Urnerin kämpft wie eine Löwin um ihren Hund – Bundesgericht gibt ihr Recht

Weil sie sich nicht an die Maulkorb- und Leinenpflicht gehalten haben soll, wurde Maud Berners Hund Louis beschlagnahmt. Fast zwei Jahre später sind Hund und Frauchen wieder vereint. Ihr Kampf gegen das Veterinäramt geht jedoch weiter.

Carmen Epp
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Maud Berner mit dem zurückgekehrten Hund Louis (rechts) und Hündin Jule. (Bild: Manuela Jans-Koch (Ennetbürgen, 7. März 2019))

Maud Berner mit dem zurückgekehrten Hund Louis (rechts) und Hündin Jule. (Bild: Manuela Jans-Koch (Ennetbürgen, 7. März 2019))

Ein Jahr, elf Monate und sieben Tage: So lange war Maud Berner von ihrem Mischlingsrüden Louis getrennt. Als sich die beiden am Donnerstag, 28. Februar, im Aussengehege des Tierheims ­Paradiesli in Ennetmoos wiedersehen, ist von dieser langen ­Trennung nichts mehr zu spüren: Louis steuert sofort auf Berner zu und freut sich sichtlich, sein Frauchen wiederzusehen.

Dass Louis ihr auch nach fast zwei Jahren Trennung noch immer so loyal ergeben ist, verwundert Berner nicht. «Er wusste, dass ich ihn eines Tages abholen würde», sagt sie. «Ich habe es ihm damals hoch und heilig versprochen.»

Von Maulkorbpflicht bis zur Beschlagnahmung

Mit «damals» meint Berner den 7. April 2017, als zwei Mitarbeiterinnen des Veterinäramts der Urkantone (VdU) mit zwei Polizisten den siebenjährigen Rüden gegen Berners Wille in deren Wohnung in Altdorf abholten. Der Kantonstierarzt der Urkantone hatte die Beschlagnahmung des Hundes verfügt, weil Berner sich nicht an die 2015 verhängte generelle Leinen- und Maulkorbpflicht gehalten haben soll. Die war verfügt worden, nachdem Louis zwei Schafe so schwer verletzte, dass deren Besitzer sich entschied, sie einzuschläfern.

Zum Schluss gekommen, dass Berner sich nicht an die Leinen- und Maulkorbpflicht halte, war der Kantonstierarzt unter anderem wegen einer angemeldeten Kontrolle, die im April 2016 stattfand. Dabei zeigte Berner der Amtstierärztin, wie gehorsam und abrufbar ihr Hund ist. Stattdessen bemängelte die Tierärztin im Protokoll, dass die Leinen- und Maulkorbpflicht nicht eingehalten wurde. «Ich ging davon aus, dass man sehen wollte, ob das Hundetraining etwas gebracht hat. Dass das mit Leine und Maulkorb zu tun hat, schien mir unsinnig», erinnert sich Berner. Dass man kontrollieren wollte, ob sie sich an die Leinen- und Maulkorbpflicht hält, versteht sie bis heute nicht. «Das macht man doch nicht angemeldet!» Zur ­Beschlagnahmung von Louis kam es dann aber erst ein Jahr nach dieser Kontrolle. Dies aufgrund von Meldungen von Privatpersonen, die über Drittpersonen erfahren haben wollten, dass Berner ihren Hund ohne Leine und Maulkorb ausführe; sowie wegen zwei Handyvideos, auf denen Berner mit dem unangeleinten Louis zu sehen sein soll.

Louis war bereits zur Vermittlung ausgeschrieben

Für Berner, die das Amt immer wieder auf Widersprüche hinweist und sich für ihren Hund wehrt, steht fest: «Die Massnahmen sind gegen mich gerichtet. Das Veterinäramt hat mich auf dem Kieker.» Dieser Eindruck reisst auch nach der Beschlagnahmung nicht ab – im Gegenteil. Einen Monat nachdem man ihr den Hund weggenommen hatte, entdeckt Berner auf Facebook, dass Louis vom Tierheim Paradiesli in Ennetmoos zur Vermittlung ausgeschrieben ist. «Ich bin in Tränen ausgebrochen», erinnert sich Berner. Erst nach der Intervention ihres Anwalts verschwindet die Anzeige von der Website des Tierheims. Anderthalb Jahre später ordnet das Obergericht an, Louis dürfe bis zum Vorliegen eines rechtskräftigen Entscheids nicht vermittelt werden.

Berner gibt nicht auf und wehrt sich durch alle Instanzen gegen die Beschlagnahmung. Nachdem ihre Einsprache zunächst vom VdU, dann vom Regierungsrat und schliesslich vom Obergericht abgewiesen wird, gelangt die Hundehalterin schliesslich ans Bundesgericht – mit Erfolg: In seinem Urteil vom 18. Februar 2019 (2C_325/2018) heisst das höchste Gericht Berners Beschwerde gut. Es gebe keine ausreichende gesetzliche Grundlage für die angeordnete Beschlagnahmung von Louis», weshalb das Urteil des Obergerichts aufzuheben sei. Der Kanton Uri muss Berner 2500 Franken Parteientschädigung zahlen. Zur Neuverlegung der Kosten und Entschädigungen wird die Sache ans Obergericht zurückgewiesen.

Doch bevor Berner von ihrem Sieg erfährt, wird sie über ihren Anwalt vom VdU kontaktiert. Ob sie nun nicht doch auf Louis verzichten möchte; sie würde sich damit Tierheimkosten sparen und seine Vermittlungschancen erhöhen. Berner lässt die Anfrage unbeantwortet – zu absurd die Vorstellung, sie würde Louis je aufgeben. «Wir sind fest davon ausgegangen, dass Frau Berners Beschwerde vom Bundesgericht abgewiesen wird», sagt Kantonstierarzt-Stellvertreter Marco Gut auf Anfrage. «Da wollten wir in Erfahrung bringen, ob sie überhaupt noch an Louis interessiert ist. Falls nicht, hätte man den Hund bereits ausschreiben und ihm weitere Zeit im Tierheim ersparen können.» Selbstverständlich habe man zu diesem Zeitpunkt noch nicht gewusst, dass das Bundesgericht bereits anders entschieden hat, betont Gut.

Veterinäramt will Gesetzeslücke schliessen

Seit elf Tagen ist Louis nun wieder bei seinem Frauchen, die inzwischen von Altdorf nach Ennetbürgen gezogen ist. Auch mit Hündin Jule, die vor acht Monaten zu Berner gestossen ist, ­versteht sich Louis bestens. Mit dem Kopf auf Frauchens Schoss scheint die Welt für ihn wieder in Ordnung. Und für Berner? Der Kampf habe sie viele Nerven und Geld gekostet, sagt die 57-jährige Physiotherapeutin. Schätzungsweise 85000 Franken gab sie für Gerichts-, Anwalts- und Verfahrenskosten aus. Gleichzeitig habe sie aber auch Kontakte dazugewonnen; zu rund 25 Leidensgenossen, die ebenfalls in die Mühle des VdU geraten sind. «Dadurch weiss ich, dass ich kein Einzelfall bin», so Berner. Trotz- oder gerade deswegen geht ihr Kampf weiter. Zwei Strafanzeigen gegen Mitarbeiter des VdU habe sie bereits eingereicht, eine weitere – mit Genugtuungsforderung – sei in Planung. Mit Geld sei die Sache aber nicht getan, fügt Berner an. Sie verlangt, dass die Verantwortlichen ihre Fehler öffentlich eingestehen und aufzeigen, welche Lehren sie daraus ziehen. «Damit nicht noch weitere Hunde dasselbe durchmachen müssen wie Louis.»

Beim Veterinäramt der Urkantone sieht man jedoch keinen Grund für eine Entschuldigung, wie Gut auf Anfrage sagt. Das Bundesgericht habe lediglich festgehalten, dass für eine Beschlagnahmung eines Hundes die gesetzliche Grundlage fehle, hält Gut fest. «Das nehmen wir zur Kenntnis. Wir arbeiten nun mit den Rechtsdiensten der betroffenen Urkantone zusammen, um diese Lücke zu schliessen.»