SIERRA LEONE: Wie ein Altdorfer in Afrika flugs zum Fürsten wurde

Hubert Herger geniesst in Afrika hohes Ansehen. Der Urner Flughafenmanager schätzt auch das Leben fernab der High Society.

Florian Arnold
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Hubert Herger vor einem Triebwerk auf dem Flughafen Freetown in Sierra Leone. (Bild: PD)

Hubert Herger vor einem Triebwerk auf dem Flughafen Freetown in Sierra Leone. (Bild: PD)

Ein Dinner mit UNO-Generalsekretär Ban Ki Moon, ein Meeting mit dem Schweizer Konsul, dann wieder ein Nachtessen mit der Frau des Präsidenten. Er kann sich von einem Chauffeur im Dienstfahrzeug fahren lassen, und zu Hause schaut ein Angestellter zum Rechten. In Sierra Leone hat Hubert Herger den Status eines Fürsten, auch wenn er erst 35 Jahre alt ist. Der Altdorfer war in den vergangenen zwei Jahren ein wichtiger Mann im westafrikanischen Staat. Denn Herger war Country-Manager der Brussels Airlines in der Hauptstadt Freetown. Die belgische Fluggesellschaft war die Erste, die Sierra Leone nach dem Bürgerkrieg im Jahr 2000 wieder anflog. «Wir haben den Status der Fluggesellschaft, die den Staat an die Welt anbindet», erklärt Herger.

Nicht jedes Lachen ist ernst gemeint

Status erlange man in Sierra Leone oft schon über die Hautfarbe. «Wer weiss ist, hat Kohle. Zumindest glauben die Behörden und Polizisten, dass es was zu holen gibt.» Der Status des reichen Weissen habe also nicht nur Vorteile: «Nicht jeder, der dir zulächelt, meint es gut mit dir.» Herger relativiert jedoch: «Bewaffnete Kriminalität gibt es in Freetown ungefähr gleich viel wie in westeuropäischen Metropolen. Ich habe davon nie etwas mitbekommen.» Wer etwas Vorsicht walten lasse, habe nie ein Messer an der Kehle oder eine Pistole am Kopf, so der Urner. Lediglich etwas Bargeld sei ihm geklaut worden.

Hubert Herger hat das Abenteuer gesucht. Nach der Verkehrsschule in Luzern und seiner Luftverkehrslehre bei der damaligen Swissair hat er in Stuttgart, Mailand und Paris gearbeitet. Für ihn war jedoch klar: «Solange ich jung bin, wollte ich auch interkontinental arbeiten. Am besten an einem exotischen Ort, wo alles anders abläuft als in Westeuropa.»

Pannen sind programmiert

Die Brussels Airlines, die wie die Swiss eine Tochter der Lufthansa ist, ermöglichte Herger diesen Traum. So wurde er für zwei Jahre als Destinationsleiter von Sierra Leone beauftragt. Denselben Job übte er auch im Staat Mali für zehn Monate aus und baute dort in einem knappen Jahr die neue Destination für die Brussels Airlines auf.

Es habe schon etwas Akklimatisationszeit gebraucht, sagt Herger. Dabei habe er für die hohen Temperaturen weniger lange benötigt als für die Mentalität. «Man kann sich auf nichts verlassen, ausser dass es irgendwann sicher eine Panne geben wird, dass dir jemand ans Geld will und dass die Behörden korrupt sind.» Rechtsstaat sei in vielen Teilen afrikanischer Länder ein Fremdwort. «Manchmal kommt man nicht zum Recht, bevor man den Behörden nicht etwas zusteckt.» Herger betont, dass er in Sierra Leone keinen einzigen Rappen Bestechungsgeld gezahlt habe. Doch in Mali musste da und dort zähneknirschend etwas nachgeholfen werden, weil Verfahren etwa im Justizministerium zu lange hängen geblieben wären. «In Ausnahmefällen muss man eben seine Prinzipien über den Haufen werfen, auch wenn man das nicht gerne tut.» Die Gesellschaft habe davon Kenntnis, und alles würde, so gut es eben geht, korrekt abgerechnet.

Ein Vor- und Nachgeben

An seine schweizerische Art hätten sich seine rund 15 Angestellten erst gewöhnen müssen. «Aber ich hatte zum Glück ein sehr motiviertes Team.» Nur manchmal habe er etwas vor- und nachgeben müssen. Und Spontaneität sei wichtig gewesen: «Kein Arbeitstag gleicht dem anderen.» Hier ein Konzept, da eine Teambesprechung, dort ein Verkaufstermin, da eine Rechnungsprüfung. Das Abfertigen von Flugzeugen an Flugtagen gehörte genauso zum Job wie eben auch das Pflegen wichtiger Geschäftsbeziehungen.

Hubert Herger bekam auch viel Armut zu sehen: «Ich konnte nicht jedem Bettler einen Dollar in die Hand drücken.» Trotzdem habe er da und dort sinnstiftende Projekte unterstützt oder etwa dem Bäcker den doppelten Preis bezahlt. Und auch das Engagement der Fluggesellschaft sieht er als eine gute Sache für das Land an: «Wir bringen Arbeitsplätze hierher und zahlen im Vergleich überdurchschnittliche Löhne und Steuern.»

Weisser Biker im Hinterland

Zwischendurch brauchte Herger auch mal Abstand von der High Society. Dann schnappte er sich jeweils sein Mountainbike und fuhr in abgelegene Ortschaften, wo er schnell mit den mehrheitlich freundlichen Einheimischen ins Gespräch kam. Diese verstanden dann jeweils die Welt nicht mehr, dass sich ein Weisser auf einen Drahtesel schwingt», sagt Herger schmunzelnd.

Nun hat der Urner wieder in die Schweiz gewechselt und arbeitet für die Swiss. Von seinem Trip bereut er aber keinen Tag: «Es tut jedem gut, einmal fremdes Brot zu essen.» So lerne man einerseits Fremdes kennen und schätzen, könne sich aber auch wieder an Alltäglichem wie einem funktionierenden Eisenbahnnetz freuen.