SILENEN: Hausarzt: «Ich will wieder leben können»

In Uri gibt es immer weniger Hausärzte. Und die verbleibenden Ärzte werden überrannt. Jetzt soll eine Gemeinschaftspraxis in Amsteg die Situation entschärfen.

Elias Bricker
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Der Silener Hausarzt Guido Orsingher (62) arbeitet 70 Stunden die Woche – weil er von Patienten überrannt wird. (Bild Elias Bricker)

Der Silener Hausarzt Guido Orsingher (62) arbeitet 70 Stunden die Woche – weil er von Patienten überrannt wird. (Bild Elias Bricker)

Elias Bricker

«Ich will wieder leben», sagt Guido Orsingher. Der Silener Hausarzt arbeitet bis zu 70 Stunden die Woche. So wie ihm geht es vielen Ärzten im Kanton Uri. Denn Uri hat ein Problem: Gerade noch 23 Hausärzte gibt es für die rund 36 000 Einwohner. Rund die Hälfte von ihnen steht vor der Pension. Junge Ärzte sind rar (siehe Box). Die verbleibenden Allgemeinmediziner werden deshalb von den Patienten überrannt. «Zudem hat der bürokratische Aufwand in den vergangenen Jahren massiv zugenommen und kostet zusätzlich Zeit», klagt Orsingher. Doch momentan hat er noch mehr Arbeit als sonst schon. Orsingher ist seit längerem auf der Suche nach einer Praxisassistentin – bisher vergeblich. «Diese Vakanz blockiert», sagt er. «Vieles bleibt an mir hängen.» Wegen fehlendem Personal kann der Arzt seit August nur reduzierte Praxisöffnungszeiten anbieten. «Dabei möchte ich jetzt mit 62 Jahren kürzertreten. Einfach nicht mehr so viel arbeiten.»

Ehemalige Bankfiliale umbauen

Weil er sein Pensum reduzieren möchte, plant Orsingher eine Gemeinschaftspraxis im Silener Ortsteil Amsteg. «Momentan ist zwar noch nichts spruchreif, doch es laufen Verhandlungen.» Der Arzt möchte die Räumlichkeiten mieten, in denen früher die Filiale der Urner Kantonalbank (UKB) untergebracht war – unmittelbar bei der Bushaltestelle am Postplatz. Die Räume stehen seit einigen Jahren leer. Für eine Umnutzung wären bauliche Anpassungen in der Höhe von rund 350 000 Franken nötig. «Der Standort und die Platzverhältnisse in Amsteg wären aber ideal», ist Orsingher überzeugt. «Die neue Praxis wäre auch viel besser erreichbar als die jetzige.»

Doktorhaus am alten Bahnhof

Heute praktiziert Orsingher im sogenannten Doktorhaus in Silenen beim Bahnhof, an dem seit Jahren keine Züge und Busse mehr halten. Das Spezielle daran: Das 1962 erbaute Wohnhaus mit Praxis gehört seit 1968 der Gemeinde Silenen. «Die Praxisräumlichkeiten sind mit nur einem kleinen Behandlungszimmer eigentlich selbst für eine Einzelpraxis zu klein», sagt der Arzt. «Eine Gemeinschaftspraxis ist hier nicht realistisch.» Zudem lebt Orsingher seit zwei Jahren nicht mehr im Haus. Der Wohntrakt steht seither leer. Orsingher möchte aber nur noch den Praxisteil mieten. Deshalb hat er per Ende März den Mietvertrag für das ganze Haus mit der Gemeinde gekündigt. Am Engagement der Gemeinde fehlt es aber nicht. 2004 wurde das Haus umgebaut. «Zudem sind wir mit Guido Orsingher schon länger im Dialog», sagt Gemeindepräsident Hermann Epp. Er ist der Ansicht, dass die Gemeinde dem Arzt zu guten Konditionen optimale Infrastrukturen bieten könnte. «Zudem haben wir schon mehrmals Bereitschaft signalisiert, die Praxisräumlichkeiten baulich den heutigen Anforderungen anzupassen», so Epp. Deshalb irritiere Orsinghers Kündigung ein bisschen.

Hauptsache einen Arzt

Nichtsdestotrotz sei der Gemeinderat offen für eine Gemeinschaftspraxis am Postplatz in Amsteg. «Für uns ist es einfach wichtig, dass wir auch künftig einen Hausarzt in der Gemeinde haben», sagt Epp. Und falls Orsingher das Projekt tatsächlich realisieren kann, wolle die Gemeinde keine zusätzliche Konkurrenz schaffen und würde eine Umnutzung des bisherigen Doktorhauses prüfen.

Orsingher sucht Partner

Doch ob Guido Orsingher seine Gemeinschaftspraxis realisieren kann, ist momentan ungewiss. Denn der Arzt muss zuerst eine Praxisassistentin finden und dann einen Geschäftspartner. «Meine Praxis muss funktionieren, damit ein Partner einsteigt», sagt er. Doch das ist angesichts des Fachkräftemangels gar nicht so einfach. «Erschwerend kommt hinzu: Wir sind hier in der Peripherie», so Orsingher. «Wir haben hier klar einen Standortnachteil. Es ist hier im mittleren Reusstal viel schwieriger, Fachpersonal zu finden als etwa in Altdorf.» Das habe er nun auch bei der vergeblichen Suche nach einer Praxisassistentin gemerkt. Die Lösung der Probleme sieht Guido Orsingher in der Zusammenarbeit mit einer Gemeinschaftspraxis im Unterland oder einer Organisation, die Arztpraxen betreibt. «So würde es einfacher, einen Arzt oder eine Praxisassistentin zu finden», sagt Orsingher. Zudem wäre es leichter, Ferienablösungen zu organisieren. «Momentan bin ich in Verhandlungen mit einem möglichen Partner», sagt der Arzt. «Ich bin optimistisch, dass es zu einer Zusammenarbeit kommt.»

Bis zur Eröffnung der Gemeinschaftspraxis in Amsteg dürfte es noch ein weiter Weg sein. Gut möglich, dass Guido Orsingher trotz Kündigung vorerst weiterhin im Doktorhaus in Silenen praktiziert. Doch Orsingher sagt auch klar: «Sollte ich keine Praxisassistentin und keinen Partner finden, ist auch die Auflösung der Praxis eine Option.»

Kanton wirbt bei Medizinstudenten

Mit 23 Hausärzten weist der Kanton Uri eine der tiefsten Ärztedichten der Schweiz auf. «Zudem arbeiten viele junge Ärzte heute kaum noch 100 Prozent», sagt Roland Hartmann, Generalsekretär der Urner Gesundheits-, Sozial- und Umweltdirektion. Dieser Trend werde verstärkt durch die Tatsache, dass 62 Prozent der Medizinstudenten Frauen seien. Diese wollen später Beruf und Familie vereinen. «Teilzeitarbeit und Gemeinschaftspraxen sind Zukunftsmodelle», so Hartmann. Der Kanton hat nun Massnahmen ergriffen, um die Situation zu entschärfen: Er hat das Netzwerk UriMed ins Leben gerufen. Es organisiert Veranstaltungen für Urner Medizinstudenten. So werden Kontakte geknüpft. Eine zweite Massnahme ist das Gesundheitsnetzwerk Uri. Es sollen Massnahmen zur Förderung der medizinischen Grundversorgung umgesetzt werden. Die dritte Massnahme ist die Revision des kantonalen Gesundheitsgesetzes, über die im Sommer abgestimmt wird. Dadurch sollen finanzielle Fördermassnahmen ermöglicht werden.