbeit mit Andermatt funktioniere gut, Verbesserungspotenzial sei vor allem bei der Kommunikation vorhanden. «Wir möchten den Austausch noch intensivieren», betont Graf. Ihr ist es ein grosses Anliegen, dass Synergien – beispielsweise in den Bereichen Tourismus, Bildung und Wasserversorgung – effizient genutzt und ständig verbessert werden.

«Natürlich ist es unschön, wenn ein solches Gebäude den Dorfeingang bestückt.»

Hospental ist ein nostalgischer Hingucker. Auf engem Raum hat das Bergdorf viele historische Bauten. Etwas, das dem Betrachter ins Auge sticht – im negativen Sinne – steht eingangs Dorf. Dort ist das einstige Grandhotel Meyerhof. Dieses ist verwahrlost und nicht mehr zugänglich. Es war beabsichtigt, dass ein Investor im ehemaligen Grosshotel Wohnungen baut. Daraus wurde nichts. Die Präsidentin hat die Hoffnung nicht aufgegeben, dass bald wieder Leben in die Räumlichkeiten einkehrt. «Natürlich ist es unschön, wenn ein solches Gebäude den Dorfeingang bestückt. Trotzdem bin ich optimistisch, dass der ‹Meyerhof› wieder ein Blickfang wird.» Der Gemeinde seien aber die Hände gebunden, da das Gebäude Privaten gehört.

Das einstige Grandhotel Meyerhof in Hospental ist verwahrlost und nicht mehr zugängig. (Bild: Philipp Zurfluh, 3. Januar 2019

Das einstige Grandhotel Meyerhof in Hospental ist verwahrlost und nicht mehr zugängig. (Bild: Philipp Zurfluh, 3. Januar 2019

Projekt Reiswein-Brauerei liegt auf Eis

Ein weiteres Projekt, das aufgeschoben wurde, ist die geplante Reiswein-Brauerei. Eigentlich hätte im Dezember 2017 im ehemaligen Maschinenhaus des Elektrizitätswerks die Produktion von Sake – dem japanischen Nationalgetränk – anlaufen sollen. «Seit rund einem Jahr liegt dieses Projekt auf Eis.»

«Die Verbindungen Richtung Urner Unterland sind immer noch unbefriedigend.»

Die Präsidentin kämpft in Hospental für bessere Rahmenbedingungen – auch im ÖV-Bereich. «Die Verbindungen Richtung Urner Unterland sind immer noch unbefriedigend.» Vor allem morgens und abends seien diese alles andere als ideal. Zufrieden zeigt sich Graf mit dem Angebot des kostenlosen Regiobusses. Dieser transportiert Einheimische und Skigäste von Hospental nach Andermatt und wieder zurück.

Projekt für Winterhorn liegt bald vor

Das stillgelegte Skigebiet Winterhorn war jahrelang ein Dauerthema – und ist es immer noch. Die Winterhorn-Bahnen sind seit 2011 nicht mehr in Betrieb. «Für uns ist das Winterhorn noch nicht gestorben», gibt sich Renata Graf kämpferisch. Laut der Gemeindepräsidentin werde ein Projekt erarbeitet, das nächstens bei ihr auf dem Schreibtisch liegen sollte. «Eine sanfte Nutzung mit wenigen Eingriffen in die Natur ist durchaus vorstellbar und wünschenswert. Der Tourismus steht dabei aber nicht im Fokus», sagt Graf. (pz)

Sawiris-Effekt bleibt aus

Und was spüren die Hospentaler vom Sawiris-Effekt? «Fast nichts», betont Graf. «Die Zahlen beweisen es.» Trotzdem hofft sie, dass mit dem Angebot des Regiobusses mehr Gäste den Weg nach Hospental finden. Vor allem auch dann, wenn in Andermatt die Unterkünfte ausgebucht sind. Kaum im Amt, muss die umtriebige Präsidentin nach dem Interview zum nächsten Termin. Doch Renata Graf macht das nichts aus. Sie strotzt nur so vor Energie und hat viel vor: «Zum Wohle der Gemeinde», wie sie sagt.

Die «Urner Zeitung» stellt in den kommenden Wochen in loser Folge alle neuen Urner Gemeindepräsidenten vor.

Hospental: Amtszwang ist wahrscheinlich

In Hospental sind erst drei von fünf Gemeinderäten gewählt. Am 10. Februar könnten zwei Einwohner an der Urne dazu verknurrt werden, ein Mandat in der Gemeindebehörde übernehmen zu müssen.