Sie ist stolz auf die eigene Plakette

Annemarie von Mentlen hat die Altdorfer Fasnachtsplakette gestaltet. Ein Besuch im Atelier der Keramikerin.

Christian Tschümperlin
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Annemarie von Mentlen während ihrer Arbeit in der Militärbaracke.

Annemarie von Mentlen während ihrer Arbeit in der Militärbaracke.

Bild: Christian Tschümperlin (23.1.2020)

Die Fasnacht ist teuer und die Klage über das ausgegebene Geld fast so alt wie die Fasnacht selber. Ein Brauch, der sich bis ins 21. Jahrhundert gerettet hat, ist die Fasnachtsplakette, schreibt Rolf Gisler-Jauch auf der Plattform Urikon.ch. Anfang der 1970er-Jahre setzte sich die Plakette aus Metall durch. In Altdorf dient die Fasnachtsplakette traditionell zur Finanzierung des Umzuges.

Auch dieses Jahr hat das Altdorfer Umzugskomitee die Gestaltung der Plakette einem kreativen Kopf überlassen: Wie schon im vergangenen Jahr zeigt sich Annemarie von Mentlen verantwortlich dafür. Auf die grosse Ehre angesprochen, ringt sie um Worte: «Die Freude ist riesig, es bedeutet mir sehr viel», sagt sie schliesslich. Annemarie von Mentlen ist mit der Altdorfer Fasnacht seit Kindesbeinen stark verbunden. «Von meinem Vater habe ich eine kleine Pauke übernommen. Als Mädchen marschierte ich damit beim Chinderumzug mit, später durfte ich beim Eintrommeln dabei sein.» Vor dem Start zur Fasnacht sei sie immer ganz aufgeregt und der erste Schlag aufs Paukenfell wirke wie eine Erlösung.

Die Künstlerin kann jeweils selber bestimmen, welches Sujet auf der Plakette zu sehen ist. Einzige Bedingung: Der Bezug zur Fasnacht muss gegeben sein. Das diesjährige Motiv hat Annemarie von Mentlen dem Wagenbau gewidmet. Auf der Plakette sind die Anfänge eines Orangenwagens und vier fleissige Handwerker zu sehen: Zwei schaffen einen Rahmen heran, einer bohrt und jemand pinselt. Die Altdorferin verrät ein kleines Geheimnis: «Die Frau mit dem Pinsel, das bin ich.» Alte Fotos dienten dem Sujet als Vorlage. Seit nunmehr 20 Jahren beschriftet von Mentlen alle Umzugswagen mit dicken Lettern.

Die Plakette gibt es in vier Varianten

Von der Idee zur Plakette bis zur Umsetzung ist es ein langer Schaffensprozess: Ist die Illustration einmal zu Papier gebracht, landet das Kunstwerk bei der Luzerner Graveurin Janine Heinzer, die aus der Skizze ein Gipsmodell formt. Danach wird das Gipsmodell weitergereicht an eine Gravur-Firma. Am Ende stehen vier Varianten zum Verkauf: eine Kupfer-, Silber-, Gold- und Grossplakette. Erworben werden kann sie in verschiedenen Geschäften – aber auch direkt am grossen Wagenumzug am Gidelmäändig.

Anni, wie sie von Freunden genannt wird, amtete neun Jahre lang als Aktuarin im Vorstand der Katzenmusikgesellschaft. Dies ist aber nicht die einzige Bewandtnis, weshalb gerade sie drei Jahre infolge die Fasnachtsplakette gestalten darf. An ihrer künstlerischen Ader hat sich nämlich ein Leben lang geschliffen. Von Mentlen ist vollberufliche Keramikerin. Ein Beruf, der viel Kreativität und Fingerspitzengefühl erfordert – und der immer seltener anzutreffen ist.

Herz und Seele von Anni von Mentlens Schaffen ist eine unscheinbare, ausrangierte Militärbaracke neben der Flüelerstrasse in Altdorf. Einzig die grossen Letter «Keramik» neben dem Eingang verweisen auf das Atelier. Drinnen demonstriert von Mentlen am Tag des Treffens an einer Drehscheibe ihr Können. Vor und hinter ihr reihen sich von Hand gemalte Becher aneinander: traditionell bunte sowie modern schlichte. Den rustikalen Holzofen hat sie für die kurze Demonstration nicht extra eingefeuert. Denn eigentlich befindet sich die Baracke derzeit «im Winterschlaf», wie von Mentlen sagt. Und so lädt sie daraufhin in die warme Stube ein. Den Kaffee in ihrem Eigenheim serviert sie in einer Kaffeetasse mit der Aufschrift «Katzenmusikgesellschaft Altdorf.» Sie hat diese selber geformt und gebrannt.

«Die Keramik-Kunst hat sich in der Schweiz stark verändert, seit ich die Lehre zur Keramikmalerin und die Zusatzausbildung zur Töpferin absolviert habe», sagt die heute 52-Jährige. Ihre Ausbildung begann 1995 in Rheinfelden. Damals stand noch die serienmässige Produktion im Vordergrund. «Da war es wichtig, dass jedes Stück gleich aussieht.» Inzwischen werden die Tassen der grossen Handelsketten maschinell hergestellt. Die übrig gebliebenen Keramiker mussten sich neu ausrichten: «Wir stellen heute Designstücke her, Luxusgüter.» Luxus oder nicht – rechnet man die Arbeitsstunden, die in einer einzelnen Tasse stecken, auf den Preis hoch, handelt es sich dabei immer noch um einen Kompromiss. Ferien sind für Anni von Mentlen daher ein Privileg. Ab 1995 arbeitet sie in Brunnen als Keramikerin, seit 1999 ist sie selbstständig.

Reise zu einer Hochkultur der Keramik

In bester Erinnerung geblieben sind ihr die Japan-Reisen in den Jahren 2006 und 2010, wo sie traditionellen Teezeremonien beiwohnen durfte. Und Teezeremonien kommen bekanntlich nicht ohne Tassen aus. Japan, aber die asiatischen Länder generell, gelten als Hochkulturen der Keramik. «Über die Keramikkunst bin ich der japanischen Kunst nähergekommen und ich kann nur sagen, dass es eine sehr schöne Reise war.» Trotz gewisser Einschränkungen schätzt sich von Mentlen glücklich: «Ich habe meinen Wunsch verwirklicht, mit den Händen meine Kreativität zum Ausdruck bringen zu können.» Diese Faszination möchte sie nicht missen.